Helga Cup: Wie die Frauen-Champs von den NRV-“Pulvermädels” besiegt werden konnten

Die vier von der Geschäftsstelle

Sven Jürgensen, Erfinder des Helga Cups, außer Rand und Band. Er kann nicht fassen, dass seine “Claudi” mit Nicola und den beiden Segel-Anfängerinnen gewonnen hat. Denn die Gegnerinnen waren wirklich stark.

Für Nicola Parlow gab es viele Jahre lang jeweils nur einen seglerischen Saisonhöhepunkt im Jahr: Die Kalte Kanne. Eine Optimist-Regatta für Erwachsene. Ein frostiger Spaß-Wettkampf nach dem Vorbild des Lübecker-“Eisarsches”, der vielfach in Segeldeutschland die Saison abschließt. Sie gewinnt dort regelmäßig. Aber 20 Jahre lang ist sie keine “richtige” Regatta gesegelt.

Nun hüpft sie mit ihren “Mädels” auf dem Schiff herum, die Zuschauer auf dem NRV-Steg brüllen ekstatisch, als hätten sie im Volksparkstadion das Wunder eines HSV-Tores erlebt, Umarmungen, Jubelfäuste, es ist kaum zu glauben. Die “Pulvermädels”, die absoluten Underdogs im Finale des Helga Cups haben ein Segelwunder geschafft. Sie siegen bei der größten Frauenregatta der Welt.

Das Team von der NRV-Geschäftsstelle, Culbsekretärin Claudia Langenhahn, Event-Organisatorin Melanie Schum und PR-Frau Anika Pohlenz haben mit Teilzeit Coach Parlow an der Pinne den zweiten Helga Cup gewonnen.

Helga Cup

Helga-Cup-Erfinder Sven Jürgensen hält es nicht auf dem Motorboot. Er muss zu seiner “Claudi”. © Lars Wehrmann

Sie hatten nach den zehn Rennen der Vorrunde nur mit 0,6 Punkten Vorsprung den Sprung in das Finale der letzten acht geschafft, das alleine über die späteren Platzierungen entscheiden sollte. Leidtragender war das Team “Pink Pearl” um die Youth Olympics Bronze-Gewinnerin, ex Laser Radial und aktuelle 470er-Skipperin Constanze Stolz auf Rang neun.

Helga Cup

Die vier von der Geschäftsstelle. v.l. Anika Pohlenz, Melanie Schum, Claudia Langenhan, Nicola Parlow. © Lars Wehrmann

So konnte sich die NRV-Crew als absoluter Außenseiter im Finale wohlfühlen. Damit hatten es ds Ziel übererfüllt. Im vergangenen Jahr waren sie 21. geworden. Nun ist eigentlich nicht mehr zu holen. Schließlich haben Melanie Schum und Anika Pohlenz erst anlässlich der Helga Cup Premiere 2018 mit dem Segeln begonnen.

Und Claudia Langehan, Freundin von Cup-Erfinder Sven Jürgensen, verfügt zwar über weit zurückliegende Europe-Erfahrung, war aber selbst während der Regatta noch mit Organisationsaufgaben befasst.

Helga Cup

Stadionatmosphäre. Zieleinlauf vor jubelnden Zuschauern am NRV Steg. © Lars Wehrmann

Skipperin Nicola Parlow allerdings muss ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Sie war einmal die vielleicht beste Seglerin in Deutschland. Als die Europe für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona erstmals als Frauen-Einhand-Disziplin gewählt wurde, gewann sie noch unter ihrem Mädchennamen Schwarz insgesamt drei Deutsche Meistertitel und verpasste die Olympiaqualifikation gegen ihre Clubkameradin vom Ammersee Sibylle Powarzynski nur knapp.

An der Seite von Ehepartner Frank Parlow, dem zweimaligen Olympia-Teilnehmer, Weltmeister und dreimaligen Europameister im Tornado (mit Steuermann Roland Gäbler), geriet die Bayerin in den hohen Norden, und bildet beim NRV seit vielen Jahren die Segel-Jugend aus.

