Iskareen-Bordbuch TJV: Die verdiente Zigarre

"Mit infernalischem Knall ins Wellental"

Das Leben an Bord der “Iskareen” wurde lange Zeit bei der Transat Jaqcues Vabre von harten Schlägen bestimmt. Nun ist unter dem großen Kite voller Genuss angesagt. Die Kanaren liegen voraus. Aber das Demolition Derby in der Class40 setzt sich fort. Bericht von Bord.

Day 5 – Wham, Boom, Bang Donerstag 31.10.2019

Nachdem wir die zweite Hälfte der Nacht in dem von unserem Lieblingswetterdienst prognostizierten Linksdreher segelten, der sich auch noch deutlich besser als vorhergesagt entwickelte, werden wir morgens etwas enttäuscht: zwar dreht der Wind wie geplant zurück, jedoch satte drei Stunden zu früh! Da war die Front wohl schneller als analysiert. Aber wir sind ja flexibel, schnell zurückgewendet, sieht auf der Karte echt nach einem Mc Gyver-Schlag aus, und war auch gar nicht so schlecht.

Dazu dicker Nebel, der sich schlagartig auf sämtlichen Festkörpern in- und außerhalb des Bootes als stehende Wasserschicht niederschlägt und aus dem ab und an ein Fischer auftaucht.

Die Situation bei den Class40s nach acht Tagen.

Später brennt die Herbstsonne den Nebel weg und legt alles trocken. Sönke beschließt spontan, einen Waschtag einzulegen und erscheint kurze Zeit später wohlduftend in frischem Shirt während ich darauf bestehe, dass man den Underlayer eigentlich erst wechseln darf wenn sich die Salzränder an den Ellenbogen von oben und unten treffen.

Die South or West Debatte scheint ebenfalls entschieden, das südliche Pulk der Imocas schält sich beständig östlich ums Azorenhoch herum, die fünf Ausreißer versuchen derweil verzweifelt nach Süden zu kommen, Alex betreibt Schadensbegrenzung und gibt schon mal eine Pressenotiz heraus.

Underberg als Überraschung.

Das sich gen Westen verlagernde Hoch bedeutet für uns, dass die Tür für einen relativ direkten Approach in die Tradewinds langsam aufgeht.

Wham, Boom, Bang – es hämmert im Gebälk, das Boot ist hoch am Wind ständig mit 9-10 Knoten Speed gen Süden gegen 3-5 Meter Welle unterwegs und launched gefühlt von jeder fünften Welle um mit einem infernalischen Knall im Wellental zu landen. Wenn man am Navitisch sitzt, sollte man sich instinktiv festhalten, sonst könnte man sich auf dem Boden wiederfinden. In den Kojen achtern unterm Cockpit wird man jedes Mal angehoben und fühlt sich wie auf einem Wasserbett, um sich im nächsten Moment ein Stück weiter vorne in Richtung der gestackten Segel wiederzufinden.

Bits & Bites

Puschenkino: Nachdem ich zwei Tage belächelt wurde, wenn ich in meinen Crocs unter Deck puschelte, um keine nassen Socken zu bekommen, wurden auch Sönke heute die schweren Seestiefel unter Deck leid und er wurde ebenfalls in den schicken Plastiktretern gesichtet, die wir ihm zum Geburtstag geschenkt haben.

Heute bleibt die Küche kalt: Der Mittagslunch entfällt wegen Schwerwetters, die Stewards bekommen die Sets nicht auf den Tischen fest. Ein deutliches Indiz, dass es an Bord wirklich wackelt.

Küche warm: Dafür gibt es abends Bigos. Keine Ahnung was das ist? Wir bisher auch nicht. Es handelt sich angeblich um ein polnisches Nationalgericht, besteht hauptsächlich aus Sauerkraut mit etwas Einlage und wenn man es würzt, schmeckt es sogar ganz gut.

Day 6 querab Lissabon Freitag 1.11.2019

Das Hämmern hält auch die Nacht über durch, während das Boot unter geschlossener Wolkendecke durch die Dunkelheit jagt. Morgens entdecken wir auf dem Tracker, das die Class 40 #101 von Charles Mourreau mit Estelle Greck nicht mehr fährt. Später treibt sie mit 3 Knoten vor dem Wind. Aus dem Offensichtlichen wird per Newsflash Gewissheit. Der Mast ist ab. Tut mir wirklich leid für die beiden, Charles hatte uns noch im Mai stolz erzählt, dass er das Boot neu gekauft habe und sich über die ganze Saison auf diese Regatta vorbereitet.

Gegen Mittag ein heftiger Squall, wir tauschen den Solent gegen die Trinquette, ein Reff und los geht die Reise. Der Wind frischt derweil immer wieder über 30 Knoten auf, wir stampfen fröhlich gen Süden.

Wir sind nun auf Höhe Lissabon, im dortigen Vorort Cascais läuft die Drachen Winterserie wahrscheinlich bereits. Diese Regattaserie ist immer von viel Wind und hohen Wellen geprägt, warum soll es uns also anders ergehen?

Nachmittags dann eine eindrucksvolle Demonstration unserer Sicherheitssysteme: Der Autopilot hat eine Funkfernbedienung, die der „Wachhabende“ um den Hals trägt. Wird der Kontakt zur Fernbedienung schwach – etwa weil der Träger über Bord gegangen ist -, fängt der Autopilot an zu piepsen. Verliert er dann ganz den Funkkontakt, stellt sich das Schiff automatisch in den Wind.

