IMOCA: Die neue Generation der Hochsee-Boliden – Jérémy Beyou enthüllt radikale “Charal”

Die neuen Flügel

Jérémy Beyou präsentiert seinen IMOCA, der ihn zum großen Vendée Globe Favoriten macht. Der neue 60 Fußer “Charal” zeigt, wo die Entwicklung der Hochsee-Semi-Foiler hingeht.

Der neue Look von “Charal”. Weit ausladende Knickflügel. © Yvan Zedda / Alea

Vergleich mit dem Hugo Boss-Foil. © Hugo Boss

Der Franzose Jérémy Beyou (42) schickt sich an, den Gipfel des Hochseesegelns zu erklimmen. Eben noch gewann er das Volvo Ocean Race eher unbemerkt an Bord von Dongfeng, nun rückt die Vendée Globe in den Fokus. Beyou hat seinen neuen Hochsee-Boliden enthüllt, der das Gesicht des Offshore-Sports maßgeblich verändern dürfte.

13 Monate lang hat das Team an dem Neubau gearbeitet. © Yvan Zedda / Alea

Der Dritte der vergangenen Vendée Globe und dreimalige Figaro-Sieger will mit seinem neuen, radikalen Design – gesponsert vom Fleisch-Produzenten Charal (Sponsor-Vertrag bis 2020) – nun richtig durchstarten. Bei der vergangenen Vendée hatte er auf seiner betagten “Maitre Coq” (ex “Banque Populaire” – Vendée 2. 2013) noch nachträglich Flügel angebaut, konnte aber mit den Neubauten von Armel Le Clea’ch und Alex Thomson nicht wirklich mithalten.

Das neue Schiff vor den Werfthallen von CDK Technologies in à Port-la-Forêt. © Martin Keruzore / Charal

Schon damals soll der Umbau laut Beyou dazu gedient haben, möglichst viele Daten über diese neue Art des Segelns zu sammeln. Und diese Erfahrungen über das Zusammenspiel zwischen Rumpfform, Struktur und Flügeln sind nun in den Neubau eingeflossen.

Star-Konstrukteur Vincent Lauriot-Prevot kündigte schon vor dem Bau an, dass sich die nächsten IMOCA deutlich von der vergangenen Generation unterscheiden. Und er glaubt, dass sie mindestens zwei Tage schneller um die Welt segeln werden. Schließlich hätten die Designer bei der ersten Vendée mit Flügeln noch auf wenige Erfahrungswerte mit den neuartigen Seitenschwertern zurückgreifen können. Sie sorgen für viel Auftrieb und wenig Widerstand bei schneller Gleitfahrt. Aber die Rümpfe waren noch so ausgelegt, dass sie auch ohne Tragflächen schnell segeln konnten. So konnte “Hugo Boss” trotz eines gebrochenen Foils noch mächtig Druck machen.

Innovative Bugform. © Yvan Zedda / Alea

Spitze wie ein Panzerkreuzer © Yvan Zedda / Alea

Das dürfte für die neue “Charal” deutlich schwieriger werden. Die 18-Meter-Yacht hat nun nach 13 Monaten Arbeit in Port-la-Forêt die Werfthallen von CDK Technologies verlassen und wird heute am Mittwoch, den 22. August, nach Lorient gebracht, wo der Mast gestellt und ein erster Kentertest absolviert wird.

Nach Angaben des Charal Sailing Teams sind noch nie so große Tragflächen auf einem Einrumpfboot installiert worden. Beyou erklärt: “Wir wollen hart puschen können, und brauchen dafür maximalen Auftrieb. Die Spitze ist lang und der Schaft ebenfalls. Er weist eine Biegung mit zwei Geraden in verschiedenen Winkeln auf. Das Profil ist relativ voluminös, weil es hohe Kräfte besonders in der Spitze aushalten muss.”

Das Vorschiff von der Seite. © Yvan Zedda / Alea

Aber auch der Rumpf sieht anders aus, als aktuelle IMOCAs. Er sei erstmals radikal für die Bedürfnisse des Foilens ausgelegt worden, erklärt Pierre-François Dargnies, Technischer Direktor des Charal Sailing Teams. Es sei klar, dass der IMOCA nach wie vor nicht zu 100 Prozent in den Flugmodus gebracht werden könne. Deshalb sei sehr darauf geachtet worden, den Widerstand im Wasser und auch aerodynamisch zu verringern.

Das Ergebnis ist ein innovativer Rumpf mit einem sehr vollem Bug, schrägen Seitendecks wie bei der radikalen Fast40+ von Niklas Zenström, sowie einem abgerundeten und geschlossenen Heckspiegel. Die neue Form des Achterschiffs zielt insbesondere darauf ab, Gewicht zu sparen.

Das radikal abgerundete Heck. © Yvan Zedda / Alea

Den Wohnbereich wollte Beyou wie bei den großen Trimaranen gestalten. Dieser befindet mit dem Arbeitsbereich auf einer Ebene. Ziel ist es, dass der Skipper Winschen, Pinne, aber auch Kartentisch und Küche in unmittelbarer Nähe hat. Das sei nicht zu 100 Prozent erreichbar gewesen, sagt Dargnies. Denn man müsse nach wie vor den Schwerpunkt möglichst weit nach unten bringen. Aber man habe einen guten Kompromiss gefunden.

