AC Nachklapp Teil 5

Kleine Taktik-Schule: Alinghis unglaublicher Fehler im 2. Rennen. Was Otto-Normalo-Fleetracer daraus lernen kann.

Da schwindet der Cup dahin. Alinghi Zeichner Mark O'Brien bringt das letzte Rennen auf den Punkt. Auch wenn der Tri in Lee vorbei schwebte.

Alinghi hat den 33. America’s Cup verloren dank unterlegener Technik, dank eines langsameren Bootes. So weit die allgemeine Erkenntnis. Aber das ist nicht alles! Mindestens ebenso entscheidend waren haarsträubende Taktik-Fehler. Die Penalties in beiden Rennen sind nur die offensichtlichsten Probleme gewesen. Unauffälliger war eine Situation an der Luvtonne im zweiten Duell. Sie kommt in Flotten-Rennen häufig vor. Man kann daraus lernen. Besonders eher langsam wendende Schiffe, wie Katamarane, können wichtige Punkte einfahren, wenn ihre Skipper die Situation erkennen und richtig reagieren

Es geht um die Position eins in den Grafiken. Alinghi hat den Gegner nach einem desaströsen Start überholt und nun in der Luvposition alle Karten in der Hand. Wenn sich die Schweizer besonders geschickt anstellen, könnten sie sogar ihren Penalty loswerden, indem Sie dem Gegner einen verpassen. Es ist die einzige Chance.

Der Alinghi-Kat (gelb) liegt in Luv vom BMW-Oracle-Tri und nähert sich der Backbord-Anliegelinie zur Luvtonne. Die Amerikaner wenden (2)...

...fallen ab (3), und passieren knapp hinter Alinghi. Der Kat der Schweizer fährt noch ein Stück, verliert in der Wende den Vorsprung (4) und Blau segelt in Lee durch (5).

...Da sich die Amerikaner auch noch genau auf der Anliegelinie befinden, segeln sie ohne Probleme weiter zur Tonne und runden sie zuerst.

Eine andere Perspektive zeigt die Bildfolge im Virtual Eye. BMW Oracle passiert hinter Alinghi und liegt danach vorne, genau auf der feinen orangen Linie, der Anliegelinie zur Luvtonne. Schlimmer kann es nicht kommen. Schon da ist das Rennen verloren. Auch wenn sich auf dem folgenden Raumschotskurs herausstellt, dass Alinghi deutlich langsamer ist. Aber der Tri hätte erst einmal überholen müssen.

Alinghi lässt BMWO hinter dem Heck passieren...

...wendet spät und ist über die Anliegelinie gesegelt. BMWO befindet sich genau auf der ogangen Linie...

Was hätte anders laufen sollen? Was können Fleet-Racer daraus lernen? Die Situation dürfte für den erfahrenen Alinghi-Taktiker Brad Butterworth nicht neu gewesen sein. Im entscheidenden Cup-Rennen 2007 nutzte er im Duell mit dem Team New Zealand genau diese Situation, um einen Penalty gegen die Gegner zu erwirken und das Rennen später mit einer Sekunde Vorsprung zu gewinnen.

Dabei ließ er seinen Steuermann Ed Baird etwa in Position 2 abfallen (gelb) als blau wendete. Baird hielt mit Wegerecht auf den Gegner zu (3), um einen so genannten Dial Down auszuführen. Genau sieben Sekunden steuerte er einen direkten Kurs und wich kurz vor der Kollision aus. Die Schiedsrichter entschieden, dass die Neuseeländer nicht genug getan hätten, um sich frei zu halten. Sie erhielten den Penalty, den sie auf der Ziellinie ausführten.

Die Situation aus dem AC Finalrennen 2007. Alinghi (gelb) fällt damals ab (3), hält seinen Kurs und die Neuseeländer (blau) werden mit einem Penalty bestraft

Diese Option hätte Alinghi wieder gehabt. Auch wenn vermutlich dagegen sprach, dass diese Multihull-Monster nicht so einfach zu manövrieren sind. Es war einfach die einzige Chance für Betrarelli, vielleicht doch noch den Cup zu gewinnen.

Folgendes Manöver, das auch Fleetracer parat haben sollten, wäre eine sehr gute Option gewesen: Den Abstand zum Gegner verringern, um ihn an der Wende zu hindern.

Dabei fällt gelb in Position 2 nicht extrem ab, wie bei einem Dial Down. Das ist im Fleetrace sowieso verboten, weil Regel 16.2 gilt (im Match Race gestrichen). Gelb verringert stattdessen rechtzeitig den Abstand zum Leeboot, bremst vielleicht sogar ein wenig, bis sicher ist, dass blau nicht wenden kann. Denn in der Wende muss sich ein Boot frei halten (Regel 13). Blau muss also warten, bis gelb gewendet hat. Auch wenn es dabei über die Anliegelinie hinaus segelt. Gelb wird zuerst an der Tonne sein.

Beim Match Race bleibt die Wendemarke rechts liegen, beimFleetrace wird die Tonne normalerweise anders herum gerundet...

...Aber das Strategie-Prinzip funktioniert auch dann, wenn man die Situation horizontal spiegelt. Man muss nur aufpassen, weil blau nach einer Wende Wegerecht hat.

Diese Situation kommt im Fleetrace sehr häufig vor. Sie ist für gelb sogar noch gefährlicher, weil blau nach der Wende Wind von Steuerbord und damit Wegerecht hat, sobald das Boot wieder auf einen Amwind-Kurs abgefallen ist.

So kann gelb zu einer Wende gezwungen sein, obwohl die Anliegelinie noch nicht erreicht ist. Das ist kein Spaß! Diesen Alarm an einer Luvtonne im dichten Feld hat jeder schon einmal erlebt.

Gelb muss also noch näher an den Gegner heran. Dabei gilt: Je langsamer die Boote wenden, umso effektiver ist die Blockade.


Ein Moment für die Ewigkeit beim Cup 2007.

Das Video http://www.youtube.com/watch?v=uFlXqDFlESg&feature=related zeigt eine Sequenz aus dem entscheidenden Finalrennen zwischen Alinghi und Neuseeland, durch die den Schweizern die Titelverteidgung gelang. Der so genannte Dial Down muss rechtzeitig erfolgen und man darf nur maximal 90 Grad zum Wind abfallen. Im Fleetrace ist das nicht erlaubt.

Die taktischen Positionen sind erkennbar bei 40s und bei 2:16s im Virtual eye. Brad Butterworth war in der gleichen Situation wie im Februar 2010. Bei 4:11 wendet TNZ mit losen Schoten und fällt stark ab, um hinter dem Heck von Alinghi zu passieren. Bei 4:18 ist Alinghi auch stark abgefallen. Hält auf den Gegner mit einem geraden Kurs zu.

Der Schiri sagt: „holding, holding…” Penalty für TNZ. Und Alinghi schafft es nach der Wende sogar, vor dem Bug von TNZ zu passieren. (ab 4:47) . Das wäre allerdings durch das langsame Wendeverhalten der Multis nie möglich gewesen. Ab 7:57 ist das Manöver noch einmal in der Wiederholung zu sehen.

Die Highlights der Rennen im 33. America’s Cup :
http://www.americascup.com/en/multimedia/video/index.php?idIndex=78

Bei 3:21s im ersten fünf Minuten Highlight-Video in der obersten Leiste passiert BMW Oracle hinter Alinghi und liegt danach vorne.

Carsten Kemmling

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Carsten Kemmling

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