Figaro 3: Die neuen Einheitsyachten in Aktion – Wie sich die Tragflächen auswirken

Neues Spielzeug mit Stützrädern

50 Yachten der neuen Figaro 3 Racer von Bénéteau mit den ausladenden Schwert-Profilen sind ausgeliefert. Die ersten Videos bestätigen: Mit Foiling hat das wenig zu tun. Die Franzosen sind dennoch begeistert.

Die erste größere Trainingsregatta:

Erstaunlich, wie es den Franzosen außerordentlich geräuschlos gelingt, in Nullkommanix eine komplette Onedesign-Yacht-Flotte auszutauschen. 50 brandneue Figaro 3 bereiten sich zurzeit vor der französischen Küste auf die erste spannende Saison der Shorthand-Klasse vor.

Figaro 3

Figaro 3 vor der Auslieferung. © Gergaud

Bei der Bootsmesse in Paris Anfang Dezember Salon Nautique wurden noch die Abhol-Slots unter den Skippern verlost, und nun sind sie längst alle auf dem Wasser. Es gilt, den Effekt der abstehenden Tragflächen zu erforschen. Wie werden sie am sinnvollsten eingesetzt? Wann bremsen sie, wann helfen sie beim Vortrieb?

Der Vergleich mit der Figaro 2 liegt nahe. Die meisten der überwiegend französischen Hochsee-Skipper haben mit der klassischen Konstruktion unzählige Meilen auf See zurückgelegt. 17 Jahre lang war das Schiff im Einsatz. Gaspedal und Bremse sind bekannt. Wie können die Trimm-Muster nun auf das neue Boot übertragen werden?

Vieles ist anders. Der Spinnaker wird durch moderne asymmetrische Vorsegel am Bugspriet ersetzt. Das Boot ist drei Tonnen leichter und mit 10,85 Metern etwas kürzer als der Vorgänger. Es schleppt keinen Wasserballast mehr mit und generiert die fehlende Stabilität durch die markanten Anhänge, die jeweils in Lee durchs Wasser gezogen werden.

Als die externen Tragflächen parallel zu den erfolgreichen IMOCA-Entwicklungen bei der Vendée Globe in den Fokus der Öffentlichkeit gerieten, gingen viele Beobachter von einem echten Foil-Effekt bei der Figaro 3 aus. Aber inzwischen hat sich bestätigt, dass die Profile kaum in der Lage sind, den Bootsrumpf so aus dem Wasser zu heben, wie bei den modernen 60 Fußern.

Figaro 3 im Speed-Modus:

Dafür ist aber der Stützrad-Effekt äußerst effektiv. Zahlreiche Profis haben sich schon begeistert über das neue Design geäußert. Das Boot liege sehr sanft auf dem Ruder und fühle sich an wie eine große Jolle. Der Steuermann müsse nicht mehr so oft an der Pinne sitzen, weil der Autopilot weniger Arbeit zu verrichten hat. Er kann effektiver und schneller steuern als ein übermüdeter Skipper.

Ab sieben Knoten Speed wird der dynamische Effekt des Foils spürbar. Es entwickelt Auftrieb in Lee und erlaubt dadurch, länger die volle Segelfläche zu nutzen. Am Wind wird auch spürbar das Stampfen in der Welle gedämpft. Dabei dürfte es insbesondere entscheidend sein, mit welchem Anstellwinkel die Tragfläche getrimmt wird. Es gibt einen Spielraum von fünf Grad.

Wie die Figaro 3 im Speed-Modus Auftrieb mit dem Lee-Foil entwickelt. © GILLES MARTIN-RAGET

Nicolas Lunven (36), zweimaliger Solitaire du Figaro-Gewinner, ist schon genervt von den ewigen Vergleichen mit dem Figaro 2-Vorgänger. “Die ‘3’ ist einfach nicht wie die ‘2’. Sie ist anders, und die Rennen werden wunderbar werden.”

In einem Interview mit französischen Medien spricht Lunven insbesondere über das gewöhnungsbedürftige Verhalten am Wind. Die Kielflosse ist extrem schmal, und insbesondere mit wenig Fahrt ist die Abdrift groß. Auch das Foil muss gegen die Abdrift helfen.

