Selbstversuch beim Europe-Allianz-Cup am Bodensee. WM-Ausscheidung trotz DSDS-Finale

Master gegen Mädchen

Das Europe Feld an der Startlinie. © YC Immenstaad

11 Uhr, Steuerleutebesprechung: Auf dem Gesicht der etwa 17-jährigen Seglerin neben mir breitet sich blankes Entsetzen aus. Soeben hat der Wettfahrtleiter angekündigt, dass aufgrund der Windprognose erst abends gesegelt wird, und zwar bis mindestens 20.30 Uhr.

„Da ist doch DSDS-Finale! Das geht gar nicht!!“, entfährt es der fassungslosen Seglerin. Ihre Freundinnen stimmen ihr zu, andere Segler lassen leise abfällige Bemerkungen fallen über Dieter Bohlens Sendung.

Es sind eigene Gesetze, die ein Wettfahrtleiter bei Jugendregatten zu beachten hat. Beim esaAllianz-Cup der Europe in Immenstadt am Bodensee sind die Aktiven mehrheitlich im Teeny-Alter. Sie könnten allesamt meine Kinder sein.

Die Geschichte als Frauen-Olympiaklasse hat Spuren hinterlassen. © C. Stock

Was um Himmels Willen treibt mich alten Knochen an, mich mit ihnen auf der Regattabahn zu messen? Midlifecrisis? Die habe ich längst hinter mir. Ist es der billige Triumph, als alter Regattahase den Kiddies mal zu zeigen, wo der schnellste Weg zum Ziel ist?

Das wird nicht klappen. Denn bei dieser Regatta ist die gesamte deutsche Europe-Elite am Start, 78 Seglerinnen und Segler haben gemeldet. Hier geht es um die Qualifikation zur WM und zur Jugendeuropameisterschaft. Sich in einem solchen Feld mit den Besten der Guten zu messen, ist sicherlich ein lehrreicher Selbstversuch. Zumal nicht in Gruppen gesegelt wird. Allein der Start wird bei dieser Zahl von Booten aufregend werden.

Rosa Schleifchen, rosa Streifchen. Hier dürfte weiblicher Geschmack im Spiel sein. © C. Stock

Bis 2004 war die Europe-Jolle olympische Klasse für Frauen. Seither genießt sie einen Ruf als Mädchenboot. In der Tat, der Anteil der Mädchen und jungen Frauen ist hoch, doch es gibt auch viele begeisterte Jungs in der Klasse.

Die Boote der Mädchen lassen sich oft an der Farbgebung in rosa oder pink erkennen. Einige von ihnen haben ihr Boot gar wie bei einem Poesiealbum mit Herzchen verziert, was die wiederum Jungs zu Lästereien animiert.

Doch in einem sind sich alle Europe-Segler einig: Den Laser lehnen sie vehement ab. „Kühlschranktür“, „Bügelbrett“ oder „Joghurtbecher“ lauten die wenig schmeichelhaften Bezeichnungen, mit denen der Klassenkampf ausgefochten wird.

17 Uhr: Endlich hat Wind eingesetzt und der „Weizenbierstrumpf“ geht runter (so nennt man in Süddeutschland die Startverschiebungs-Flagge). Vorbei mit dem stundenlangen Power-Chillen!

Segeln mit Herz. Auch eine Art, mit weiblichem Charme die Innenraum-Wahrscheinlichkeit an der Tonne zu erhöhen. © C. Stock

An der Startlinie ist kaum genug Platz für alle Boote, und ehe ich mich versehe, bin ich in die zweite Reihe abgedrängt worden. Das ist ja ein super Start zu meiner ersten Europe-Regatta! Reichlich ernüchtert gurke ich dem Feld hinterher, die überall präsenten Abwinde lassen mich schnell zweihundert Meter zurückfallen.

Doch dann meldet sich der Kämpfergeist in mir: „Tu endlich was! Greif an! Fahr links raus, unter Land ist am Bodensee meistens mehr Wind.“ Das Kalkül erweist sich als richtig. An der Luvtonne bin ich schon mitten im Hauptfeld. Bei den folgenden zwei Runden up and down halte ich mich konsequent unter Land, und siehe da: Im Ziel komme ich als 20.ter an.

Damit bin ich mehr als zufrieden. Denn selbst die jüngsten Europe-Seglerinnen und Segler erweisen sich in Sachen Bootsbeherrschung und Taktik als mit allen Wassern gewaschen. Hut ab, das Niveau ist wirklich gut, selbst im hinteren Drittel wird passabel gesegelt. Bei diesem Nachwuchs braucht es einen um die Zukunft des Segelsports nicht bange zu werden.

Enges Europe-Feld vor Immenstaad am Bodensee. © YC Immenstaad

Beim nächsten Start bin ich in der ersten Reihe dabei. Doch schon bald tut sich ein Problem auf: Es mangelt eklatant an Bootsspeed. Schon nach einer halben Minute werde ich in Luv und Lee überlaufen. Vielleicht hätte ich doch die Schwertlippen an meinem 17 Jahre alten Gebrauchtboot austauschen sollen, die sehen bereits ziemlich fertig aus. Außerdem lecken die drei Elvströmlenzer, ich habe permanent Wasser im Schiff.

Hinzu kommt, dass bei Leichtwind ziemliche Verrenkungen nötig sind, um sich so weit wie möglich vorne im Boot zu platzieren. Und erst der Großbaum! Der ist so niedrig, dass er einen in jeder Wende fast skalpiert. Da knirschen die Gelenke… jetzt verstehe ich langsam, warum die Europe-Klassenvereinigung alle Segler über 26 Jahre als „Senioren“ bezeichnet.

