Kieler Woche: 1000 Boote gemeldet – Große Verantwortung, internationale Vorbild-Funktion

Chance in der Krise

Die Kieler Woche könnte zu einem Gewinner der Corona-Krise werden. Seit vielen Jahren steht sie wieder im Mittelpunkt des internationalen Regatta-Kalenders. Die besten Segler der Welt sind am Start.

Vor acht Jahren hat der Weltseglerverband der Kieler Woche den Worldcup-Status entzogen. Die internationale Rennserie sollte neu strukturiert und attraktiver werden. Wettbewerbe wurden nach Übersee verlegt, Preisgelder verteilt und Live-Übertragungen gesendet. Kiel passte nicht ins Konzept. Finanziell konnten und wollten die Organisatoren nicht mithalten. Events wurden nach China oder Abu Dhabi vergeben. Nie hat es funktioniert. Zuletzt scheiterte das System auch 2019. Den Spitzenseglern ist der Weltcup egal.

Die Kieler Woche wurde dennoch von der Entscheidung der Weltverband-Funktionäre  schwer getroffen. Der Anteil der Spitzensegler verringerte sich. Nur wenn die Regatta einigermaßen in den Zeitplan für die spezifischen Klassen-Weltmeisterschaften passte, kamen auch die großen Namen wieder.

Das ändert sich in diesem Jahr. Der Grund ist die Corona-Krise. Deutschland hat sich internationalen Respekt beim Umgang mit der Pandemie erworben. Und die verantwortlichen Politiker im Norden bewiesen Sachverstand gespeist durch die Erkenntnis, dass Segeln im Hinblick auf die Virus-Übertragungsgefahr wohl die sicherste Sportart überhaupt ist.

Die Organisatoren tragen eine große Verantwortung, aber die Krise birgt auch eine Chance. Die Kieler Woche kein ein Großteil ihrer Reputation aus vergangenen Jahrzehnten zurückbekommen und ihre internationale Vorbild-Funktion wieder stärken. Dabei wird sich besonders an Land entscheiden, ob das Hygiene-Konzept, das von der Politik abgesegnet wurde, auch in der Realität funktioniert.

Große internationale Qualität

Denn die Sportler strömen nun in Scharen nach Kiel. Insgesamt 1000 Boote und Yachten sind für die Regattawoche im September gemeldet und insbesondere die Qualität in den olympischen Klassen war wohl seit dem Verlust des World-Cup-Status nicht mehr so hoch.

Zwar fehlen die 470er wegen der gleichzeitig stattfindenden Europameisterschaft in Hyères und der im Oktober folgenden WM auf Mallorca, und die Surfer machen schon seit vielen Jahren einen Bogen um Kiel, aber besonders Laser, 49er Nacra und Finn Dinghy schicken ihre Besten.

Dabei hätte Laser Weltmeister Philipp Buhl und Tina Lutz / Susann Beucke  im 49er fast nicht starten können, weil ihre Meldungen erst eintrafen als das erlaubte jeweilige Koningent ihrer Klassen schon überschritten war. Aber die Veranstalter lösten das Problem mit einem geschickten Kniff. Die Top-Ten der vergangenen WM und Olympischen Spiele erhalten eine Wildcard.

Die Pressemitteilung:

Die Kieler-Woche-Titelverteidiger und Olympia-Dritten in der Klasse Nacra 17, Thomas Zach/Barbara Mats (Österreich) haben gemeldet. © S. Klahn/Kieler Woche

Innerhalb von neun Tagen waren die Teilnehmerlisten in acht Klassen geschlossen und die Veranstalter mussten bei der Vergabe der maximalen Starterplätze in den Klassen nachjustieren. Die internationale Segelwelt setzt auf die verschobene Kieler Woche (5. bis 13. September).

Neben den Nachwuchsklassen 29er (Eurocup) und Laser 4.7 ist vor allem in den olympischen Klassen der Andrang groß. „Mit diesem Tempo haben wir nicht unbedingt gerechnet, aber darauf gehofft. Es unterstreicht, dass die Aktiven sich auf die Regatta in Kiel freuen und unbedingt bei der Kieler Woche dabei sein wollen. Es ist eine große Anerkennung für die Kieler Woche“, so Organisationsleiter Dirk Ramhorst. Doch genauso groß wie die Freude ist in Zeiten der Corona-Pandemie das Bewusstsein für die Verantwortung für die Aktiven und Veranstalter.

„Bei der Planung der Segelwettbewerbe werden wir keine Kompromisse machen. So werden wir bestehende Obergrenzen bei der Teilnehmerzahl einhalten und zusätzlich die Verordnungen wie Hygienevorschriften und Abstandsregeln erfüllen. Und natürlich schauen wir bei den internationalen Teilnehmern sehr kritisch auf den Status in Ihren Herkunftsländern“, so Ramhorst.

