IMOCA: Cockpit dicht schon vor 30 Jahren – Wie bei Thomsons “Hugo Boss”

Segeln mit "Gewächshaus"

Loick Peyrons Onkel segelte schon vor 30 Jahren beim BOC-Challenge unter geschlossenem Cockpitdach relativ trocken um die Welt. Warum der aktuelle IMOCA-Trend eine andere Form bevorzugt.

Schon vor 30 Jahren segelte der Franzose Jean-Yves Termain bei der BOC Challenge unter geschlossenem Cockpit © chantier pinta

Drei radikale Design-Modifikationen haben die IMOCA der vorletzten und letzten Generation besonders spannend gemacht: 1. Der Einsatz von Foils,  2. die Rundung der Bugsektion und 3. das geschlossene Cockpit. 

Die Foils erleben derzeit eine technische Evolution, die nahezu atemberaubend ist. So hat beispielsweise Vendée Globe-Favorit „Charal“ (Jungfernfahrt vor zwei Jahren) bereits das dritte Paar Foils im „Flugbetrieb“. Jeremie Beyou wurde mit seinen beuen Anhängseln offenbar deutlich schneller. Die Flugstabilität auch bei unruhiger See scheint beeindruckend zu sein (SR-Artikel). 

Der Scow- bzw. Plattbug bei einer Neukonstruktion wie „l’Occitaine“ weist ebenfalls eine Design-Richtung auf, der im Erfolgsfall viele weitere Neubauten folgen könnten. Nicht zuletzt, weil so höhere Speed-Etmale geschafft werden, aber auch weil eine Plattbug-IMOCA, die sich sowieso häufig im Flugmodus befindet, nicht mehr die Wellen schneiden, sondern eher auf die Wellen aufsetzen soll. Was bei höherem Seegang, mit foilend angehobenem Bug, eine ruhigere Wasserlage nach sich zieht. 

Clevere Idee oder einfach abgekupfert?

Das geschlossene Cockpit – zum ersten und bisher einzigen Mal auf einer IMOCA von Alex Thomson auf seiner nagelneuen „Hugo Boss“ errichtet, wurde ebenfalls als „wegweisende Neuerung“ und „ clevere Innovation“ gefeiert. Ganz zu schweigen von den heftigen Diskussionen, die durch die vermeintlich neuartige Cockpit-Konstruktion im Hinblick auf das Ocean Race ausgelöst wurden.

Denn die IMOCA – eigentlich für Einhand- und Shorthanded-Regatten konzipiert – werden meist vom Autopiloten um die Welt gesteuert. Während beim Ocean Race erstmals die IMOCA „von hand“ um die Welt gesegelt werden sollen. Doch für Steuermann und -frau  sowie für eine mehrköpfige Crew ist bei den geschlossenen Cockpit-Kostruktionen für lange Nonstop-Törns viel zu wenig Platz (SR-Artikel). 

Cool und stylisch – aber doch schon 30 Jahre her © chantier pinta

Die teils emotional geführten Diskussionen rund um das Für und Wider geschlossener Cockpits auf den IMOCA können zunächst nicht darüber hinweg täuschen, dass sie eine Menge Vorteile mit sich bringen: Deutlich verbesserter Schutz der Segler, deren Nähe zum Gewichtsschwerpunkt, klare Rundumsicht hinter Wind- und Spritzschutzscheiben, gefälligere Aerodynamik. 

Alles „Innovationen“, die von Hugo Boss-Designer Vincent Lauriot-Prevost als neuartig und revolutionär bezeichnet werden (Prevost: „Zu Beginn ihrer Entwicklung hatten Flugzeuge auch ein offenes Cockpit!“) – letztendlich aber schon längst auf Hochsee-Regattayachten zu bestaunen waren.

Von gestern

So segelte beispielsweise vor 30 Jahren bereits der Franzose Jean-Yves Termain bei der BOC Challenge (Einhand-Weltumseglung in Etappen) auf seinem Hochsee-Renner „Medecins Sans Frontieres“ unter einem vollständig geschlossenen Cockpit auf Rang Drei. Termain ließ sich eine Art „Gewächshaus“ aus Sicherheits-Plexiglas über das ansonsten eher klassisch gehaltene Cockpit bauen und argumentierte ähnlich wie die Hugo-Boss-Designer: Wer weniger Zeit unter der Volldusche verbringt, spart Kräfte und ist ausgeruhter.

