Kieler Woche: Packendes J/70 Finale auf der TV-Bahn – Mit taktischer Profi-Finesse zum Sieg

Das Duell um den Sieg

Die Kieler Woche muss ohne Zuschauer vor Ort auskommen. Umso wichtiger sind die täglichen live-Übertragungen von der TV-Bahn. Schön wenn es dann zu einem so spannenden Finish wie bei den J/70 kommt.

Eigentlich ist Claas Lehmann der erste J/70-Kieler-Woche-Sieg im finalen Rennen nicht mehr zu nehmen. Der Start verläuft zwar mühsam für den 505er-Weltmeister von 2013 – mit 470er-Spitzenseglerin Fabienne Oster und drei Liga-Seglern vom Flensburger Segel-Club – aber nach einem sensationellen ersten Vorwindkurs rast er bis zu 16 Knoten schnell von Rang elf auf vier vor und hängt plötzlich direkt am Heck des Gegners, den er kontrollieren muss: Michael Grau.

Zweikampf um den Kieler-Woche-Sieg in der J/70 zwischen dem Team Lehmman (l.) und Grau (r.). © Sven Jürgensen

Der Hamburger Steuermann segelt mit dem australischen Profi David Chapman (31), der 2019 für die Royal Sydney Yacht Squadron Champions League gewonnen hat und in dieser Saison für den NRV bei der Liga antritt. Bei die Kieler Woche hat er die britische Segel-Legende Gerry Mitchell an Bord geholt, dreifacher Volvo-Ocean-Race-Teilnehmer, dreifacher Farr40-Weltmeister und zweifacher Match-Race-Weltmeister mit Ian Williams. Zusammen mit Florian Thoelen muss das Team zwei Punkte auf Lehmann aufholen, wenn es die diesjährige Kieler Woche gewinnen will.

Die Kieler Woche Sieger 2020 in der J/70: v.l. Chapman, Grau, Thoelen, Mitchell. © Sven Jürgensen

Aber der Herzchirurg Lehmann, der im Unterschied zur direkten Konkurrenz für diese Regatta auf eine schwerer Fünfer-Crew gesetzt hat, scheint bei dem Starkwind nicht zu schlagen. Geduldig bleibt auf Rang vier direkt hinter den Profis. Sie müssen es schließlich schaffen, ein Boot zwischen sich und Lehmann zu bekommen. Die Zeit läuft davon.

Das Team um Claas Lehmann (r.) © Sven Jürgensen

Auf der letzten Kreuz versucht Taktiker Chapman noch einmal den Angriff über links, um vielleicht den zweiten Platz anzugreifen. Aber dabei rutscht ihm Lehmann durch. Die Regatta ist gelaufen. Eigentlich…

Plötzlich ergibt sich für den Australier noch eine Chance. Nachdem der Liga-erfahrene Vorschiffsmann Florian Thoelen den Gennaker im Höllentempo in den Masttopp gerissen hat, rutscht GER 1250 wieder an Lehmann heran.  Steuermann Michael Grau kann das Schiff auf der Heckwelle des Gegners in Lee halten. Er verhindert damit die Halse von Lehmann. Der würde sonst mit Wind von Backbord ohne Vorfahrt vor den schäumenden Bug gespült werden.

Ergebnisse Top Ten J/70 Kieler Woche

So rast das Duo im Überlebensmodus bis über die Anliegelinie zum Leetor hinaus. Chapman muss aufpassen, dass er nicht zu schnell wird. Im Falle einer Überlappung könnte Lehmann nach Regel 17 den “Proper Course” verlangen. Aber das passiert nicht. Der Australier muss nun seine Halse Richtung Ziel so genau timen, dass nur der Gegner, er selber aber nicht von der Konkurrenz überlaufen wird.

Das J/70 Siegerteam an der Kreuz. © Sven Jürgensen

Kurs O3 führt nur 3p als letzte zu rundende Marke auf nicht 3s/3p. Die Passage des Tores ist also nicht nötig.

Das klappt im Falle der Beilken Brüder nicht. Die rasen von Rang sechs auf drei nach vorne und überlaufen dabei auch Herrmann Mackenbrock dessen Nacra17-erfahrene Tochter Romy Spi- und Großschot trimmt. Eine harte Böe macht es aber unmöglich, das Ziel unter Gennaker zu erreichen. Alle Teams müssen frühzeitig das große Vorsegel bergen. Kein einfaches Manöver. Und Grau schiebt sich wieder vorbei.

Auch weil seine Jungs offenbar anders als die Konkurrenz genauer die Segelanweisung gelesen haben. GER 1250 segelt als einziges Boot des gesamten Feldes nicht durch das Leetor. Es lässt auf dem Weg zur Ziellinie beide Marken an Backbord und vermeidet dadurch länger den spitzen, langsamen Kurs höher am Wind ohne Gennaker.

Aber ist das erlaubt? Die Onboard-Kamera von Claas Lehmann zeigt, wie die Crew nach dem Zieldurchgang die zerfledderte Segelanweisung hervorkramt. Das Kurs-Diagramm wird gecheckt. Und das ergibt: Die Profis haben Recht. Anders als bei einigen anderen Regatten spielt bei dem Kieler Woche Outer Loop Kurs die Tonne 3s keine Rolle mehr.
So passt es am Ende für Michael Grau und seine Crew genau. Ein Schiff schiebt sich noch zwischen sie und Lehmann. Punktgleich holen sie den Kieler Woche Sieg, weil sie in der Serie dreimal gewonnen haben und der Gegner nur einmal. So bleibt die Frage, welchen Anteil Glück und Berechnung an diesem spannenden Finish hatten. Vermutlich ist es wie immer: Das Glück gehört dem Tüchtigen.

Die Schlüsselmomente des letzten Rennens per Tracker-Analyse:

Lehmann (hellblau) geht knapp vor Grau (grün) um die letzte Luvtonne…

…wird aber durch den tieferen Kurs des Gegners an der Halse gehindert und an der Anliegelinie vorbei gesegelt…

…Er muss warten bis der Gegner den Weg mit der Halse frei macht und verpatzt dann das Manöver…

…Das ist aber nicht entscheidend. Denn auch Chapman segelt zu weit und wird von GER 929 (Beilken) passiert, der auch GER 1414 (Mackenbrock) überläuft. Dessen Probleme beim Spi-Drop machen schließlich Grau zum Sieger…

…auch wenn der am Leetor vorbei segelt. Gehört die Passage zum Kurs?

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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