Iskareen-Bordbuch TJV: Squalls, Körperpflege und eine gerissene Tackline

"Ein bisschen Spaß muss sein"

Die Bruhns-Brüder nähern sich mit ihrer Class 40 “Iskareen” der Transat Jacques Vabre Ziellinie in Brasilien. Noch 1000 Meilen. Zwischenzeitlich feierten sie stilecht die Äquator-Taufe.

Die jüngsten Berichte von Bord der “Iskareen”:

Day 16 – Intertropisch Montag, 11.11.2019

Heute ist es also mal wieder so weit, 11.11.. Pünktlich um 11.11 holen wir unsere Narrenkappen raus und Helau! Helau! Helau! Ein bisschen Spaß muss sein, die Narrenkappen wurden natürlich ausgestaut. Dafür verbringen wir einen intertropischen Konvergenztag – wer kann das schon so von sich behaupten?

Äquator-Taufe auf Iskareen. © Iskareen

Der Morgen bringt die Erkenntnis, dass irgendwer an Bord übermenschliche Kräfte haben muss. Annähernd zumindest, denn beim Ausreffen wurde wohl so stark am Fall gezogen, dass der Hals des Großsegels disintegrierte, wie der Engländer an dieser Stelle sagen würde. Unterm Strich kann es auch sein, dass die Gurtbänder ganz profan durchgescheuert sind.

Wir erwägen eine Vorort-Reparatur, behelfen uns jedoch vorerst einfach mit einem Provisorium, das Tuch ist an der Stelle so stark, dass die Reparatur auch äußerst provisorisch ausfallen würde und das Segel sowieso noch einmal zum Segelmacher muss.

Der Vormittag vergeht vergleichsweise entspannt, unter Groß und Code 0 tasten wir uns gen Süden vor. Gute Gelegenheit, mal den XXL Selfiestick mit der GoPro auszuprobieren.
Nachmittags zieht es sich dann zu und die Squalls setzen ein. Der Code 0 wird alsbald gegen den Solent getauscht und am Horizont ziehen alte Bekannte auf.

Die beschäftigen uns dann die ganze Nacht lang zur Genüge. Heftige Regengüsse, Böen mit 30 Knoten oder auch Windlöcher mit 6 – Die Wasserballasttanks werden laufend entleert und wieder aufgefüllt, teilweise wird der Prozess umgekehrt, bevor er abgeschlossen ist.

Die Windrichtungen differieren dabei zwischen 90 und 180 Grad, vorm Bug liegen abwechselnd der Southern Ocean und Venezuela. Positiv bei der Segelkonstellation: Man muss nicht laufend um den Kite zittern, mit Groß und Solent kann man einfach etwas abfallen und Gas geben.

Bits & Bites

Fischen 2.0: Sönke setzt jetzt Möwen ein, die es auf seine gefiederten fischigen Freunde abgesehen haben. Von der Kante wird jeder Angriff des Räubers wohlwollend kommentiert. Wünscht man da jetzt Petri oder Waidmanns Heil?

Nix für Veggies: Der Käse ist alle, genau genommen ist uns das letzte Stück im wahrsten Sinne des Wortes aufgepilzt und wurde Sönkes Außenbordfreunden gespendet. Nun gibt’s nur noch Salami und Schinken – klingt nach Männertour?

Alte Bekannte reloaded: So plötzlich wie sie da waren, sind sie wieder weg: keine Braunalgen mehr. Sind wir eventuell gerade an der interatlantischen Algenquelle vorbeigesegelt?

Day 15 – in die Doldrums Sonntag, 10.11.2019

Der Morgen findet uns vor einer dunkelschwarzen Wand, die achtern von Luv aufläuft. Hektisch wird der große Kite geborgen, die befürchtete Hammerböe bleibt zwar aus, aber schon der folgende 50 Grad Dreher rechtfertigt den Segelwechsel. Merke: Mit den Squalls ist es wie mit Crewbörsen und Pralinenmischungen: Man weiß nie so genau was dahinter verbirgt (und es ist immer einer dabei den man nicht mag).

Dafür monitoren wir die Squalls jetzt mit IR-Satellitenbildern, die wir herunterladen. Unsere Hoffnung, uns an so ein Teil dranzuhängen und damit schneller gen Süden zu kommen, erfüllen sich jedoch nicht, da die Teile sich schnell mal wieder auflösen und die Bilder beim Empfang bereits eine Stunde alt sind.

Der kurze Zug aus der Zigarre, wenn es was zu Feiern gibt. © Iskareen

Das mit den Squalls geht dann den ganzen Tag so weiter, Wind aus Richtungen zwischen 20 und 150 Grad und 6-28 Knoten, ab und zu mit heftigem Regenschauer. Dazu wechseln wir fröhlich zwischen A2, Solent, Trinquette und Code 0, das Groß ist ab und an mal gerefft, dann wieder nicht. Langweilig zumindest wird es nicht.

