Jugendsegeln: Russell Coutts erklärt hohe Segel-Abbrecher-Quoten – Optis in der Kritik

"Wir lassen den Sport sterben"

Russel Coutts ist einer der größten Kritiker der aktuellen Entwicklung besonders in der Optimisten-Szene. Er propagiert Vorbild-Veranstaltungen und prangert eine zu frühe Fokussierung auf maximale Leistung an.

Niemand hat als Segler so viel Geld verdient, wie Russell Coutts. Noch vor drei Jahren wurde er mit einem jährlichen Einkommen von rund 7,5 Millionen Euro als bestverdienender neuseeländischer Sportler geführt. Damals leitete er noch das America’s Cup Projekt von Larry Ellison und steht nun ohne das Oracle Team nicht mehr auf der ganz großen Bühne.

Russell Coutts

Wie der Vater, so der Sohn. Mathias Coutts wird U13 O’pen BIC Weltmeister. © Jacopo Salvi

Aber man muss sich um ihn wohl keine Sorgen machen. Er wird immer noch fürstlich entlohnt, um den SailGP auf die Beine zu stellen, die Konkurrenz-Veranstaltung zum America’s Cup. Und mit diesem Projekt ist er nahe dran, seine Vision von einem stabilen internationalen Profi-Rennzirkus zu etablieren.

Da scheint es nicht so ganz zu passen, dass sich der Neuseeländer für das Jugendsegeln engagiert. Er hat sich zu einem der größten Kritiker der aktuellen Entwicklung aufgeschwungen und sucht nach Gründen, warum der Segelsport bei der Jugend nicht so hoch im Kurs steht, wie er es könnte.

Identifikationsfiguren sind gesucht

Bei einem Interview mit dem US-Magazin Sailing World weist er darauf hin, dass es für junge Segler wichtig ist, dauerhafte Vorbilder zu haben. Die fehlen, da es kaum Identifikationsfiguren und -marken gibt.

“Volvo-Teams kommen und gehen. ‘Australia II’ war eine legendäre Marke, die das wichtigste Sportereignis Australiens seit hundert Jahren hervorbrachte. Stars and Stripes war eine weitere legendäre Marke. Keine von beiden existiert heute noch, und das ist verrückt. Segeln hat noch nie eine Profi-Serie wie andere Sportarten gehabt, die sich Jahr für Jahr wiederholt. Es gibt keine Teams, Sportler oder Vereine, mit denen sich Kinder als Fans verbinden und mit denen sie wachsen.”

Russell Coutts als O’pen BIC Coach in Neuseeland.

Mit dieser Sichtweise gibt er sich selbst eine Steilvorlage für den Sail GP, den er für Larry Ellison mit den ehemaligen AC50 Foil-Katamaranen entwickeln soll. Er ist aber auch geprägt von den Einblicken, die er über seine Kinder in die Segelszene bekommen hat. So gründete er eine Stiftung die Jugendlichen beim Einstieg in den Segelsport helfen soll. Sie operiert in Neuseeland beim Manly Sailing Club und stützt sich auf O’pen Skiff Jollen.

Schmerzhafte Abbrecherquote

In diesem Zusammenhang habe er sich intensiv mit der Jugendausbildung beschäftigt. Dabei habe er eine zu starke “Fußballisierung” festgestellt. “Kinder werden viel zu früh in strukturierte Programme mit permanentem Coaching getrieben. Deshalb ist die Abbrecherquote so schmerzhaft hoch.”

Er habe die O’pen-Skiff-Klasse in Neuseeland etwas begleitet. Dabei gehe es um Einfachheit und Spaß. “Früher kamen wir an einem Ort an, und der Wettfahrtleiter sagte: ‘Es ist ein toller Tag. Wir können fünf Rennen fahren. Ich würde nun sagen: ‘Das könnten wir tun, aber wir würden lieber zwei kurze Rennen ansetzen und danach eine Pause machen. Die Kinder können dann beim Mittagessen miteinander interagieren.”

O'pen BIC, Russell Coutts

Russell Coutts auf dem Motorboot

Coutts glaubt: “Wir haben uns in diese Up-and-Down-Kurs-Mentalität angeeignet. Wir lassen den Sport sterben, wenn immer die gleichen Kinder vorne segeln, und die anderen  desillusioniert vom Wasser kommen. Warum Kinder auf eine 20-minütige Kreuz schicken, wenn eigentlich zwei Drittel von ihnen die falschen Körpermaße für das Boot haben? Ein paar Kinder werden in diesem System ihren Spaß haben, aber wir sollten nicht alles um diese Kinder herum strukturieren.

Leidenschaft entwickeln

In unserem Programm nehmen wir junge Segler bei starkem Wind mit, damit sie das schnelle Segeln als Nervenkitzel erleben. Wir starten raumschots. Wir mischen verschiedene Formate wie z.B. Distanzrennen, die meist mit Wind von hinten stattfinden. Wir haben auch Zweihandboote zur Verfügung, und die Kinder lieben diese Vielfalt.”

