Iskareen-Bordbuch TJV: “Momente, von denen man lange zehrt”

"Sternschnuppen prasseln vom Himmel"

Die Bruhns-Brüder erleben bei der Transat Jacques Vabre mit ihrer Class 40 starke Momente. Zum Beispiel: “Bei 20 Knoten Wind mit 12-15 Knoten durch die Nacht.” Dabei am Lenker “vier Pink Floyd Alben hintereinander gehört”.

Day 10 In den Tradewinds Dienstag, 5.11.2019

Die Nacht bringt kleine Aufreger mit sich, der Spi vertörnt sich bei Leichtwind und Welle als perfektes Knäuel und muss heruntergeholt werden; glücklicherweise passt er immer noch in die Bergesocke, so dass das Manöver ohne größere Probleme vor sich geht. Herunter an Deck, entdrehen, wieder in die Socke und weiter geht die Reise.

Morgens taucht dann auf einmal ein pinker Spi neben uns auf, die Identifizierung per AIS gelingt nicht, allem Anschein nach handelt es sich um ein französisches Boot und die sind nun mal im Stealth Mode unterwegs, wie wir gelernt haben.

“Iskareen” steuert auf die Kapverden zu und liegt auf Rang 15. Der Rückstand zum Ersten: 765 Meilen.

Die Trackerdaten geben mehr Aufschluss, es handelt sich um Ursaine Poupon (aus der Seglerdynastie von Philippe) auf UP Sailing. Wir segeln eine Weile nebeneinander her ohne nennenswerte Speedunterschiede erkennen zu können, dann entscheiden wir uns aufgrund eines Drehers zur Halse, der pinke Spi verschwindet hinterm Horizont.

Heute begehen wir mit Überqueren des 30. Breitengrades auch unseren offiziellen Eintritt in die Tradewinds, die sich zwischen den 30. Breitengraden nördlicher und südlicher Breite befinden und zwischen denen sich die auf Englisch „Doldrums“, Französisch „pot au noir“, Deutsch „Rossbreiten“ und offiziell ITCZ (Intertropic Convergence Zone) genannte Flautenzone befindet, durch die wir uns auf dem Weg nach Süden durchschlagen müssen.

Die Tradewinds wehen im Norden aus NE, im Süden aus SE mit größter Beständigkeit um die 20 Kn, unterbrochen lediglich durch Squalls, lokale Gewitterzellen, die sich vor allem tagsüber auf- und gegen Frühabend mit Schauern und knackigen Böen wieder entladen.

Nachts dann einer dieser Top Ten Momente im Seglerleben, nachdem sich die letzten Minisqualls verabschiedet haben und der arabische Mond untergegangen ist, der auf dem Rücken liegend so aussieht als ob der Mann im Mond gerade in die Heia musste, heizen wir unter A2 bei guten 20 Knoten Wind mit 12-15 Knoten durch die Nacht.

Ich hole mir den Kopfhörer, das Hintergrundrauschen wird herausgefiltert und höre am Lenker nacheinander vier Pink Floyd Alben. Das Ganze bei 24 Grad unter einem phänomenalen Firmament, die Sternschnuppen prasseln nur so vom Himmel, die Wünsche sind nach einer halben Stunde aufgebraucht und aus dem Kopfhörer kommen psychedelische Epen. Momente, von denen man lange zehrt.

Bits & Bites

Sherry doch nicht alle – wie sich herausstellte, wurde irrtümlich ein zweiter Karton Sherry an Bord deponiert, der entgegen anderslautender Weisungen auch nicht wieder an Land gebracht wurde. Wir werden den Vorgang prüfen, die Befehlsketten überarbeiten und den Sherry vernichten.

Statt Wachtmeister: Einen Bordhund haben wir zwar nicht, aber der Effekt, in die Hinterlassenschaften des Vierbeiners zu treten, ähnelt in puncto Geruch und Konsistenz dem, auf einem fliegenden Fisch auszurutschen, der an Deck sein Leben aushauchte, wie Sönke feststellen musste.

Fauna: Mittags wird eine Schildkröte gesichtet, Größe deutlich über Klodeckel, die seit ein paar Jahrzehnten über den Atlantik treibt und in ein paar Jahren ankommen wird. Außerdem immer wieder Delphine und Kleinwale, die uns argwöhnisch beäugen, aber nicht begleiten. Sollte es am Geruch liegen?

Day 9 – Double Ouch!! Montag, 4.11.2019

Die Nacht verläuft ereignislos bei leichten bis mittleren Winden. Der Blick auf den Tracker offenbart es: Ouch, das war teuer! Die kleine Zwangspause hat mächtig gekostet, darüber hinaus waren die Boote in Luv von Madeira auch noch schneller – obwohl unsere Routings einhellig unten herum gingen. Was wussten die bloß was wir nicht wussten?

Mittlerweile haben zwei Mitbewerber, Catherine auf Eärendil und Equipe Voile Parkinson jeweils einen Pitstopp auf Madeira eingelegt, um Probleme am Ruderkopf oder mit der Aufhängung des Hydrogenerators zu fixen. Der Pitstopp ist nach Anmeldung bei der Wettfahrtleitung soweit regelkonform, muss mindestens vier Stunden dauern und die Reise darf erst an dem Punkt wieder fortgesetzt werden, an dem sie abgebrochen wurde.

