Iskareen-Bordbuch TJV: Schinken, Käsespezialitäten, Haribo, Sherry – Wieder drin im Netz

"Traumwinkel Richtung Südwest"

Bei der Transat Jacques Vabre liegt die Spitze des Class40-Feldes noch relativ eng beisammen. Es gab einen weiteren Mastbruch. Riechers segelt in den Top Sechs, “Iskareen” im Mittelfeld. Bericht von Bord.

Day 3 – in den Atlantik Dienstag, 29.10.2019

Die Nächte sind lang, von sechs bis um sechs, zumindest nach Bordzeit und bisher so dunkel wie der berühmte Bärenpopo von innen. Von Mond sowieso keine Spur soweit das über der Wolkendecke überhaupt erkennbar ist.

Insofern ist es dann immer ganz schön, wenn der Morgen graut und der Szenerie etwas Beleuchtung verschafft. Wir laufen hoch am Wind unter verschiedenen Vorsegel- und Reffkombinationen Richtung Südwest. Ziel der Übung ist es, heute nacht irgendwann unter der Front durchzufahren und im Rechtsdreher nach Süden zu wenden. Dies wird dann je nach befragtem Wettermodell (ECMWF, GFS, Arpege) zwischen Mitternacht und morgen mittag stattfinden.

Die Class40s haben alle die Süd-Option gewählt. Riechers rot) liegt gut dabei aber Favorit Lipinski weiß) gibt links gerade richtig Gas.

Doch zunächst gilt es, unser Internetproblem in den Griff zu bekommen, denn wir können zwar telefonieren und mailen, sind ansonsten aber offline – ein unhaltbarer Zustand! Nach Analyse des Bordrechners und intensivem Chat mit unserem Serviceprovider wird das Problem serverseitig vermutet und nach mehreren Resets, Modifikationen der Firewall und Hoch- und Herunterfahren der Satellitenanlage können wir nachmittags Datenbahn frei vermelden, wir sind drinnen!

Was für ein Glück dass wir im Sommer zur deutschen Abteilung unseres Serviceproviders gewechselt sind, mit den Franzosen hätte das nie gekappt. Und weils so schön ist, probieren wir auch gleich nochmal den Watermaker, den wir im englischen Kanal nicht so gerne in Betrieb nehmen wollten – zuviele Schwebstoffe und unleckeres Wasser. Funzt!

Eine weitere Neuerung an Bord ist der Mittagstisch, Lunch oder wie man das Baby nun nennen soll und den wir zahlreichen Einzelspendern verdanken: Internationale Wurst-, Schinken-, und Käsespezialitäten, Haribo und Sherry – so eine Art Offshore-Brotzeit halt. Serviert gegen frühen Nachmittag im Beisein der gesamten Crew.

Sönke Bruhns bereitet das Essen. © Iskareen

Nachts kommt dann die spannende Frage, wann die Front über uns wegzieht oder welcher Wetterdienst die beste Prognose abgeliefert hat. The Winner is, mit einer Punktlandung kurz nach Mitternacht, das französische Arpege-Modell.

Großes Umstacken, Wasser umlaufen lassen und klar zur Wende. Unser Kielwasser ist ein klassischer Möwenflügel oder „Aile de Mouette“ wie der Franzose sagen würde, auf Backbordbug gehts gen Süden!

Bits & Bites

Eigentlich sollten ja gar keine Kippen mit, dafür qualmte es aber bis gestern Morgen noch ziemlich häufig. Seitdem ist Sönke augenscheinlich clean, die Glimmstengel scheinen alle zu sein.

Bereits seit gestern im Betrieb ist unser Hydrogenerator, der bei Highspeed in den höchsten Tönen Strom erzeugt und damit Motorstunden, sprich Diesel spart. Leider kommt unter acht Knoten zu wenig heraus, so dass wir die nächsten Tage erst mal dieseln werden.

Bereits drei Class 40s liegen wieder in Lorient: unser Freund William auf „Beijaflore“ mit einer ausgekugelten Schulter sowie unsere Schwesterschiffe “Kiho”, die sich den Spi zerrissen haben und “SOS Mediteranee” mit ähnlichen Gründen. Schade um die interne Konkurrenz!

