Klassenportrait: 20qm Jollenkreuzer – mehr als neun Jahrzehnte jung

„Charmeur mit Schwert und Kajüte“

Schön, schnell und… uralt © sekura

Schön, schnell und… uralt © sekura

Die geräumigen, verdammt schnellen Renner begeistern! Ob als Regatta- oder als Tourenboot. Historie und SR BilderStory von der ÖM 2014

Der 20er-Jolli zählt zu den Booten, auf die man sich „einfach mal so zum Ausprobieren“ setzt oder mit denen man „auf einen Schlag mit dem Kumpel“ ausläuft, nur um das Ding mal gesegelt zu haben… und dann kommt man nicht mehr davon los! Wer jemals auf dieser 7,75 m langen und zweieinhalb Meter breiten Konstruktionsklasse unterwegs war, der weiß was wir meinen: Der 20er Jolli lullt jeden Neuling mit einem gnadenlosen Charme von der ersten bis zur letzte Minute an Bord dermaßen ein, dass man gar nicht mehr anders kann, also sich für den nächsten Törn zu verabreden, die nächste Regatta zu planen um danach dann, möglichst bald, einen eigenen Jolli über die See(n) zu steuern.

 

Ein Boot, das Charme ausstrahlt? Es muss was dran sein, an dieser Behauptung. Denn eine Bootsklasse, die sich sage und schreibe mehr als neunzig Jahre (!) in europäischen Revieren hält, und zwar als rasantes Regattaboot genauso wie als geräumiges Tourenschiff, ist vielleicht rein rechnerisch ein wenig in die Jahre gekommen, kann sich aber eindeutig immer noch auf eine gereifte Attraktivität verlassen.

Viele “Fremdgänger”

Dieser gewissen Anziehungskraft sind im Laufe der letzten Jahrzehnte außergewöhnlich viele Ausnahmesegler verfallen, die ihrer „alten Liebe“ untreu wurden, um zunächst ein Techtelmechtel anzufangen und schließlich eine feste Beziehung mit dem 20er Jolli einzugehen. Anders formuliert: Kaum eine andere Bootsklasse kann auf derart viele Olympiasieger, Welt- und Europameister (in Klassen wie Soling, 470, 420 etc.) in ihren Reihen verweisen…  (siehe eine fein säuberlich zusammengestellte Liste mit erfolgreichen „Fremdgehern“ aus anderen Klassen: Erfolge prominenter 20er – Segler-1)

Langeweile? Nie! © sekura

Langeweile? Nie! © sekura

Ein Boot, das schon Einstein begeisterte, hat natürlich eine spannende Historie. Die wiederum wurde von Dr. Klaus Müller aufgezeichnet:

In der Zeitschrift „Segelsport“ vom 16. Juni 1921 ist zu lesen, dass die Festsetzung von Vorschriften für eine 20 qm Jollenkreuzer- Klasse durch den Berliner Kleinsegler- Verband erfolgt sei. „Man habe Erwartungen, dass sich der 20 qm-Jollenkreuzer besonders im Binnenbereich verbreiten wird.”

Wie genau die damaligen Annahmen an der Wirklichkeit liegen sollten, ist fast neunzig Jahre nach dieser Prognose mehr als bewiesen. In Deutschland wird dieses rasante Binnenboot in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg- Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig- Holstein, Sachsen- Anhalt und Nordrhein- Westfalen, also von Nord bis Süd gesegelt.

Action zu Dritt © sekura

Action zu Dritt © sekura

Der Zwanziger findet sich auch in Österreich, hier vornehmlich am Neusiedler See. Ebenfalls hat er eine lange Tradition in der Schweiz. Hier gibt es offiziell Flotten am Murtensee, Zürichsee, Bielersee und Bodensee, die der ASPYK angehören.

Dazu gesellt sich die von der Schweizerischen Klassenorganisation (ASPYK) unabhängige FNYK (Flotte des neuchchateloise des Yollenkreuzer).

Der Status als Konstruktionsklasse lockte die bekanntesten Yachtkonstrukteure, vom legendären Reinhard Drewitz über Grunewald, Theo und Manfred Ernst bis zu van de Stadt, Nissen, Schreiber oder Judel, Boote mit dem großen R im Segel nach modernster Version zu kreieren. Auf bekannten Werften wie Kother, Schreiber, Bopp & Dietrich, Dannhus oder Christen entstanden nach deren Plänen wahre Schmuckstücke.

E=mc²

Berühmtester Besitzer eines Zwanzigers ist ohne Zweifel Albert Einstein gewesen. Er bekam ein solches Boot zu seinem 50. Geburtstag von den Mitgliedern der Berliner Handelskammer geschenkt.

Sein „Tümmler“, von dem noch der maximale Tiefgang von 1,25 m überliefert ist, lag am Schwielowsee in Caputh, unweit von Potsdam.

