Jörg Riechers Vendée Globe Prognose: Stamm könnte die Favoriten ärgern

"Kommt Hugo Boss aufs Podium? Nein!"

Kann es bei der Vendée überhaupt Favoriten geben? © Curutchet

Kann es bei der Vendée Globe überhaupt Favoriten geben? © Curutchet

Am 10. November startet die Vendee Globe, die wahrlich härteste Regatta der Welt. Selbst ambitionierten Seglern läuft es heiß und kalt über den Rücken, wenn sie sich die Eckdaten des Vendée Globe bewusst machen:

• Einhand um den Globus. ca. 22.000 sm alleine auf den Ozeanen dieser Welt. Kap der Guten Hoffnung, Kap Leuwin und Kap Hoorn sind backbord zu lassen, 30% der Strecke liegen im Südpolarmeer entlang der Treibeisgrenze.

• Jeder Teilnehmer ist horrenden Stürmen, nervtötenden Flauten und ständigen Risiken wie etwa unsichtbar treibenden Objekten ausgesetzt. Die größten Herausforderungen aller Skipper: Schlafmanagement, Einsamkeit, bei Verletzungen auf sich allein gestellt zu sein.

• Als Reiseuntersatz dienen IMOCA Open 60 – 18,3 m lange Einrumpfer, größtenteils aus Karbon. Sie gelten als die schnellsten aber auch sensibelsten Offshore-Renner überhaupt. Analog zur (heute) teils bis zum Exzess betriebenen Gewichtsersparnis am stehenden und laufenden Gut der Schiffe häufen sich die Havarie-Risiken auf den Hochseeboliden.

Wer wird sich die Krone der Hochseesegler aufsetzen? Riechers hat Antworten © Curutchet

Wer wird sich die Krone der Hochseesegler aufsetzen? Riechers hat Antworten © B.Stichelbaut

• Das Segelverhalten der IMOCA ist „bockig“; jedes Schiff verlangt von seinem Skipper 150% physischen Einsatz. Pro Tag werden ca. 4.000 Kalorien im Seglerkörper verbrannt.

• Bei der letzten Ausgabe der Vendée Globe in 2008/09 gaben von 30 gestarteten Skipper 19 auf! Doch dieses Jahr sind die Schiffe dank Modifizierungen leicht “entschärft”.

• 20 IMOCA-Skipper werden am 10. November vor dem französischen Les Sables d’Olonne starten, darunter als einzige Frau die Britin Samantha Davies.

Vom Spezialisten nicht nur für Spezialisten!

„Der Ausgang einer solchen Regatta ist zu ca. 70% von den Bedingungen auf den Weltmeeren abhängig und nur zu 30% vom Können der Skipper und der Leistungsfähigkeit ihrer Schiffe“ – zumindest behaupten dies die Veranstalter der Regatta. Um bei solchen Rahmenbedingungen überhaupt eine Prognose für Sieg und Niederlage abgeben zu können, sollte man profunder Kenner der Internationalen Offshore-Szene, noch besser: Teil dieser Szene sein.

Jörg Riechers nach 18 Tagen und 22 Stunden ungewaschen und fern der Heimat aber gut gelaunt nach Platz fünf bei der Mini Transat 2011. © – Pierrick Garenne / GPO

Wie Jörg Riechers. Der 44jährige ist auf seiner Mare Class 40 und der Mare Mini derzeit der erfolgreichste deutsche Hochseesegler. Er siegte unter anderem bei der Solidaire du Chocolat und dem Atlantic-Cup und gewann jetzt souverän die Jahreswertung der Class 40 nach dem Bronze-Platz bei der WM in La Rochelle. Sein großes Ziel ist… die Teilnahme bei der nächsten Vendée Globe in vier Jahren! Hier seine Einschätzung über Sieg und Niederlage für die anstehende Ausgabe:

Schiffe und Skipper mit Charakter

Mit der Modifikation der IMOCA Vermessungsregeln nach der VG-Ausgabe 2008 hat sich auch der Charakter der Boote geändert! Vorbei sind die Zeiten der super breiten Power-Maschinen wie Artemis (Rogers) oder Pindar (Juan K) – diese Boote waren auf dem Papier unschlagbar, erwiesen sich auf dem Wasser jedoch als unbeherrschbar. Zudem wirkten sie bei leichten Winden wie festgenagelt auf dem Wasser.