Nicht nur die Quantität spricht für die Kieler Woche 2020, auch die Qualität. Olympiamedaillengewinner, Weltmeister und Kieler-Woche-Sieger von 2019 haben gemeldet. Dabei erhalten die Topten der Olympischen Spiele 2016 vor Rio de Janeiro (Brasilien) und den jüngsten Weltmeisterschaften in den olympischen Klassen Melde-wildcards.

Das stärkste Feld weisen die Laser Radial Frauen auf. Die kompletten Topten der Weltmeisterschaft 2020 in der olympischen Einhandklasse für Frauen am Start. Ebenso die drei Medaillengewinnerinnen aus Rio.

Allen voran die Olympiasiegerin von 2016 und amtierende Weltmeisterin Marit Bouwmeester aus den Niederlanden. Wie bereits bei der WM Anfang des Jahres in Australien trifft Bouwmeester auf ihre Landsfrau und WM-2. Maxime Jonker, die Norwegerin Line Flem Höst (WM-3.), die WM-4. Anne-Marie Rindom. Die Dänin gewann 2018 die Kieler Woche und holte vor Brasilien bei den Olympischen Spielen die Bronzemedaille.

Auch die Vorjahressiegerin der Kieler Woche und Olympia- sowie WM-6., Josefin Olsson aus Schweden, zählt sicherlich zu den Kandidaten auf den Kieler Woche-Sieg. Die Silbermedaillengewinnerin von 2016 Annalise Murphy (Irland) und die Olympia-Fünfte aus Finnland Tuula Tenkanen komplettieren das Favoritenfeld.

Mehr hochkarätige Konkurrenz geht nicht für die deutsche Hoffnung Svenja Weger. Die Berlinerin hat für Deutschland das Nationenticket für die Spiele in Japan gesichert und mit Rang 13 bei der WM unterstrichen, dass sie durchaus Topten-Chancen hat. Die Europameisterin von 2014 feiert einen Tag vor der Kieler Woche ihren 27. Geburtstag und kann sich das schönste Geburtstaggeschenk selbst bescheren.

Auch die Vorjahressiegerin der Kieler Woche und Olympia- sowie WM-6., Josefin Olsson aus Schweden, in der Klasse Laser Radial, zählt sicherlich zu den Kandidaten auf den Kieler Woche-Sieg. © S. Klahn/Kieler Woche

Im Laser bekommt es der amtierende Weltmeister Philipp Buhl (Kiel, NRV) mit dem Olympiazweiten und WM-3., Tonic Stipanovic (Kroatien), dem Olympia-Siebenten Pavlos Kontides aus Zypern, dem Olympia-Achten Juan Ignacio Maegli aus Guatemala und Segellegende Robert Scheidt zu tun.

Der in Italien lebende Brasilianer trug sich bereits dreimal in die Kieler-Woche-Siegerliste der Lasersegler ein und zählt zu den Stammgästen in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt.  Zweimal olympisches Gold (1996 und 2004), zweimal Silber (2000 und 2008) und einmal Bronze (2012) sowie neun WM-Titel im Laser und zwei im Star sind Bestandteil der Trophäen-Sammlung des zweimaligen Weltsegler des Jahres. Dass der heute 47-Jährige längst nicht zum alten Eisen zählt, bewies Scheidt bei den Spielen 2016 mit Rang Vier. Um ganze vier Punkte verpasste der Brasilianer den Sprung aufs Podium.

Auf der anderen Seite der Alterspyramide der Lasersegler vor Kiel steht Julian Hoffmann. Der 18-jährige Nachwuchssegler des Jahres von 2018 kommt aus dem Philipp Buhl-Club SC Alpsee Immenstadt und wandelt auf den Spuren seines Vorbildes. Noch im Vorjahr segelte Hoffmann bei der Kieler Woche des Nachwuchses, den Young Europaens Sailing, im Radial auf Rang eins und belegte bei den Youth Worlds für Deutschland Platz elf. Nun tritt der Bayer erstmals im Laser Standard vor Kiel an und misst sich in der olympischen Klasse mit den ganz Großen und insgesamt 119 Konkurrenten. 141 stehen auf der Meldeliste.

Im Nacra 17 sind die amtierenden Weltmeister aus Großbritannien John Gimson/Anna Burnet und die Goldmedaillengewinner aus Brasilien Santiago Lange/Cecilia Carranza Saroli (wildcard) gemeldet. Diese beiden Topcrews, die Franzosen Quentin Delapierre/Manon Audinet (WM-4.), das italienische Duo Vittorio Bissaro/Maelle Frascari (Olympia- und WM-5.), die WM-Achten Lin Cenholt/Christian Peter Lübeck aus Dänemark, die WM-Neunten Sinem Kurtbay/Akseli Keskinen aus Finnland sowie die Kieler-Woche-Titelverteidiger und Olympia-Dritten Thomas Zach/Barbara Mats (Österreich) dürften alles daran setzen, der deutschen Nachwuchscrew Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kiel) das Leben schwer zu machen.