Figaro 3, Macif

Martin LE PAPE segelt eine der beiden neuen Figaro 3 für den Macif-Rennstall. © Macif

Eine Herausforderung werde das Handling des 120 Quadratmeter großen Gennakers. Wenn der im Wasser landet, könne er sich schnell um das Lee-Foil wickeln. Schon einige Tücher hätten die ersten Trainingsschläge nicht überlebt. Lunven hält es für möglich, dass eine vom Topp über das Segel gezogene Socke zum Einsatz kommt. Verschiedene Segelmacher grübeln schon jetzt intensiv über Lösungen, die Handling und Speed verbessern.

Auch die Halsen unter dem Code Zero seien schwierig. Bisher habe man bei den Einhand-Manövern die Pinne mit den Knien oder dem Hintern führen können, während man mit beiden Händen die Schoten bedient. Das funktioniere bei der aktuellen Konfiguration kaum noch. Aber Lunven ist sich sicher: die Spitzensegler werden diese Probleme nach intensiver Trainingsarbeit bewältigen können. 

Absolutes Onedesign

Interessant ist auch, wie die Klasse den absoluten Onedesign-Standard halten will, der bei dem hohen Profi-Anteil essenziell für den Erfolg der Rennserie ist. Der Bénéteau-Werft wird von den Skippern gute Erfolge bei dieser Herausforderung bescheinigt. Und dennoch sollen schließlich einige Figaro 2-Yachten nach der langen Einsatzzeit mit zahlreichen Refits schneller gewesen sein, als andere. Überprüfungen haben ergeben, dass Rumpfformen nach vielen Spachtel-Arbeiten und kaschierenden Anstrichen variierten. Zufälle mögen das nicht gewesen sein.

Figaro 3, Peyron

Hochsee-Legende Loick Peyron (59) mit seinem neuen Spielzeug. © B. Gargaud

Die Figaro 3 will solche durch die Eigner vorgenommenen Veränderungen besser im Griff behalten. So darf das Gelcoat-Finish der im Injektionsverfahren in Negativ-Formen gebauten Rümpfe nicht mehr bearbeitet werden. Somit können mögliche Veränderungen nicht mit einem Anstrich oder auch Antifouling überdeckt werden.

Außerdem werden die Schiffe mit einem Pass versehen, auf dem unter anderem alle Reparaturen vermerkt sind. Es muss immer bekannt sein, wo sich das Schiff befindet – in welcher Werft zum Beispiel. Wenn Arbeiten notwendig sind, muss der Skipper diese erst beantragen und genehmigt bekommen.

An diesem Grad der Professionalisierung können sich viele Klassen ein Beispiel nehmen. Und damit kommt die Figaro 3 auch bei der Olympiaklassen-Entscheidung für die Rennen 2024 in der neuen Mixed-Offshore-Klasse ins Spiel.

Segelfertig soll eine Figaro 3 zwar 230.000 Euro (ohne MWS) kosten, aber wer ernsthaft beim großen Shorthand-Hochsee-Spiel dabei sein will, kommt vermutlich nicht um die Aufgabe herum, sich mit den besten Franzosen zu messen. Ob man das alles so beim Weltsegler-Verband bedacht hat?

Die Figaro-Szene wird sich von möglichen Olympia-Gedankenspielen jedenfalls nicht beeindrucken lassen. Die Einhand-Spezialisten freuen sich über ihr neues Spielzeug.  Besonders die Rückkehr der alten Salzbuckel wie Alain Gautier, Armel Le Cleac’h, Charles Caudrelier oder auch Franck Cammas im Vergleich mit den jungen Wilden bringt dem Zirkus einen neuen Schub.

 

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Figaro 3: Die neuen Einheitsyachten in Aktion – Wie sich die Tragflächen auswirken“

  1. avatar MSB sagt:

    “Das Boot ist drei Tonnen leichter als der Vorgänger.” Hmmm??
    Die alte Figaro 2 verdrängt ca. 3 Tonnen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  2. avatar Geronimo sagt:

    “Segelfertig soll eine Figaro 3 zwar 230.000 Euro (ohne MWS) kosten”

    Laut Website sind es nur 175.000 EUR

    https://www.beneteau.com/de/figaro-beneteau-3

    Verdrängung:

    Figaro 2 – 3050 kg + Wassertankinhalt

    Figaro 3 – 2900 kg

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    • avatar Geronimo sagt:

      Beneteau gibt die Nettoverdrängung (leer) der Figaro 2 mit 3270 kg an.

      An anderer Stelle wird der Wasserballast mit 260 kg angegeben

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