Rückblick in die gute (?) alte Zeit: Als ich vor 30 Jahren auf der „Schlüssel von Bremen“ im Whitbread Race hier entlangfuhr haben wir in einem tropischen Squall erst geduscht (mit Haarewaschen), dann das Großsegel entsalzen und anschließend 60 Liter Frischwasser aus dem Segelfuß geschöpft. Dann hatten wir meiner Erinnerung nach die Nase voll und sind unter Deck gegangen. So lange und heftig erwischen wir es hier dann doch nicht, die Squalls sind augenscheinlich auch nicht mehr das was sie mal waren. Sollten wir Greta dazu befragen?

Bits & Bites

Boxenstopp: Mit etwas Glück sehen wir in Salvador sogar noch einen Ultime. Sowohl „Macif“ als auch „Gitana“ müssen nach technischen Problemen einen nordbrasilianischen Hafen anlaufen, vielleicht wird es ja Salvador.

Hot nights: Ganz schön warm in der Koje – nach längerer Ursachenforschung habe ich jetzt unseren dicken Schlafsack gegen den dünnen ausgetauscht. Kann man bei Temperaturen von ca. 35 Grad unter Deck sonst auch gleich ganz weglassen.

Alte Bekannte: Urplötzlich sind sie wieder da: Braunalgen, hier noch in kleinen Patches von ca 1 m², die langsam westwärts treiben. Wenn sie gegen Ende Frühjahr in der Karibik angekommen sind, werden sie sich zu fußballgroßen Feldern zusammenrotten und harmlose Segler an den Rand des Wahnsinns treiben.

Day 14 go south Samstag, 9.11.2019

Der Tag beginnt mit der handwerklichen Annäherung an die Tackline – Erstmal die Reste auseinandernehmen, die durchgescheuerten Stellen abschneiden, neuen Spleiß mit neuem Schutzcover – fertig. Materialien sind dank unserer Freunde bei Robline (Achtung, product placement!) an Bord, nach einer guten Stunde kann der Fall ad acta gelegt werden mit der Randnotiz dass die Tackline wieder einen Meter kürzer ist – beliebig lässt sich das Spiel nicht weiterspielen, aber bis Salvador sollte es langen.

Langsam nähern wir uns dem Eintritt in die südliche Hemisphäre. Doch davor hat irgendeine Macht als letzte Hürde die Doldrums gesetzt, die wir gewissermaßen als Eintritt durchqueren müssen: Flauten, Gewitterstürme, Hitze und anderes Unbill gilt es auf dem Weg in den Südostpassat zu überwinden, der uns dann relativ zuverlässig nach Brasilien bringen soll. Es wurden bereits längere Überlegungen angestellt, wie und wo sich ein geeignetes Gate auftun könnte, was jedoch schwierig ist, da sich die bereits erwähnten Gewitterstürme schlecht prognostizieren lassen, was für den äußerst schwachen Gradientenwind genauso gilt.

Die Nacht wird mal wieder bunt. Es liegt förmliche Spannung in der Luft, unerwartete Winddreher und Varianzen im Windspeed, choreographiert von teilweise beeindruckendem Wetterleuchten am Horizont – Doldrums, here we come.

Immer wieder muss der Freiwächter kurzfristig an Deck hüpfen, weil sich eine bedrohliche Wolke aufbaut oder der Wind aus einem unschuldigen blauen Himmel auf 25 Knoten aufdreht. Später hat Sönke seine liebe Not, als der Wind vor der uns im Nacken sitzenden Wolke dauerhaft 30 Grad nach links geht, was sich in unserem Track eindrucksvoll niederschlägt. Unterm Strich ist es aber gar nicht mal so unwillkommen, da es uns in den gewünschten Korridor zurückbringt.

Bits & Bites

Badefest: Auf die freundliche Nachfrage meines jüngsten Sohnes, ob ich denn auch so wie Sönke auf Hygiene achten würde, sehe ich mich im Zugzwang; Antreten zur Körperpflege! Die Wassertemperatur (29 Grad) macht es gerade so erträglich.

Sitzenbleiben: Fällt immer schwieriger, Feuchtigkeit und Wärme sind auf Dauer üble Zutaten fürs Gesäß – da hilft nur trocken halten und mit Fett gegenan arbeiten. Erinnerungen an das letzte RORC 600 werden wach – ob wir in Brasilien noch stehen können?

Hot nights: Die Temperatur liegt mittlerweile tags wir nachts recht gleichmäßig um 30 Grad. Solange es weht, lässt sich gut damit leben, bei Flaute und unter Deck wird’s warm und nass.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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