Zurück an Bord. Steigende Temperaturen stellen neue Herausforderungen ans Outfit, der langen Rede kurzer Sinn, die neue Iskareen Herbst-/Winterkollektion wird angeschlagen. Weite T-Shirts mit luftigen Ärmeln und markanten „Iskareen“ Schriftzügen auf Brust und Rücken sind wie bereits im Vorjahr ein modisches Muss.

Dazugekommen ist dieses Jahr die ¾ Ölhose von Marinepool (Achtung, Product Placement), mit der Arnt schon in San Remo überzeugen konnte und die den luftigen Stil weiter unterstreicht. Kombiniert wird das Ganze mit dem zeitlosen, absoluten „must have“ auf einer Class 40: Crocs, die den Kontakt zum Beine umspülenden Wasser herstellen und die Bildung von unangenehmen Gerüchen und Pilzkulturen vorbeugen. So kann es nach Brasilien gehen!

Bits&Bites

Empty! Der an Bord befindliche praktische Nachfüllkanister Sherry hat seinen letzten Schluck ausgehaucht. Hätten wir doch einen Pitstop an der Algarve zum Nachtanken eingelegt!

Hitchhiking the Ocean: Über die Klassenvereinigung erreicht uns die verschwommene Anfrage, ob auf einem emissionsfreien Segelschiff mit Ziel Europa Platz für eine junge Schwedin wäre, die zu einer Klimakonferenz gereist ist, die dann doch woanders stattfindet. Wir können eventuell eine Mitfahrgelegenheit bis Antigua bieten, aber bitte ohne die zugehörige Entourage. Ansonsten……- BORIS?

Für die im Jahr 2021 geplante Weltregatta Globe 40 gibt es nach Veranstalterangaben bereits den siebten Interessenten; dieser ist dem Vernehmen nach Deutsch, Fragen nach Team und Eigner blieben jedoch unkommentiert. Könnte da am Ende ein NRV-Stander hinten dran sein?

Day 8 Ab ins Flautenloch, Sonntag, 3.11.2019

Der Tag beginnt schön mit einem Reach bei Sonnenschein. Währenddessen schält sich frühmorgens erstmal Porto Santo aus dem Dunst, die Insel ist bergig mit einer markanten Silhouette hat aber dennoch schöne Strände im Gegensatz zu Madeira. Ein zaghaftes Einloggen in die örtlichen GSM-Netze, Daten gehen, aber das Telefonat zum Sonntagmorgen schlägt schief.

Beim Wechsel auf den A2 lege ich ein waghalsiges Manöver hin, erst verliere ich die Bergeleine der Socke, die mit dem sich entfaltenden Spi nach oben saust, dann geht die Fallenklemme auf. Happy kurbling und zwar avanti bevor der Spi im Wasser landet! Dafür werde ich mit einem Ausflug in den Mast belohnt, erst kommt die Bergeleine runter dann gibt’s noch ein paar schöne Photos von oben.

Später kommen voraus die Islas Desertas in Sicht, zwei Madeira südöstlich wie eine natürliche Barriere vorgelagerte Inseln, die so steil und schroff aus dem Meer emporragen, dass es nicht weiter verwundert, dass die Dinger desertado sind. Dahinter am Horizont zu erahnen Madeira, am besten immer noch an den Wolken zu erkennen, die über dem vulkanischen Eiland stehen.

Der Windschatten atlantischer Inseln ist bekanntlich erheblich. Als wir, nach Passage der Desertas jedoch in einer Entfernung von 25 sm von Madeira unverhofft ins Flautenloch laufen, sind wir doch erstaunt, wir hatten extra viel Abstand eingeplant!

Die Zeit vergeht (und zwar nicht wie im Flug), der Spi liegt an Deck und das Großsegel schlägt im Geschwabbel der Wellen – welcher Segler kennt es nicht, dieses Gefühl, regungslos dazuliegen während die Konkurrenz über den virtuellen Horizont verschwindet und Meilen gutmacht ohne dass man irgend etwas tun könnte.

Nach mehreren Stunden hat irgendeine höhere Macht ein Einsehen und wir können weitersegeln. Als erstes halsen wir von diesem Eiland weg, später haben wir zwar noch mit Leichtwindpatches zu tun, können den Spi aber oben lassen, bis der Wind sich irgendwann nachts stabilisiert.

Bits&Bites

Trockenfest: Das Wetter erlaubt nicht nur das Öffnen des Vorluks um unsere Tropfsteinhöhle mal zu belüften, sondern auch das Trocknen der Aufblasmatratze an Deck. Schlagartig wird unsere Behausung wieder wohnlicher!

Minis: Seit gestern ist die Flotte der Minisegler auf dem Weg von Gran Canaria nach Martinique. Wir werden sie zwar nicht mehr treffen, wurden aber vorsorglich von deren Rennleitung instruiert, bei Sicht- oder Funkkontakt auf keinen Fall irgendwelche relevanten Routing- oder Wetterdaten zu übermitteln; die Minis segeln anachronistisch mit Kurzwellenfunkgerät, über das sie auch ihre Wetterberichte empfangen, alles andere ist verboten.

Go Southwest: Die Tage werden länger, die Sonne geht später unter und früher wieder auf – Ergebnis unserer zurückgelegten Meilen gen Süden und Westen, im Ergebnis sehr angenehm!

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Iskareen-Bordbuch TJV: “Momente, von denen man lange zehrt”“

  1. avatar Jona sagt:

    Wie immer wunderbar amüsant und kurzweilig geschrieben !
    Vielen Dank, dass wir so mitgenommen werden.
    Und natürlich noch viel Erfolg weiterhin!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 2

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