Genau das passiert, als ich gerade den Hydrogenerator am Heck befestige und mich hockend längere Zeit vornüber beuge, so dass mein Körper die Fernbedienung abschirmt. Beruhigend wenn man so etwas mal in der Praxis erlebt, aber wie gut dass wir gerade keinen Kite oben hatten, das hätte eine schöne Bauchlandung gegeben!

Zigarre für den Bordgebrauch.

Abends raumt der Wind und lässt nach, wir setzen den A5 und rauschen durch die Nacht. Ein kurzes Vergnügen: Bereits eine Stunde später holt mich Sönke aus der Koje, voraus tobt ein derartiges Gewitter in den Wolken, dass die Blitze von den Wellenkämmen reflektiert werden. Also Solent raus, A5 rein, weiter geht die Reise. Später wird dann als Novum eine ganz schmale Mondsichel gesichtet, sollte die Zeit der endlosen stockdunklen Nächte etwa zu Ende gehen?

Bits & Bites

Heute schlug der erste fliegende Fisch an Deck ein. Viele weitere werden folgen, am fatalsten sind die, die in die Schotentaschen nach unten rutschen, wo dann irgendwann der Verwesungsprozess einsetzt.

Sönke hat heute seinen Krimi (ebenfalls ein Geburtstagsgeschenk) angefangen. Scheint spannend zu sein, abends geht’s mit Headlamp im Cockpit weiter.

Von unseren Familien gab’s eine Art Adventskalender mit kleinen Säckchen für jeden Tag. Heutige Beute: Zigarren und Underberg – Na denn, Prösterchen!

Day 7 Richtung Madeira Samstag, 2.11.2019

Es hat aufgehört zu hämmern. Die Sonne scheint, wir laufen bei 15-20 kn mit gutem Schrick und zermartern uns den Kopf, ob wir den A5 wieder setzen sollen oder nicht. Die Sorge, durch ein zu kleines Segel Meilen zu verlieren, ist ständig dabei, insbesondere auf diesem Boot, das kleinste Unterschiede in Segelauswahl und Trimm sofort in Fahrt umsetzt.

Schließlich unternehmen wir den Versuch mit dem A5. Das Segel steht, das Boot springt vorwärts, darauf erstmal eine Zigarre! Am Ende des Glimmkolbens müssen wir leider feststellen, dass wir zwar ziemlich schnell sind, aber auch ziemlich schnell in die falsche Richtung laufen, nämlich zu tief – so kommen wir nie bei Madeira heraus.

Also schnell wieder auf den Solent zurück gewechselt, mittags zieht es sich dann zu und der Wind baut weiter auf – Zeit für die Trinquette und das Reff. Die Wettermodelle sind hier derzeit leider nicht besonders verlässlich, meist verspricht das Modell 15 Knoten und wir segeln in 25-30. Teilweise sind dies lokale Effekte wie Squalls, teils scheint die Grundwindgeschwindigkeit einfach höher als prognostiziert zu sein.

Nicht unwesentlich ist dabei ist der Fakt, dass wir uns am Rand des Azorenhochs befinden, dass sich derzeit in rascher Westbewegung mit dem Bermudahoch zu vereinigen versucht. Die alte Regel, dass sich Hochdruckgebiete deutlich schwerer prognostizieren lassen als Tiefs, dürfte bei den Ungenauigkeiten der Modelle mit hineinspielen.

Unterm Strich sind wir aber glücklich, jetzt hier zu sein: Über der Biskaya tobt ein gewaltiges Sturmtief. In der Bretagne fliegen, wie der Franzose sagt, die Möwen rückwärts. Die Ultimes haben ihren Atlantik-Start in Brest auf Dienstag verschoben.

Bits & Bites

Aua schreit der Bauer: Die Äpfel sind zu mehlig. Aber nur die vom Supermarkt, die Äpfel aus Tina und Dirks Garten dagegen sind lecker. Vielen Dank nochmal!

Geißel der Weltmeere: Wir nähern uns Madeira, da darf natürlich der obligatorische Kreuzfahrer nicht fehlen. Aidaschießmichtot kreuzt unser Heckwasser und lässt den Horizont taghell leuchten, morgen werden mehrere tausend Kreuztouristen Funchal verunsichern, zum Essen an Land bleiben sie aber nicht, schließlich haben sie Halbpension.

Batterie voll: Seit heute morgen surrt der Hydrogenerator, der Boatspeed, bzw. Output lässt sich dann an der Tonhöhe des Sirrens hören. Ist die Batterie mal voll, bringen leider auch die höchsten Oktaven nichts mehr, es fließt kein Strom mehr und der kleine Kerl kriegt eine Zwangspause verpasst.

Immer mehr Gegner von “Iskareen” verabschieden sich in der Class40. Fünf von 27 Teams mussten das Handtuch werfen. Zwei weitere haben einen Not-Stopp auf Madeira eingelegt. Die deutschen Amateure segeln auf Rang 18.

Ian Lipinskis Class 40 – fast ein Scow-Bug und immer noch in den Klassenregeln © tjv

An der Spitze hat Top-Favorit Ian Lipinski mit Adrian Hardy und seiner neuen “Crédit Mutuel” den etwas westlicheren Kurs in eine solide Führung ummünzen können. Auch der Schweizer Simon Koster kommt mit dem neuesten Boot der Flotte immer besser in Fahrt und konnte auf Rang vier Jörg Riechers überholen. Der musste bei einem Ost-Schlenker bei Madeira Federn lassen und verlor fast 100 Meilen zur Spitze. Er liegt aber immer noch auf einem guten sechsten Platz.

Tracker Transat Jacques Vabre

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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