Faire Wertung: Soll weiterhin ein Fehler erlaubt sein? – Wie man die besten Segler ermittelt

Den Streicher streichen

Bei Segelregatten darf man sich mindestens einen Ausrutscher erlauben. Ist der Streicher ein lieb gewonnenes Relikt aus alten Zeiten, oder immer noch eine Notwendigkeit? Der 49er- und Nacra17-Boss erwägt die Abschaffung.

Es ist seit vielen Jahren im Segelsport üblich, dass Regattasegler in einer Rennserie ihre schlechtesten Einzelergebnisse streichen können. Normalerweise wird ab fünf Rennen eines gestrichen, manchmal kommen in einer Serie sogar drei in den Eimer.

Der Hintergrund dieser Regelungen ist die Annahme, dass Glück und Pech beim Segeln eben doch eine Rolle spielen. Wenn man am Ende einer Rennserie, wirklich die besten Sportler in der Ergebnisliste vorne sehen will, muss man ihnen die Möglichkeit geben, Unwägbarkeiten zu einem hohen Prozentsatz zu eliminieren.

Die Streicher in den 49er Serien. Auch ohne Streicher (Brutto Punktzahl) wären dei Verschiebungen minimal.

In früheren Zeiten haben Ausfälle durch Materialbruch einen großen Einfluss gehabt. Auch empfinden viele den Ausgang von Regel-Konflikten am grünen Tisch nicht immer als fair. Dazu können Rennen von gegnerischen Regelverletzern ruiniert werden, auch wenn diese sich regelkonform entlasten. Damit ist dem behinderten Boot immer noch nicht geholfen. Eine Wiedergutmachtung gibt es nur für den Fall eines Schadens. Auch manche unvorhersehbare Wetterschwankungen werden von vielen Seglern als unfair gesehen.

Besseres Verständnis in der Öffentlichkeit

Die Regel mit den Streichresultaten soll ein als reell empfundenes Endergebnis kreieren. Der größte Nachteil ist aber eine erhöhte Komplexität und Verwirrung bei der Außendarstellung. Der Streicher bewirkt Verschiebungen im Ranking, die Nichtseglern schwer verständlich zu machen sind.

Die Egebnisse der 49erFX. Die Streichergebnisse sind rot umrandet.

Deshalb gibt es immer wieder Versuche, diese Regelung zu kippen. Ben Remocker, Klassenpräsident der 49er und Nacra17, hat das Thema aktuell aufgegriffen. Anlass waren die Ergebnisse der Sailing World Championship 2018 in Aarhus.

Er hat festgestellt: “Bei den meisten großen Meisterschaften für olympische Skiffs und Kats sind keine Streicher mehr nötig.” Er glaubt sogar: “Streicher verringern bei dieser Art des Segelns die Chancen des besten Teams, die Veranstaltung zu gewinnen. Und es ergeben sich unnötige Komplikationen für unsere Kommunikations-und Scoring-Systeme.”

49er in Action. © 49er org

Seine Erkenntnis stützt sich insbesondere auf die Tatsache, dass die modernen Gruppen-Formate der schnellen Klassen, mehr kurze Rennen und kleinere Flotten beinhalten. Die Goldflotte bei den 49ern bei der WM bestand nur aus 29 Booten von insgesamt 86 Teams am Start. Das heißt, maximal konnten nur 30 Punkte in die Wertung eingehen.

Game Over, oder nicht?

Eine Disqualifikation bei den Laser Männern hätte 56 Punkte gebracht, bei den Laser-Frauen, die ihr Feld nur in zwei statt drei Gruppen teilten wären gleich 61 Punkte fällig gewesen. So ein Ding in der Wertung wäre gleichbedeutend mit: Game Over.

Die Entwicklung bei der Nacra17 WM: Kaum Verschiebungen.

Remocker führt weiter aus: “Eine umfangreiche Studie der SAP-Analytics ergab, dass der stärkste Einflussfaktor für ein faires Regatta-Ergebnis die Anzahl der ausgetragenen Rennen ist. Je länger die Serie, umso eher wird der bessere Segler gewinnen. Der Streicher macht die Serie um ein Rennen kürzer. Ich finde, da mehr Rennen die Fairness erhöhen, weniger Rennen die Fairness verringern und der Streicher ohnehin wenig Einfluss hat, können wir im Sinne eines gerechteren Ergebnisses auch auf den Streicher verzichten.”

Die Diskussion ist nun eröffnet. Eine Schnellabstimmung auf der 49er und Nacra Website hat ergeben, dass 155 Stimmen gegen eine solche Änderung sind, 86 sind dafür. Offenbar ist die Argumentationskette nicht ganz so überzeugend, wie es sich der Klassenpräsident der olympischen Schnellsegler denkt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Faire Wertung: Soll weiterhin ein Fehler erlaubt sein? – Wie man die besten Segler ermittelt“

  1. avatar Fastnetwinner sagt:

    Der Herr steht 2 Klassen vor, die trotz aller Aussendarstellung (das ist ja hier sein Thema) trotzdem nicht auf Masse kommen. Da ist es dann ja auch egal. Beliebte und arrivierte Kassen haben damit aber schon ein Problem, weshalb man ja auch den Streicher überhaupt erfunden hat. Ich denke wir behalten den Streicher mal.

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