Hugo Boss

Das geschlossene Cockpit der Hugo Boss von hinten. © Lloyd Images

Was damals als besonders clever, weil bis dato noch ungewöhnlich angesehen wurde, ist heute sogar bei vielen Fahrtenyachten Standard: Termain – er ist übrigens der Onkel der berühmten Gebrüder Peyron – hatte alle Schoten, Fallen und Trimmleinen ins geschlossene Cockpit gelenkt und musste nur zum Ausschütteln der Reffs noch seine „Höhle“ verlassen.

Auch das Steuern „hinter Glas“ war für Termain kein Problem. Im Gegenteil: Weil die Autopiloten der schnellen Rennyachten noch nicht so ausgereift waren wie heute, musste grundsätzlich mehr Zeit an der Pinne verbracht werden. Und die segelte Termain „in Pantoffeln“, wie er das gegenüber  dem französischen Segelmagazin „Voiles et Voiliers“ ausdrückte.

Kommt jetzt weniger Wasser über?

Stellt sich die Frage, warum sich das geschlossene Cockpit auf den großen Hochseerennern im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht durchsetzen konnte? Die Antwort ist banal: Wegen der steigenden Geschwindigkeit der Boote. Dadurch wird die Bedeutung des Windwiderstandes noch größer. Das “Gewächshaus” hätte einen deutlichen Speednachteil zur Folge.

Und es würde den aktuellen Belastungen kaum Stand halten. Denn je höher der Speed, desto heftiger brettern die Yachten in die Wellen. Bei entsprechenden Bedingungen schießt das Wasser alle 10 – 20 Sekunden hektoliterweise über das Deck.

Kann richtig ungemütlich werden auf dem IMOCA, auch wenn gefoilt wird © Andreas Lindlahr Team Malizia

Solch einer permanenten „Bombardierung“ und Überflutung von Wassermassen hätten aber wohl kaum Aufbauten welcher Art auch immer standgehalten. Auf manchen IMOCA wurden konnten selbst Spritzschutz-Überhänge, die den Niedergang und auch den Bereich um den Grinder schützten, vom Wasser abgerissen. 

Insofern ist die wahre Innovation beim geschlossenen Cockpit der „Hugo Boss“ der technische Kniff, indem das Cockpit tiefer gelegt wurde, damit den Wassermassen beim Ablaufen über dem Cockpitdach keine unnötige Angriffsflächen geboten werden.

(K)eine Frage des Speeds

Wie gut sich geschlossene Cockpits selbst bei Rekord-Rasereien auf hoher See bewähren, zeigen schon seit einiger Zeit die Ultim-Trimarane. So steuert Francois Gabart seinen „Macif“-Trimaran  grundsätzlich im Trockenen. Und Thomas Coville hat auf seinem spektakulären „Sodebo“-Neubau das (geschlossene) Cockpit der besseren Übersicht wegen gleich vor den Mast gesetzt. 

Doch allen Hochgeschwindigkeiten zum Trotz, haben die Trimarane viel weniger mit überkommendem Wassermassen zu kämpfen, als die Monorumpfer. 

Coville auf seinem neuen ultra flachen Cockpit-Dach. © Sodebo

Die wiederum heben sich nun jedoch mit den Foils während mindestens 40 Prozent ihrer Langfahrten über die Wellen und sind somit weniger überkommendem Wasser ausgesetzt.

Dass sich Alex Thomson unter dem Dach seines „neuen Wohnzimmers“, wie er das einmal ausgedrückte, während der kommenden Vendée Globe wohl und vor allem sicher fühlen wird, steht außer Frage. Ebenso ist der Trend zu mehr „Sicherheit und Komfort durch Überdachung“ im Cockpit der IMOCA immer offensichtlicher. So wurde bei den letzten Umbau-Maßnahmen an Bord der „Charal“ neben neuen Foil-Designs zum Schutz des Cockpits längere Überhänge spendiert.  Nach dem Cabriolet (bisherige IMOCA-Designs) und der Limousine (Hugo Boss) nun die Targa-Variante (Charal). Mal sehen, was sich auf Dauer durchsetzen wird. 

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