Day 4 – South or West? Mittwoch, 30.10.2019

Es wird wärmer, morgens empfängt uns blue sky (partiell) während wir durch die Biskaya kreuzen. Auf dem Tracker beobachten wir aufmerksam die IMOCAs, die sich vor und neben uns in zwei Gruppen gespalten haben; eine Gruppe geht geschlossen entlang der portugiesischen Küste nach Süden, während die andere direkt nach Westen hält. Ein paar Nachzügler irren dazwischen hin und her und versuchen, nicht von den ersten Class40s überholt zu werden.

Dabei im Westen nicht die schlechtesten Boote: Alex, Boris, Louis Burton („Bureau Vallee“), Giancarlo Pedote („Prysmian Group“) und Yannick Bestaven mit Roland Jourdain auf „Maitre Coq“ sind durchweg gewiefte Taktiker.

„West is best“ – diese Regel galt bisher unangefochten, wir können den Move in diesem Fall aber nicht so recht nachvollziehen. Warum hoch am Wind in ein Tief, das wiederherum Gegenwind beschert, um schließlich mitten im Kern des Azorenhochs zu landen, wenn die Alternative ist, bei zwar leichten aber stetigen Winden die Küste herunterzufahren, östlich ums Hoch herum und dann den Absprung in die Tradewinds zu planen? Die Präferenz heißt bei uns Süden, jedoch empfehlen noch zwei von drei Routings den Ausflug nach Westen.

Derweil vergeht der Tag mit allerlei Getüdel an Bord, ich repariere den Cunningham, der bei uns vor allem dazu dient das Groß beim Reffen herunterzukurbeln, von alleine bleibt das nämlich oben. Dazu ist das gute Stück immer mal wieder aufgemantelt, um beim Zerren durch die Refföse und später in der Klemme nicht massakriert zu werden. Dank der netten Unterstützung von Robline (Achtung, Productplacement!) haben wir neben super Tauwerk auch die benötigten Reparaturmaterialien und Werkzeuge an Bord.

Dann treffen wir den Franzosen. „A Chaqun son Everest“ (Jedem seinen Everest) oder so. Der hatte sich wohl vorgenommen im Stealth-mode zu segeln und im AIS seinen Schiffsnamen gelöscht (die waren in Le Havre extra alle noch einmal kontrolliert worden). Was bei im AIS hinterlegter MMSI und regelmäßigem Tracking in etwa so sinnvoll ist wie nachts unbeleuchtet zu segeln oder seine Segelnummer abzukleben.

Der Kollege kommt zumindest in Sicht, wir wollen checken wer es ist, identifizieren ihn anhand der MMSI und schreiben eine freundliche Mail, dass da wohl etwas schiefgelaufen sein muss. Später ist der Bootsname wieder im AIS und abends bekommen wir eine Mail in CC, in der der Kollege sein Shoreteam bittet, die AIS-Kennung wieder zu vervollständigen. Will der uns im Ernst weismachen, sein Shoreteam würde seine Bordanlage von außerhalb einstellen?

Nachts dann ein Deja-vu Erlebnis: Auf die Stunde genau kommt der von unserem Lieblingswetterdienst prognostizierte Linksdreher, wir wenden hinein und fahren mit einem Traumwinkel Richtung SW. South or West, da kann man nicht widerstehen!

Bits & Bites

Der Start zum Brest Oceans, eines Rennens für Trimarane der Ultim-Klasse rund um den Atlantik wurde vor dem Hintergrund des nahenden Tiefs verschoben. Die Bilder des Demolition Derbys bei der letztjährigen Route du Rhum sind wohl noch zu gegenwärtig.

Dank des schönen Wetters heute vormittag haben wir jetzt auch wieder trockene Klamotten! Aber der nächste Schauer oder der nächste Nebel kommen bestimmt.

Zweiter Mastbruch

Derweil hat sich das Feld der Class40s weiter dezimiert. Die auf Rang sieben geführte “Entrainde Marine Adosom” vermeldet einen Mastbruch – den zweiten der Flotte. Das Skipper-Duo ist auf dem Weg nach Spanien.

Jörg Riechers hält mit seinem südafrikanischen Design unter den Top Sechs weiterhin gut mit und liegt nur 24 Meilen hinter dem Spitzenreiter. Favorit Ian Lipinski und weitere westlicher platzierte Boot geben gerade aber mächtig Gas.

Transat Jacques Vabre Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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