Das erste Mal “Die Letzten Helden”. Bericht vom Contender-Sieger

"Jetzt kann der Alltag kommen..."

Fahles Licht über der Elbe. Segelwetter? Na klar! © Kai Kemmling

 

„Die letzten Helden“, was ist das? Was verbirgt sich hinter dem hochtrabenden Namen der Regatta, die im fiesen November immer mehr Segler  nach Hamburg lockt? 160 Schiffe meldeten. Viele Segler scheinen den Wunsch zu hegen, die Saison als Held ausklingen zu lassen.

Ich hörte im September bei einer Regatta am Elfrather See (in Krefeld) davon. Das Event sei ein Muss in der Regattaszene, hieß es. Die Neugier war geweckt. Aber die Recherchen warfen eher immer mehr Fragen auf. Es half nichts, ich musste daran teilnehmen.

Wiki sagt: Das Mühlenberger Loch liegt als Bucht südlich des Hauptstroms der Elbe, die an dieser Stelle 2,8 km breit ist. Das bedeutet, man muss den Elbstrom queren, um zum Regattagebiet zu gelangen. Die großen, mit Überseecontainern bestückten Frachter und Küstenmotorschiffe müssen passieren.

Jollen warten an Land. Allein 40 505er haben gemeldet. © Kai Kemmling

Das Gebiet unterliegt den Gezeiten und fällt trocken. So ergibt sich auch nur ein vier Stunden großes Zeitfenster zum Segeln. Außerdem muss eine Sandbank umfahren werden, die wie ein Abwehrspieß den Zugang markiert. Die in der Ausschreibung ausgewiesenen Tidenzeiten fixieren die Startzeit. So ist am Samstag Hochwasser um 15:12 Uhr und die Startzeit um 12:30Uhr.

Das Clubhaus befindet sich auf einem Boot, was schwimmend über einen Steiger mit dem Ufer verbunden ist. (Beim Pinkeln muss man sich gut festhalten, wenn man bei Wellengang nicht daneben treffen will).

Ich starte das Abenteuer mit gemischten Gefühlen. Ist der Contender ausreichend vorbereitet? Er steht etwas missmutig auf dem Trailer. Wurde in diesem Jahr stark vernachlässigt. Die üblichen Alltagsprobleme mit Familie und Beruf fordern Tribut. Ich komme nicht mehr allzu häufig in den Genuss, mich mit Gleichgesinnten zu messen. Jedes Mal denke ich: nächstes Jahr muss es mehr werden!

14 Footer, Contender, Korsar. Bei den “Letzten Helden” gehören alle zusammen. © Kai Kemmling

Freitags kämpfe ich mich aus dem Ruhrgebiet in sechs Stunden Fahrzeit durch den Wochenendverkehr nach Hamburg. Der Bruder gewährt Asyl. Um zwei Uhr nachts schleiche ich durch die Hintertür in das Hochbett meines Neffen. Im Halbdunkeln früh am Morgen verlasse ich leise das Haus. Weißer Atem, fünf Grad kalte Luft und eine dicke, nebelige Suppe, und ich gehe segeln??? Bescheuert!

Das Navi zeigt auch noch 50 Minuten Weg zur Elbe quer durch das große Hamburg an. Ein wenig verschätzt! Ich passiere die Reeperbahn. Die übriggebliebenen Gäste wandeln mit hochgezogenen Schultern umher. Ich bedaure sie. „Tja Jungs, ich bin jetzt auf dem Weg ein Held zu werden. Ich habe echt was Besseres zu tun als Ihr… oder doch nicht???

Der Nebel wird immer dichter. In Höhe Elbchaussee könnte man wohl die Elbe sehen. Aber der Fluss will sich nicht zeigen. Der alte Gruselschocker „The Fog“ kommt in Erinnerung Dabei werden Die doch wohl nicht starten. Strömung, Flaute und Nebel?

Am Eingang des Clubgeländes wartet ein freundlicher Einweiser heißt mich offiziell willkommen. Die Vorfreude steigt. Das Chaos der ankommenden Segler ist unblaublich gut organisiert.

Kaum steige ich aus, werde ich von einem süßen Mädchen begrüßt. Sie startet auch in meiner Bootsklasse und versorgt mich mit weiteren Insiderinfos. Alles geht ziemlich entspannt zu, was auch damit zusammenhängt, dass die Tide nur eine beschränkte Zeit zum Segeln vorgibt.

Als der Nebel langsam das Röckchen hebt, rauscht eine riesige Container-Wand aus am Ufer vorbei. Mürrisch ertönt ein tief dröhnendes Schiffshorn. Es passt zur gigantischen Kraft und Masse. Respektvoll meldet sich das Kribbeln in meinem Bauch.

Sie lässt erst nach, als die Wettfahrtleitung die Rennen am Samstag absagt. Der Wind will sich nicht durchsetzen. Aber es ist kein verlorener Tag. Die Zeit an Land verbleibt zum Austausch mit Seglern im gemütlichen Clubhaus.