Kohlhoff, der 2015 und 2016 mit Caro Werner Kieler-Woche hamstern konnte, möchte im „vorolympischen“ Jahr seins draufsetzen. Der 26-jährige Sportsoldat war 2016 der Jüngste im deutschen Olympiateam. Mit seiner neuen Vorschoterin Alica Stuhlemmer sicherte er zu Jahresbeginn mit Rang elf den deutschen Nationenplatz für die Spiele und nimmt nun seinen zweiten olympischen Anlauf.

Im 49er ruhen die deutschen Hoffnungen auf den WM-Dritten Erik Heil/Thomas Plößel. Die Bronzemedaillengewinner von Rio haben nach einem Jahr Pause ihre Ambitionen auf Titel vor Australien unterstrichen. Vor Kiel messen sich die Vorzeigesegler des NRV mit den amtierenden Vizeweltmeistern Diego Botin/Iago Lopez Marra (Spanien/Olympia-Neunte) den Olympia-Vierten und WM-7., Jonas Warrer/Jacob Precht Jensen aus Dänemark, den WM-Vierten aus Österreich, Benjamin Bildstein/David Hussl, den WM-10. Sime und Mihovil Fantela (Kroatien) und die deutsche Nachwuchshoffnung Tim Fischer, der zusammen mit seinem ehemaligen Vorschoter Fabian Graf (beide Kiel), 2018 bei der WM vor Aarhus (Dänemark) mit Rang drei das deutsche Nationentickets für Japan sicherte.

49er FX treffen die Kieler-Woche-Titelverteidigerinnen Victoria Jurczok/Anika Lorenz aus Berlin (WM-5.) auf die Weltmeisterinnen des Vorjahres, Annemieke Bekkering/Annette Duetz. Die Olympia-7. aus den Niederlanden mussten sich in diesem Jahr bei der WM mit Rang acht zufriedengeben. Zu den weiteren Favoritinnen vor Kiel zählen die Französinnen Lili Sebesi/Albane Dubois, die bei der WM im Frühjahr Rang vier belegten.

Auf dem heimischen Revier immer für Titel gut, sind Tina Lutz/Susann Beucke. Sie konnten 2013 und 2016 die Kieler Woche gewinnen. Gemeinsam mit Jurczok/Lorenz, die 2016 bei den Spielen Rang neun belegten und mit dem dritten Rang bei der WM 2016 und der EM 2017 Podiumsplätze ersegelten, kämpft die bayerisch-norddeutsche Crew noch um das eine Ticket für die Olympischen Spiel 2021, ihr dritter Anlauf.

Die amtierenden Weltmeisterinnen Tamara Echegoyen/Paula Barcelo aus Spanien meldeten als 61. und wäre Nummer 1 in der Warteliste. Tamara Echegoyen hatte mit ihrer damaligen Vorschoterin Berta Betanzos vor Rio um zwei Punkte Bronze verpasst. Wie die Goldmedaillengewinnerinnen Martine Grael/Kahena Kunze aus Brasilien und die WM-Dritten Stephanie Roble/Maggie Shea (USA) profitieren sie von der wildcard.

Im 49er FX wollen Victoria Jurczok/Anika Lorenz aus Berlin (WM-5.) ihren Kieler-Woche-Titel verteidigen. © www.segel-bilder.de

Finn: Im olympischen Finn trifft Max Kohlhoff (KYC) auf Jorge Zarif (Brasilien/Olympia-4.), Max Salminen (Schweden/Olympia-6.) und Jake Lilley (Australien/WM-8.).

Die neue Ausschreibung/Notice of race steht ab sofort im Netz unter: www.manage2sail.de und www.kieler-woche.de

Kieler Woche Zeitplan

Teil I: (5. bis 8. September): Klasse (Maximale Anzahl der Boote/bereits bestehende Wartelisten):
420er (100), 505er (50), Europe (50), J/80 (10), J/70 (30), J/24 (20), Laser 4.7 (60/Warteliste)), Laser Radial open (100), Contender (50), Musto Skiff (20).

Teil II: (10. bis 13. September):49er (60/Warteliste), 49erFX (60/Warteliste), Laser Radial W (60/Warteliste), Laser Std M (120/Warteliste), OK-Jolle (60), Finn (40), Nacra 17 (30/Warteliste), Formula 18 (25), 29er (110/Warteliste).

Teil III: (5.-13. September):IDM: ORC I bis IV (35), Double Hand (30), Welcome Race (131), Senatspreis (35), Silbernes Band (35).

Quelle: Kieler Woche

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Kieler Woche: 1000 Boote gemeldet – Große Verantwortung, internationale Vorbild-Funktion“

  1. avatar Alf sagt:

    Zu “Die Kieler Woche könnte zu einem Gewinner der Corona-Krise werden”. Das ist ihr zu wünschen. Nur könnte die Woche stattdessen zu einem Schuss nach hinten werden – wenn das Coronavirus hier in irgendeiner Form zuschlagen sollte. Dann wäre wohl analog zum aktuellen „Tennis-Desaster“ (made by Novak Djokovic) vom „Segel-Desaster“ die Rede. Insofern viel Glück den Organisatoren und Aktiven!

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