Gedränge an der Leetonne. 76 Boote kamen zur WM-Ausscheidung in den Süden. © YC Immenstaad

Doch mein Speedproblem liegt wohl eher am mangelhaften Trimm. Die Europe ist äußerst sensibel. Es beginnt bereits damit, dass die Biegekurve des Kohlefasermastes und der Schnitt des Segels genau auf das Körpergewicht abgestimmt sein müssen. Ich habe keine Ahnung, für welches Gewicht mein Mast passt. Er erscheint mir arg steif, jedenfalls bekomme ich die allzu tiefe Wölbung des Segels kaum weggetrimmt.

Erfolglos experimentiere ich mit Unterliekstrecker, Cunningham, Traveller, Baumniederholer, Großschotzug und Schwertposition. Oh, hier ist noch ein Strecker, an dem „Vorliek“ steht, er verändert die Position des Großsegelhalses am Lümmelbeschlag. Siehe da, als ich ihn um fünf cm löse, sieht das Segel ganz manierlich aus.

Die Europe lebt. Auch wenn sie ihren Olympiastatus an den Laser Radial verloren hat. © YC Immenstaad

Schneller bin ich jetzt allerdings immer noch nicht. Doch daran kann ich keine Sorgen mehr verschwenden. Hier im Hauptfeld geht es extrem eng zu, ständig muss man Booten ausweichen. Freisegeln, ist nahezu unmöglich. An den Tonnen ist Vollkontakt angesagt, mehrfach bin ich wie in einem Sandwich zwischen lauter Booten eingeklemmt.

An der Luvtonne brauche ich einmal gefühlte fünf Minuten, bis ich mich von dem Pulk lösen kann. Jetzt verstehe ich, warum mein lilafarbenes Schlachtross überall alte Kollisionsspuren aufweist.

Das Geschrei an den Tonnen ist groß, doch die Zahl der Proteste klein. Irgendwie gleicht es sich aus: Jeder ist Opfer von Regelverletzungen, und jeder begeht welche. In solch einem Riesenfeld ist das kaum vermeidbar. Zumal der Parcours nicht sehr groß ist, damit die Sollzeit von 45 Minuten eingehalten werden kann. Anders als bei vielen Regatten üblich, wird hier penibel den Vorgaben der Ranglistenordung gefolgt.

Einhandjolle mit Trimm-Potenzial. Die Strecker sind auf das Seitendeck geführt. © C. Stock

Bis 21.30 Uhr sind wir an diesem Abend auf dem Wasser. Das reicht gerade noch, um nach dem Versorgen der Boote zu den Fernsehern zu verschwinden, um die entscheidenden Minuten von DSDS anzusehen. Der eigens engagierten Regatta-Band mit einem Europesegler an der Gitarre hören jedenfalls fast nur Jungs zu.

Am nächsten Morgen, 10.30 Uhr. Für alle überraschend setzt Wind ein. Jetzt will ich es noch einmal wissen. Meinen 52. Platz im letzten Lauf will ich streichen! Doch einen Streicher können hier viele gebrauchen, zum Beispiel die beste deutsche Europeseglerin, Stine Paeper. Sie hat gestern einen 26. Platz gefahren, selbst ich war vor ihr im Ziel.

Am Start geht es dementsprechend aggressiv zu. Der Wettfahrtleiter bricht ihn klugerweise ab und setzt beim nächsten Versuch die Black Flag. Das wirkt, das Feld geht geordnet über die Linie. Ich bin bestens positioniert und kämpfe wie ein Löwe. Doch mein Speedproblem wird mir erneut zum Verhängnis, ich sacke hoffnungslos zurück.

Jetzt hilft nur ein radikaler Verzweiflungsschlag ganz nach rechts unter Land. Wie dumm, dass ausgerechnet diese Seite diesmal gar nicht gut ist. Als eines der letzten Boote runde ich die Tonne. Ich kann es kaum fassen, so was ist mir zum letzten Mal vor 15 Jahren oder so passiert!!! Wie stehe ich denn jetzt da vor den jungen Leuten? Nun muss ich an meinem Sportgeist appellieren: Dabei sein ist alles.

Auf dem Vorwindkurs hat man anders als bei schnellen Spinnaker- und Gennakerbooten wenig taktische Optionen. Man fährt mit der Europe platt bis überplatt auf dem direkten Kurs zur Tonne runter. Sich nach links zu verholen, um die Innenposition an der Leetonne zu erhalten, wäre aber mal einen Versuch wert. Doch den Trick kennt in diesem Feld selbst der Vorletzte.

14 Uhr, Siegerehrung. Stine Paeper hat Nervenstärke gezeigt und den Gesamtsieg errungen, punktgleich mit ihrer stärksten Konkurrentin Jannika Puls. Erst auf dem dritten Platz folgt mit Lukas Bußkamp ein Vertreter des männlichen Geschlechts.

Ich ziehe mein persönliches Fazit: Es war eine spannende, adrenalinreiche Erfahrung. Aber irgendwie brauche ich eine Fock, ein buntes Vorwindsegel und eine zweistellige Knotenzahl auf der Logge, um richtig Spaß zu haben. So wie auf dem Tornado letzte Woche oder bei der geplanten 29er-Regatta am kommenden Wochenende.

Wobei, wenn es mal richtig ballert, würde es auch mit der Europe ein echter Bringer sein… ich habe da noch eine Scharte auszuwetzen.

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Christian Stock

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Ein Kommentar „Selbstversuch beim Europe-Allianz-Cup am Bodensee. WM-Ausscheidung trotz DSDS-Finale“

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