Erst am nächsten Tag weht ein schönes Windchen mit sechs Knoten über den Parcours. Ich ziehe ein geliehenes Testsegel hoch. Das Boot vibriert unruhig. Jetzt geht es los. Der Stau an der Slipbahn hält sich in Grenzen. Gleich drei Helfer sorgten für reibungslosen Verkehr. Sie stehen in Wathosen im eiskalten Wasser und halten das Boot fest. Bequemer geht es nicht

Die Überquerung der Fahrrinne ist unproblematisch. Sicherungsboote schwirren wie die Fliegen herum. Der Wind verfestigt sich zu einem guten Trapezwind. Das neue Segel fühlt sich gut an. Nach den ersten Manövern hat die Kälte keine Chance, mehr in den Anzug zu kriechen. Segeln ist einfach klasse!

Nach dem ersten Rennen geht ein Motorboot gesetzter Flagge längsseits. Das Signal heißt: Achtung, Glühwein. Service pur! Das zweite Rennen startetet schnell im Anschluss. Das verhindert die lange, frierende Wartezeit.

Das neue Segel hat sich bewährt gut. Es befördert mich mit einem 3. und einem 2. Platz zum Gesamtsieger der Contender-Serie. Neben dem Erfolg bleibt eine tiefe Befriedigung. An diesem Wochenende habe ich alles richtig gemacht.

Eine tolle Kult – Regatta! Viele „wenn und abers“ werden durch hervorragende Organisation geklärt. Kleinigkeiten wie die Flasche Rotwein für jeden Teilnehmer sind einfach nett. Ich für meinen Teil werde jedenfalls nächstes Jahr wieder dabei sein und rechtzeitig melden, … (der frühe Vogel fängt den Wurm)…

Der Alltag kann nun wieder kommen! Ich bin bestens gestärkt für die segellose, winterliche Zeit.

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10 Kommentare zu „Das erste Mal “Die Letzten Helden”. Bericht vom Contender-Sieger“

  1. avatar STEFAN sagt:

    …das erinnert mich daran, dass ich noch für die Nikolauseinhand-Regatta am kommenden (ersten Advents-) Wochenende melden muß. Dagegen ist die “letzte Helden” ja richtiggehend jung und müßte aufgrund der früheren Terminierung eigentlich “vorletzte Helden” heißen.

    Die Nikolaus-Einhand ist ja mit der Aufwertung des Lasers auch fast schon ein Pre-Olymp-Event (diverse Laser-Formate, Finn und Europe) und wird kulinarisch wie schon während der letzten 30 Jahre von Altstar Uli Hemink betreut: ich wette, es gibt auch in diesem Jahr Spanferkel.

    Also: setz doch einfach noch einen drauf, lieber Kai, und laß uns den guten, alten Töppersee unsicher machen: mein Laser liegt noch vom letzten Advent im Regal und muß unbedingt noch vor dem Jahreswechsel bewegt werden… Soll ich Fotos machen?

    Lieben Gruß vom
    MAUERSEGLER

    P.S. ok, die Kulisse hält nicht Stand, und die Tanker sitzen höchstens auf den Booten 😉

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  2. avatar Thorsten sagt:

    hehe, dann schnell fürs nächste Jahr melden ->
    http://www.bsc-hamburg.de

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  3. avatar Oliver Brandt sagt:

    Wenn der Vater mit dem Sohne…..
    noch mehr Spaß hätten wir bei 25 Grad im Shortie mit Sonnenbrilllen und 4 Bfd. in einem 505 er gehabt.
    Aber auch im RS Vision ohne Geschwindigkeitsangst genossen wir der Ausblick auf die große 505 Flotte und die übrigen Verdächtigen in Skiffs und anderen Jollen
    Vielleicht klappt´s ja mit dem SAP KV Boot für die kommende Saison. Die Bewerbung ist schon raus.
    Das die LETZTE HELDEN REGATTA sich zu einer Kult Veranstaltung mausert…wer hätte das gedacht.
    Bei der guten Organisation des BSC können es im kommenden Jahr locker 200 Boote werden und SR gibt dann Freibier oder Glühein aus.
    Wir freuen uns schon auf die nächsten letzten Helden mal sehen in welchem Boot wir dann segeln? Vision auf Foils?

    hat Spaß gemacht, war nett mit Euch

    Oliver Brandt + Bo

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  4. avatar Kai sagt:

    ps. Stefan: Nun, manchmal muß ich auch arbeiten. So leider auch am Sonntag:-(
    Vielleicht komme ich am Sa. zum Feiern vorbei!
    …wo warst Du eigentlich bei der Martinsregatta?

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  5. avatar STEFAN sagt:

    p.s. Kai: auch segeln, zumindest versucht: im Rahmen der ebenfalls traditionsreichen Rumtopf-Regatta auf dem Baldeneysee: ausgefallen wg. Hochwasser und zuviel Strömung 😉

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  6. avatar florian sagt:

    Toller Bericht!
    Erinnert mich an fühere Finntage:-)

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  7. avatar Kai sagt:

    Ach ja!
    Was ich noch vergessen hatte: Das Testsegel, was mich letztendlich zum Sieg führte war ein Clown – Segel!
    Das sollte ja dann doch noch einmal erwähnt werden, ne Frank? ;-))))

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  8. avatar Plan B sagt:

    Rumtopf, war doch ne KZV Veranstaltung oder? … ich errinnere mich dumpf an den dicken Schädel nach Gewinn des selbigen….

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  9. Pingback: Rostock Sailing: Sinnfrei aber schön: Absegeln mit der Spitzhacke

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