Der Skipper freut sich über sein neues Baby. © Yvan Zedda / Alea

Auf einen möglichen Einsatz beim Volvo Ocean Race geht Beyou nicht ein. Es ist nach wie vor fraglich, wie die für den harten Einhand-Einsatz gebauten 60 Fußer auch mit einer Crew funktionieren sollen. Auch bezweifeln Profis wie Chris Nicholson, dass die IMOCAs die Stürme auf der vergangenen Volvo Ocean Race Route überstanden hätten, wenn sie von einer Crew hart gepuscht worden wären. Ob die neue “Charal” dem entsprechen könnte?

Die Finne des Neigekiels wird montiert. © Yvan Zedda / Alea

Die neue Yacht von Jérémie Beyou ist jedenfalls mit zahlreichen Sensoren ausgestattet, die Überlastungen schnell erkennbar machen sollen. Die Impulse werden von einer Software verarbeitet und können in Echtzeit an der Navi-Konsole eingesehen werden. Der nächste Schritt wäre die Übertragung an Land zu einem Telemetrie-Team, so wie es bei der Formel eins aber auch bei den Ultim Multihulls geschieht. In der IMOCA-Klasse ist das während eines Rennens aber nicht erlaubt.

Mini Saildrive für den Notfall. © Yvan Zedda / Alea

Bis zum ersten wichtigen Test bleibt Beyou nicht mehr viel Zeit. Am 4. November startet die Route du Rhum, die alle vier Jahre stattfindende Transatlantik-Einhand-Regatta von Saint-Malo nach Gouadeloupe. Zur 40. Auflage ist mit 122 Yachten ein Rekord erreicht. Allein in der IMOCA-Klasse haben 24 Boote gemeldet. Spannend wird der Vergleich mit der modifizierten “Hugo Boss” von Alex Thomson und der Vendée Globe Siegeryacht. Die ehemalige “Banque Populaire” wird inzwischen als “Bureau Vallée” von Louis Burton gesegelt. Auch Boris Herrmann wird mit “Malizia” zeigen wollen, dass sein Foiler noch nicht zum alten Eisen gehört.

“Charal” im Flugmodus. Die neue, kantige Form der Flügel ist gut erkennbar.© Yvan Zedda / Alea

 

 

 

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „IMOCA: Die neue Generation der Hochsee-Boliden – Jérémy Beyou enthüllt radikale “Charal”“

  1. avatar breizh sagt:

    Der Rumpf des IMOCA sieht aber hammerhart aus. Bin gespannt, wie der in der Sonne funkelt. Eine Diskokugel im Masttop fehlt noch 😁.
    Auf die anstehende Route du Rhum kann man sich ja jetzt schon freuen. Ist Jörg Riechers eigentlich dabei oder ist sein IMOCA bis dahin nicht nicht aus dem Refit in Portugal zurück? Und wo und wie bereiten sich Boris Herrmann eigentlich vor?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar TriRow sagt:

    Stimme zu, scharfes Gerät. Wir haben Boris Herrmann mit Malizia gestern Abend in Concarneau einlaufen sehen.

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    • avatar breizh sagt:

      Dann lohnt sich ja in den kommenden Tagen ein Gang nach La Base. Und wenn er nach La Forêt-Fouesnant wollte, wäre er vorher schon abgebogen.

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  3. avatar Tom sagt:

    Ich bin sehr auf die neue Hugo Boss imoca gespannt, die soll ja auch schon in Konstruktion sein. Wahrscheinlich wird die nochmal eine Stufe extremer, eben Alex Thomson typisch. Bei der letzten hatte er ja einen ziemlichen Glücksgriff und wäre ohne defekt wohl unschlagbar gewesen. Wenn die neue wieder so schnell werden soll müssen sich die Konstrukteure ziemlich anstrengen.

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  4. avatar Tom sagt:

    Was mir an den Bildern aber Grade auffällt ist der sehr kurze und steile “Hals” der foils, war Hugo Boss nicht angeblich wegen genau diesem und dem sehr flachen Winkel so stark? Sprich es könnte durchaus sein dass, das Boot irgendwo nicht ganz so radikal ausgelegt ist wie es scheint. Das zeigt sich aber erst wenn die Neubauten der Konkurrenz gezeigt werden.

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  5. avatar Tom sagt:

    Weiterer Nachtrag:Das das gesamte Rumpfdesign erinnert irgendwie an die aktuelle Hugo Boss, die Schrägen Seitendecks sind auch bei imocas nicht mehr neu, das Heck sieht sehr interessant aus, allerdings muss sich zeigen ob das tatsächlich Vorteile bringt. Ansonsten wäre hauptsächlich die breite sehr interessant, denn die bestimmt wie gut die Yacht mit foils funktioniert und vor allem ob sie noch ohne foils funktioniert, denn ein Bruch ist immer möglich unter tauschen während der Regatta ist wohl nicht wirklich praktikabel. Ich meine so ein Teil wiegt mehrere hundert kilo.

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