Meinung: Owner Driver

Ernesto Bertarelli will seinen Monster Kat selber steuern

Thumb up! Ernesto Bertarelli fühlt sich gut genug am Lenker Foto: Alinghi

Respekt! Alinghi Chef Ernesto Bertarelli hat vor, am Montag das Rad seines Mega Kats selbst zu drehen. So wird er heute von der spanischen Tageszeitung Las Provincias zitiert. Das ist prinzipiell verständlich. Wer vermutlich mehr als 100 Millionen Euro in die Hand nimmt, um ein Schiff auf das Wasser zu bekommen, der will auch am Lenker stehen.

Aber was ist das für eine Klatsche für die Zunft der Profisegler? Dietmar Hopp läuft ja auch nicht bei Hoffenheim auf.

Nichts gegen die Fähigkeiten von Herrn Bertarelli (44). Er hat mit den 25-Fuß-Décision-Kats auf dem Genfer See respektable Erfolge erreicht. Und er sagt: „Ich denke, ein ausreichendes Level erreicht zu haben, um das Boot zu steuern.“

Es ist nicht davon auszugehen, dass der Alinghi-Macher in diesem Fall an Selbstüberschätzung leidet. Man könnte ihm wohl vieles vorwerfen aber sicher keine Dummheit.

Wenn er den Kat deutlich langsamer steuern würde als sein Star-Steuermann Ed Baird, der immerhin den Extreme 40 Zirkus gegen die besten Multihull-Segler gewonnen hat. Und wenn er auch gegen Supermann Loick Peyron keine Chance hätte, dann würde er den Sieg wohl nicht aufs Spiel setzen.

Vielleicht ist der Alinghi Kat aber auch so schnell, dass der Steuermann gar nicht 100 Prozent aus dem Gefährt holen muss, um den BMW Oracle Tri zu schlagen.

Was auch immer hinter der Nachricht vom Owner Driver Bertarelli steckt. Es wird deutlich, wohin sich dieser 33 America´s Cup seglerisch bewegt hat. Der Steuermann ist einfach nicht so wichtig.

Rückblick: BMW Technologie Workshop in München. Russell Coutts bringt die frohe Botschaft von der Geburt des Mega-Flügels unter die Menschen. 50 Journalisten aus 12 Nationen sollen in die Welt tragen, wie groß der Anteil von BMW an diesem Superlativ-Projekt ist.

Coutts ist grauer geworden. Schmale Lippen, abwärts zeigende Mundwinkel. Er trägt schwarze Lackschuhe und weißes Hemd. Ganz der Manager, wenig erinnert an den Superstar-Segler.  Er ist nun mehr Taktiker und Strippenzieher an Land als Wind-Riecher. Mehr Konzernchef als Match-Race-As. Beiläufig bestätigt er, dass er bei den Cup-Rennen selber nicht an Bord sein wird.

Stattdessen muss er die technologische Dimensionen preisen, in die sein Team vorgestoßen ist.  Coutts schwärmt: „Das ist eines der coolsten Boote, die es je in der Geschichte unseres Sports gegeben hat.“
Stimmt ja auch. An 26500 Punkten werden im Sekunden-Takt Messungen vorgenommen. 30 Prozent soll das Schiff seit seinem Stapellauf vor einem Jahr schneller geworden sein. Die Ingenieure schwärmen von den neuen Dimensionen. Bei den alten Cuppern feilten sie an 0,5 Prozent-Fortschritten.

Zugegeben, der Bus ist schnell, die Maschine stark. Aber Knopfdruck-Segeln gefällt einem Coutts so wenig, wie Michael Schumacher Dragster-Rennen. Die Leistung des Sportlers ist deutlich reduziert.

Solche Gedanken mögen Russell durch den Kopf gehen, wenn er dem allgegenwärtigen Team-Sprecher Tom Ehman bei dessen gewohnter Parlier-Performance vor der versammelten internationalen Journalisten-Prominenz zuschaut.

Etwas wehmütig spricht Coutts selbst davon, wie nun ein Motor die Arbeit von acht Grindern übernimmt. Es war eine taktische Entscheidung von Alinghi. Nun musste auch auf dem Tri ein Motor an Bord. Die BMW-Maschine bringt 110 PS. Acht Grinder schaffen nur 5 PS. Die starken Männer werden nicht mehr gebraucht. Sie sind von der Crewliste gestrichen. Arbeitslos.

Bei aller Euphorie über die technische Entwicklung der Mega-Multihulls. Das Segeln, bei dem Menschen als Sportler eine Rolle spielen, ist auf der Strecke geblieben. Taktik, Steuertechnik, Windstrategie – das alles spielt am Montag nur noch rudimentär eine Rolle spielen.

Russell Coutts kann nicht verhehlen, dass er diese Entwicklung bedauert. Auch wenn er das nur durch Körpersprache ausdrückt. Aber das ist ein gutes Zeichen. Wenn der Maestro wirklich bald die Kanne in Händen halten sollte, dann besteht eine gute Chance, dass beim folgenden America´s Cup wieder die Segler im Vordergrund stehen.

Aber ist das noch Segeln? Was ist aus Coutts geliebtem Cup geworden, den er dreimal gewonnen hat? Der Neuseeländer ist auch Ingenieur. Er mag die technische Seite seines Sports. Besonders dieser Hintergrund hat ihn im Cup-Business an die Spitze gebracht. Aber bisher waren die Anteile zwischen Segeln und Technik einigermaßen ausgewogen. Nun haben Zahlen-Jongleure die Führung im AC-Spiel übernommen. Logistiker, Designer, Bootsbauer und Juristen sind die wichtigen Leute. Segler sind nur noch Busfahrer. Maschinisten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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