Der Ursprungsgedanke sah den 20 qm-Jollenkreuzer so, „dass die Jollenkreuzer einzig und allein Wanderboote sein können.“ Wenig später war diese Auffassung ad acta gelegt. Er sollte auch Rennboot sein, mit der Maßgabe, dass er auch immer ein „Wochenendboot“ sein darf.

Diese Philosophie bestimmt den Zwanziger in den mehr als neun Jahrzehnten seiner Existenz bis auf den heutigen Tag.

Bunte Klasse, buntes Völkchen © sekura

Bunte Klasse, buntes Völkchen © sekura

Rege Regattaklasse

Nationale Titelkämpfe tragen die Zwanziger seit den fünfziger Jahren aus. Verbrieft für den Osten Deutschlands ist dabei die erste Meisterschaft 1954 in Schwerin. Im Westen hatte sich Mitte der fünfziger Jahre auf Initiative von K.H. Müller vom Berliner SC Gothia eine Klassenvereinigung gegründet. 1958 wurde an der Schlei die erste Meisterschaft ausgesegelt, übrigens unter skeptischem Vorbehalt des DSV, wegen der „ungleichen Waffen“, sprich weil der 20er eine Konstruktionsklasse war. Obwohl es noch keine Mauer gab, gemeinsame Meisterschaftsteilnahmen von Ost und West gab es nicht. Vergleiche blieben, wie in fast allen Bootsklassen, auf die jährlich in der Viersektorenstadt Berlin alternierend auf Wannsee und Müggelsee stattfindenden Frühjahrs- und Herbstwochen beschränkt.

Die ersten Meister waren im Osten die Berliner Briese, Briese, Ulbrich auf R 175, im Westen A. Blankenfeld und Crew auf dem Grunewaldriss R 402. Berühmtestes Boot dieser Zeit war wohl der von dem Berliner Günther Brandt bereits 1947 gezeichnete und in Berlin- Köpenick 1950 vom Stapel gelaufene R 15 ( „Bieleken“), der von Bornemann, Blankenfeld und Fiebing gesegelt wurde. Er war wohl auch der erste 20er, der nur mit dem Blick auf die Regattasegelei gebaut wurde. Gewicht 800 kg, Breite 2,44 m, Länge 7,72 m. Besonders die Breite- für damalige Verhältnisse revolutionär. Mehr als dreißig Jahre ist es auch her, dass sich Schweizer, Österreicher und Deutsche erstmals am Bodensee trafen um ihren internationalen Meister auszusegeln. Bis heute steht die oder der Euro-, je nachdem ob man diese Treffen als Meisterschaft oder Cup (offizielle Bezeichnung für den Bereich des Deutschen Segler Verbandes) tituliert, alle zwei Jahre alternierend in einem der drei Länder im Wettfahrtkalender.

Größte Schwertbootklasse

Ziemlich sportliches Tourenboot oder tourentaugliches Regattaschiff © sekura

Ziemlich sportliches Tourenboot oder tourentaugliches Regattaschiff © sekura

Der 20qm Jollenkreuzer ist in seiner Entwicklung bis in die Gegenwart so stabil, dass sein Meisterschaftsstatus als größte Schwertbootklasse, in der Deutsche Meisterschaften ausgetragen werden, derzeit unangefochten ist. Rund einhundert Steuerleute beteiligen sich in den letzten Jahren an den ausgeschriebenen Ranglistenregatten, davon bestreiten etwa 50 % neun und mehr Wettfahrten pro Saison. Die Teilnehmerfelder bei den erwähnten Meisterschaften bewegen sich um die dreißig bis vierzig Boote. Nach wie vor ist er auch ein Fahrtenboot das im besonderen Maße universell einsetzbar ist, von den tiefen bayerischen Seen bis zur Mecklenburgischen Seenplatte mit ihren flach auslaufenden Ufern.

Neupreis Schiff: 80.00 € +

Gebrauchtboote: 45.000 € und weniger bis 7.500 €

Website Klassenvereinigung (auch Gebrauchtbootmarkt)

Spenden
https://yachtservice-sb.com

2 Kommentare zu „Klassenportrait: 20qm Jollenkreuzer – mehr als neun Jahrzehnte jung“

  1. avatar Super-Spät-Segler sagt:

    Die interessante aber leider traurig endende Geschichte von Einsteins “Tümmler”:

    http://www.einstein-website.de/z_biography/tuemmler.html

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Daniel Bauer sagt:

    Hier die aktuellen Bilder von der Österreichischen Meisterschaft und von der Euro in Neusiedl!

    http://www.20er-jollenkreuzer.org/galerie/2013/vars/oesterreichische-meisterschaft_ca0d34.html

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