Durch die neuen Regeln, die nur noch eine maximale Masthöhe von 29m und ein reduziertes, maximales aufrichtendes Moment erlauben, geht der Trend nun in eine andere Richtung: Je leichter desto besser!

Safran – Pionier des "neuen" IMOCA-Designs © van Malleghem

Safran – Pionier des  aktuellen IMOCA-Erfolgsdesigns © van Malleghem

Erstes Boot dieser „Schule“ war in 2008 die Safran.

Diese „neuen“ Boote sind viel leichter zu segeln; die Segel sind kleiner und leichter, ebenso die Lasten, die auf Boot und Skipper einwirken.

So ist es keine Überraschung, dass meine Favoriten für das Vendée Globe 2012 aus der Feder der Safran Designer VPLP/Verdier stammen.

Die Favoriten

Nach meiner Einschätzung wird eine Gruppe von fünf Skippern um das Podium kämpfen:

Marc Guillemot (Safran), Francis Gabart (Macif), Jean Pierre Dick (Virbac), Armel Le Cléac’h (Banque Populaire) und Vincent Riou (PRB).

Alle Boote sind VPLP/Verdier Designs, wobei Safran und PRB aus der gleichen Form kommen und die G1 der VPLP/Verdier Design sind.

Safran wurde allerdings stark weiterentwickelt:  Neuer Kiel aus massiven Titan und viele andere Innovationen.

Virbac ist eine Weiterentwicklung von Safran mit mehr Volumen im Vorschiff,  somit mehr Power…  aber etwas brutaler für den Skipper!

Macif und Banque Pop sind die letzte Entwicklungsstufen dieses Designs und etwas breiter als die vorherigen Boote.

Was die Performance betrifft sind lt. Team Safran „alle fünf Boote sehr nah beieinander“ –  klare Erkenntnis vieler gemeinsamer Trainingsstunden!

Der Top-Favorit: kann hart segeln, ohne zu zerstören!

Armel ist nicht nur Jörg Riechers Top-Favorit © Curutchet

Armel ist nicht nur Jörg Riechers Top-Favorit © Curutchet

Für mich ganz klar.  Armel Le Cléac’h! Er hat einen sehr guten Background aus der Classe Figaro und mit Brit Air 2008 ein super Vendée Globe-Debut abgeliefert! Er versteht es, ein Boot hart zu segeln, ohne es zu zerstören.

Auf die häufig gestellte Frage „Wird Alex Thompson mit der Hugo Boss auf dem Podium landen?“ habe ich eine klare Antwort: Nein!

Die 2008-Farr Design sind keine sehr guten Boote und hatten seit ihrer Fertigstellung immer wieder strukturelle Probleme. Hinzu kommt die Wahl des Segelmachers, die sich zumindest mir nicht logisch erschließt: Warum wählt er mit Doyle einen Segelmacher, der keinerlei Erfahrung in dieser Art des Segelns hat? Und Segel sind neben dem Bootsdesign ein weiterer essentieller Faktor, der über die Performance des Bootes entscheidet.

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2 Kommentare zu „Jörg Riechers Vendée Globe Prognose: Stamm könnte die Favoriten ärgern“

  1. avatar Manfred sagt:

    Danke SR, danke Jörg für den hervorragenden Bericht und die realistische (wie immer, aber Realisten sind nicht wirklich beliebt) Einschätzung der aktuellen Situation um das Vendee Globe 2012/13. Ich werde es wieder mit Begeisterung verfolgen und habe auch meine Segelfreunde, mit denen es richtig Spass macht sich darüber auszutauschen.
    Smooth sailing!

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  2. avatar Christian sagt:

    bei der Vendée Globe gilt wohl mehr als bei anderen Regatten: To finish first you first have to finish. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist Bruch nicht immer auszuschließen, ein gewisser Glücks- und Pechfaktor ist kaum auszuschalten, nur minimierbar.

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