Finn Gold Cup: Kiwi-Fahrrad-Grinder als Weltmeister – Deutscher Olympia-Quali-Rückschlag

Schwerathleten auf Abschiedstournee

Die Bilder vom Finn-Dinghy-Gold-Cup 2019 in Melbourne führen dem Fan, der olympisches Segeln zu einem großen Teil auch als körperliche Herausforderung definiert, noch einmal deutlich vor Augen, wie sehr man diese Athleten nach 2020 vermissen wird.

Finn-Akrobatik. © Robert Deaves

Viele Menschen, die daran zweifeln, ob Segeln generell die Anforderungen einer ernstzunehmenden Sportart erfüllt, können Finn Dinghy-Recken eines besseren belehren. Sie sind die stärksten Athleten unter der Segel-Sonne und können es mit Ruderern oder Radfahrern aufnehmen.

Kaum jemand hat diesen Vergleich besser bestanden als Josh Junior, der neue Weltmeister im Finn Dinghy. Der 29-Jährige, dem jetzt als erstem Neuseeländer überhaupt das Kunststück eines Gold-Cup-Sieges im Finn geglückt ist, hat zuvor eine Herausforderung bewältigt, die zumindest körperlich noch herausfordernder war.

Josh Junior (2.v.l.) als Rad-Grinder hinter Olympia-Rad-Bronze-Gewinner Simon van Velthooven auf dem siegreichen Kiwi-Cupper 2017. © ETNZ

Der 1,90 Meter große und 96 Kilogramm schwere Steuermann, der auch schon WM-Sechster im Laser wurde, gehörte zum berühmten Quartett, das mit dem Kiwi-Cupper in Bermuda zum America’s Cup-Sieg strampelte.

Junior erzielte ähnliche Werte, wie ein olympischer Rad-Spezialist, der auf den AC50 Kat geholt wurde, und stach sogar einen Ruder-Olympiasieger aus. Auf dem Grinder-Rad hinter ihm pedalierte jeweils Kumpel Andy Maloney, der bei dieser Finn WM auf Platz sechs segelte. Beide gehören auch jetzt zum Kiwi-Kernteam, das den Cup 2021 in Auckland verteidigen soll. Sie müssen nun allerdings mit den Händen krubeln.

Josh Junior hat zuvor noch nie eine WM-Medaille geholt. Er segelt die konstanteste Serie. © Robert Deaves

Soll heißen: die Kiwi-Finn-Recken können nicht nur den Kopf zwischen die Arme und die Beine in die Hand nehmen. Sie schaffen es auch die schwierigen, wechselhaften Bedingungen in der Port Phillip Bay vor Melbourne zu lesen. Denn bei der vorerst vorletzten Finn-WM als Olympiaklasse handelte sich nicht etwa um eine reine Starkwind-Regatta. Bei teilweise extremer Hitze bis zu 44 Grad mussten auch leichte, drehende Winde beherrscht werden.

Medal Race Vorstart-Duell zwischen Junior und Heiner bei epischen Bedingungen. © Robert Deaves

Dabei war zuletzt eigentlich immer der Brite Giles Scott durchgestartet, der viermalige Weltmeister, der 2016 in Rio auch überlegen Olympiasieger wurde. Er legte danach eine Pause ein, um sich an der Seite von Ben Ainslie als Taktiker auf den America’s Cup vorzubereiten und ist jetzt in gleicher Position genauso intensiv mit der Cup-Vorbereitung beschäftigt.

Olympiasieger Giles Scott helfen auch solche Wellen nicht zum fünften WM-Sieg. © Robert Deaves

Bei den sporadischen Finn-Auftritten in den vergangenen drei Jahren schien er jeweils nahezu nahtlos an seine Dominanz während der vergangenen Olympiade anknüpfen zu können. Aber bei dieser WM musste er sich überraschend mit der Holz-Medaille auf Platz vier begnügen. Er gibt zu: “Das war für mich wohl so etwas wie ein Weckruf.” Die Konkurrenz hat ihn überholt.

Ob Favorit und Ainslies Taktiker Scott rechtzeitig vor Olympia wieder in Form kommt? © Robert Deaves

Besonders der Holländer Nicholas Heiner, Laser-Weltmeister 2014, der bei Starkwind zuletzt Probleme hatte, zeigte sich nun auch bei diesen Bedingungen stark verbessert und holte Silber vor dem ungarischen Titelverteidiger Zsombor Berecz.

…Er hat sich bei Starkwind deutlich verbessert. © Robert Deaves

Der Holländer Nicholas Heiner holt sein zweites WM-Silber in Folge… © Robert Deaves

Drei deutsche Finn-Dinghy-Segler sind nach Australien gereist, um die kleine Chance von der ersten Olympiateilnahme eines DSV-Skippers in dieser Klasse seit 16 Jahren zu realisieren. Der Nationenquali wurde bei den bisherigen beiden Regatten verpasst. Nun gibt es nur noch eine einzige Chance: Bei der Princesa Sofia Trophy 2020 auf Mallorca wird das letzte verbliebene Ticket für eine bisher noch nicht qualifizierte europäische Nation vergeben.

Der Türke Alican Kaynar ist einer der Besten der Welt im Finn. © Robert Deaves

Nach den WM-Ergebnissen wären Kroatien (8.) und Spanien (9.) die Favoriten bei der Princesa Sofia Trophy. Der beste Deutsche Max Kohlhoff segelte bei der WM auf Rang 26. deutlich dahinter und auch Philipp Kasüske (30.) sowie Simon Gorgels (37.) konnten nicht in diese Regionen vorstoßen.

Aber es bleibt noch etwas Zeit bis Palma. Dieser Coup wäre bei einer Regatta durchaus möglich, aber nun schleppen die Deutschen schon eine schwere Last mit, die sich DOSB Endkampfchance nennt. Demnach fließt der Melbourne Gold Cup in eine Gesamtwertung von drei  Veranstaltungen ein, bei der sich der potenzielle DSV-Qualifikant unter den ersten 10 Nationen platzieren und mindestens neun Punkte ersegeln muss – 1 Punkt für Platz 20. In dieser Wertung liegt Kohlhoff nun auf Rang 17. Das ist noch ein hartes Stück Arbeit.

Die nächste Chance kommt beim Finn Gold Cup 2020 ( 9. – 16. Mai, Palma). Dann setzt sich die Olympische Abschied-Tournee der Finn-Dinghy-Klasse fort. 2024 müssen die Schwerathleten des Segelsports der Mixed-Offshore-Doublehanded-Disziplin das Feld überlassen. Dafür hat gerade North Sails Präsident Ken Read angekündigt, die Weichen in Richtung einer Teilnahme stellen zu wollen. Der ex Puma-Skipper absolviert 2020 die ersten Trainingsmeilen mit Partnerin Suzy Leech auf einer Sun Fast 3300. 2024 wäre er 62 Jahre alt.

 

Top-Ten Ergebnisse Finn Gold Gup 2019

Finn Gold Gup 2019 Ergebnisse

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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