Es habe Eltern gegeben, die lieber einen traditionelleren Weg eingeschlagen hätten. Sie wollten vielleicht eine Juniorenmeisterschaft gewinnen. “Aber nach ein paar Jahren waren unsere besten Segler besser als Kinder, die drei oder vier Tage pro Woche trainiert wurden. Wenn man von 11- oder 12-Jährigen spricht, spielt es keine Rolle, wie das Kind bei einer Weltmeisterschaft abschneidet. Wichtig ist es, eine Leidenschaft für den Sport zu entwickeln.”

Coutts Sohn Mathias scheint ein gutes Beispiel zu sein, dass früher Spaß der Leistung nicht abträglich sein muss. Vor zwei Jahren gewann der am Gardasee als Elfjähriger den U13 WM-Titel im O’pen Bic.

Die Kinder sollen sich einfach gut fühlen

Insbesondere die Optimisten-Szene ist dem Meister ein Dorn im Auge. Er weist darauf hin, dass Ben Ainslies beste Platzierung bei einer Optimist-WM Rang 32. war. “Nichts habe darauf hingedeutet, dass er zum größten Segel-Olympioniken aller Zeiten heranwachsen würde.

“Wir sollten aufhören, beim Segeln die Leistung von Kindern in jungen Jahren zu beurteilen und lieber daran arbeiten, die Zahlen derer zu erhöhen, die dabei bleiben. Die Kinder sollten sich einfach gut fühlen, wenn sie vom Wasser kommen. Diejenigen, die ein Auge auf die Olympischen Spiele werfen, werden es ohnehin schaffen. Ich hatte das Glück, nahe am Wasser aufzuwachsen. Ich ging mit meinen Freunden einfach raus und segelte. Diese natürliche Frische ist immer noch da draußen vorhanden und wartet.”

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

5 Kommentare zu „Jugendsegeln: Russell Coutts erklärt hohe Segel-Abbrecher-Quoten – Optis in der Kritik“

  1. avatar Waterman sagt:

    Kluger Mann !!

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  2. Segeln ist für viele ein teurer Sport. Boote sind auch einfach zu unhandlich. Ich habe mir ein 11′ Boot in 4 Teilen gebaut. Kostet auch nicht mehr als 500€. Mein nächstes Boot soll auch aus 4 Teilen sein aber nicht Sperrholz/Epoxy sondern HDPE wie die O’Pen BIC.

    Wer wirklich etwas für das Segeln macht sind Leute wie Michael Storer. Die bauen in der Woche mit den Leuten 20 OzGoose und das Ding macht einfach auch Spaß.

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  3. avatar Fastnetwinner sagt:

    Das geht sicherlich an den Realitäten zumindest in HH gänzlich vorbei. Von 66 Clubs in HH sind nur 2 fokussiert auf Leistung, 4 Clubs machen beides (County und Western) und der Rest sind in ihrer Jugendarbeit Fahrten- und Daddel-Clubs (nennen wir es mal FDCs). Es gibt überhaupt keine Korrelation in der Absprungphase zwischen dem einen und dem anderen. Vielmehr gibt es drei Gründe, die relevant sind, und dass ist laut Umfragen unter der abgesprungenen Ex-Segel-Kindern:

    1) Habe ich einen guten Freund, mit dem ich das zusammen mache
    2) Finde ich Struktur vor, egal was die inhaltliche Ausrichtung ist
    3) Habe ich Trainer oder Betreuer, die die Sprache der Kinder sprechen und trotzdem Zug in die Bude bringen und mir so Spaß und Orientierung geben.

    Dann kommt der Rest von selbst, egal ob Racings-Club, Country & Western oder FDC. Das gilt übrigens für alle Sportarten.

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  4. avatar Claass Barth sagt:

    Ich habe Kinder, die sehr ambitioniert Opti gesegelt sind und habe Glück mit denen: Sie sind noch dabei. Und ich bestätige: Der Leistungsdruck ist sehr hoch, die Trainingsintensität ist sehr hoch und “kindgerecht” ist das alles sicher nicht. Und um meine beiden herum habe ich viele abbrechen sehen, die sich ursprünglich wohl gefühlt haben auf dem Wasser. Das Ziel “Leidenschaft entwickeln” finde ich richtiger als “Bestplatzierung”. Nicht bei allen mit Top-Ergebnissen im Opti bleibt die Leidenschaft, wenn die Pubertät einsetzt.

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  5. avatar gosailing sagt:

    Völlig übersehen wird der Faktor “Eltern”. In D beenden oder fördern die Eltern die Segelkarrieren der Kinder. Da haben weder die Segler noch die Clubs entscheidenden Einfluss darauf.

    Wo findet man das Original-Interview zu dem Text oben? Liest sich vermutlich noch spannender.

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