“Unglaublich, wie ruhig Nicola im Rennen war”, sagt Claudia Langenhan nach dem Zieleinlauf. Und die Skipperin ist selbst überrascht, dass die Instinkte von damals noch irgendwo schlummern. “Man verlernt es nicht”, sagt sie und ermuntert alle vielleicht noch pausierenden Seglerinnen von früher, es auch einmal zu versuchen.

Höhere Qualität beim Helga Cup 2.0

Dennoch spricht vor dem Start sehr viel gegen einen Erfolg der Underdogs. Schließlich ist die Qualität bei dieser Regatta noch einmal deutlich gestiegen. Der Ruf des Helga Cups weckt Begehrlichkeiten bei den Besten. Im Finale befanden sich ausnahmslos echte Spitzenseglerinnen.

Favoritin war sicher das “HSC-Womenteam” mit der Erst- und Zweitliga erfahrenen Crew um Steuerfrau Silke Basedow. Sie starteten in Starnberg mit Rang zwei in die Zweitliga-Saison. Allerdings mussten sie sich auf der Alster schon in den letzten beiden Gruppenrennen den “Sahneschnitten” geschlagen geben, das spannende Quartett der Familie Roos, drei Töchter mit ihrer Mutter. Die Frauen von der Bevertalsperre starten für die Seglervereinigung Wuppertal ebenfalls in der zweiten Segelbundesliga und konnten sich für das Finale viel ausrechnen.

Helga Cup

Hlega cup vor der Hamburg Kulisse. © Lars Wehrmann

Noch stärker mochte Johanna Meier einzuordnen sein, die für den Akademischen SegelVerein Warnemünde 2018 in der ersten Liga steuerte und 2019 in der zweiten Liga. Mit ihren “Fantastic Four” wurde sie beim Helga Cup 2019 Zweite und bei der Women Championsleague-Premiere Dritte.

Bei den “Goldelsen” saß mit Carla Gerlach sogar eine Frau am Steuer, die 2017 schon für den Chiemsee Yacht-Club bei der Champions League in St. Petersburg gelenkt hat. Und bei den “Südseeperlen” hatte Theresa Löffler das Kommando, eine 19-jährige 470er Steuerfrau, die schon eine 470er Frauen Olympia-Kampagne für 2024 gestartet hatte, sich aber nach der jüngsten World Sailing Entscheidung mit einem Mann an der Vorschot auf Paris vorbereitet.

Dazu kamen die “SVT Ladies” aus der Schweiz, die regelmäßig für ihre Seglervereinigung Thalwil am Zürichsee in der zweiten schweizer Liga antreten und beim ersten Spieltag Rang zwei belegten.

Aus Dänemark gesellte sich das “MMXV Team” zu den Finalisten. Und mit Sarah Gunni Schierup saß eine Weltspitzen-Seglerin am Steuer, die im Laser Radial 2013 WM-Fünfte und 2016 WM 13. wurde, seitdem aber Match Races und insbesondere in der zweiten dänischen Liga segelt. Sie startet für die neue segelnde Frauen-initiative Women on Water.

Wie ist es möglich, dass sich die Pulvermädels gegen eine solche Übermacht durchsetzen?

Johanna Meier scheint erst das Start-Duell gegen Silke Basedow in der Mitte der Linie mit einer starken Leeposition zu gewinnen. Die Hamburger geraten früh unter Druck, zumal über ihnen die Däninnen den Weg  blockieren. Aber die drehen ab hinter die Linie, nachdem die Einzelrückruf-Flagge gesetzt wird. Der Weg für eine Wende ist für das HSC Team frei. Und sie nutzen die erste Winddrehung.

Dann sieht es aus, als könnten sie das Kommando übernehmen. Sie liegen in einer guten Kontrollposition. Plötzlich aber die Wende nach links. Sehen sie dort frischeren Wind? Der Weg ist frei für die “Fantastic four”, die noch hinter dem HSC passieren aber dann an der Luvtonne klar in Führung sind.

Zweikampf der Co-Favoritinnen

Das Feld von rechts übersteht die Luvtonne, und so gelingt es dem HSC-Team nach dem verunglückten Links-Ausflug doch noch mit einer perfekten Anliegelinie auf Platz zwei um die Luvtonne zu rutschen.

Es entwickelt sich ein Zweikampf mit den Co-Favoritinnen aus der zweiten Liga. Basedow entscheidet ihn aber erst nach der letzten Tonne für sich. Schlau bergen sie den Gennaker als einziges Finalteam bei der Rundung auf der rechten Seite und können ihn dadurch auf dem langen Schlag zum Ziel vor dem NRV problemlos in Lee setzen.

Alle anderen würgen das Tuch um das Vorstag herum. Das kostet insbesondere den “Fantastic Four” Platz zwei und den sogar möglichen Sieg. Sie werden nach dem Spi-Setzen vom HSC überlaufen, geraten in die Abdeckung und müssen auch noch die Schweizerinnen ziehen lassen.

Basedow scheint jetzt den entscheidenden Punch landen zu können. Sie nähert sich dem Heck der Pulvermädels, und eine letzte Parallel-Halse könnte das Rennen entscheiden. Doch sie setzt nicht auf den Duell-Modus, sondern steuert mit einer frühen Halse eine Böe auf der rechten Seite an. Die setzt aber nicht wie erwartet ein. Nicola Parlow dreht das letzte Halsen-Manöver nervenstark perfekt auf Anliegelinie zum Ziel, die Crew gibt sich auch auf den letzten Metern keine Blöße, Spitrimmerin Anika fragt noch kurz nach, ob sie Erste sind – so konzentriert kümmert sie sich um ihr Tuch und dann werden sie von gerenzenlosem Jubel Empfangen.

Die Live-Übertragung des spannenden Finals:

Das Rennen im Tracker

Was für eine Überraschung. Was für eine Story. David schlägt Goliath. Die Anfängerinnen besiegen die Profis. Die Geschichte mag in eine falsche Richtung zeigen. Als wäre der Sieg eher zufällig entstanden. Natürlich hat das ungewöhnliche Format den Erfolg erst möglich gemacht. Nur das Finalrennen der letzten acht zählte am Ende. Es spielte keine Rolle, dass die HSC-Frauen in der Vorrunde zehn Punkte Vorsprung angesammelt hatten. Ungerecht, sagen die einen, spannend und modern, sagen die anderen.

Starke Frau

Ein solches Format kann die Tür für einen Überraschungssieger öffnen, der durch eine glückliche Winddrehung nach vorne gespült wird. Aber die kurzen Liga-Kurse lassen dafür eigentlich wenig Platz. Und auch dieses Rennen ist durch taktisch kluge und weniger gute Entscheidungen geprägt.

Am Steuer des Pulvermädels-Team sitzt aber eben auch eine starke Frau. Die konnte zuletzt zwar wenig Match-Praxis sammeln, sich aber zu aktiven Zeiten so viel Know How erarbeiten, dass es immer noch irgendwo abrufbar ist. Der Helga Cup hat das Feuer und den Ehrgeiz wieder entfacht.

Dazu kommt, dass kein anderes Helga Cup Team solch gute Trainingsmöglichkeiten besitzt. Wer hat schon permanent am Steg vor dem Arbeitsplatz eine J/70 liegen und kann mal eben beim Afterwork-Training Manöver kloppen?

Und nun? Folgt nun die Liga-Premiere der Pulver-Mädels? Die Olympia-Kampagne, der America’s Cup? So weit ist es noch nicht, aber Nicola Parlow hat längst das nächste große Ziel ins Auge gefasst. Im August startet der Helgahard-Cup die nächste vermeintliche Schnapsidee aus der Jürgensenschen Ideenschmiede.

Pärchensegeln auf hohem Niveau, Mixed-Crews rocken die Alster per Laser Bahia. 69 Teams sind gemeldet. Und Parlow trainiert schon eifrig, diesmal mit ihrem Mann, dem Doppel-Olympioniken. Sie scheint endgültig dem Opti und der Kalten Kanne entwachsen.

Ergebnisse Helga Cup 2019

Top 15 von 76

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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