Knarrblog: Champions League mit Weltmeister an Bord – Liga-Vorbereitung in Corona-Zeiten

Hauptsache, wieder aufs Wasser

“Eigentlich gab’s hier die letzten Wochen immer Wind.” Wettfahrtleiter Wolfgang Stückl ist es ein wenig peinlich, dass er den internationalen Gästen kein schöneres Gesicht seines Starnberger Sees zeigen konnte. Ein ganzer Segeltag fällt aus. Nur 10 statt 18 Flights in vier Tagen. 32 statt 56 Rennen.

Als wenn der Wind ständig geblasen hätte… Das WVH Team in Action. © Wehrmann/SCL

Es ist aller Ehren wert, wenn man als Gastgeber alles bieten will. Und wie es immer so ist, kommt tatsächlich pünktlich mit dem Ende der Regatta der stabile Wind um die Ecke. Ein paar Tage später sogar jede Menge davon.

Aber Wind ist gar nicht das Wichtigste. In Corona-Zeiten ist man als Segler schon mit sehr viel weniger zufrieden. Toll, wenn Veranstalter nicht den einfachsten Weg gehen. Wenn sie nicht absagen. Die Bedenkenträger überstimmen. Wenn sie einfach machen.

Es ist heutzutage mühsam, eine Segelregatta durchzuziehen. Behörden wollen Hygienekonzepte sehen, Wachpersonal muss bezahlt, Toilettenwagen gemietet werden. Die Kosten übersteigen oft die Ausgaben, die sonst für geselliges Beisammensein am Anbend ausgegeben worden wären.

v.l. Sven Gauter, Daniel Labhard, Carsten Kemmling, Max Billerbeck. © Wehrmann/SCL

Wenn dann auch noch Gäste aus 19 verschiedenen Ländern angekündigt werden, wie bei der Sailing Champions League, erhöht sich der Schwierigkeitsgrad. Der Deutsche Touring Yacht-Club zieht es durch. Es mag an einer besonderen Beziehung zu dieser Veranstaltung liegen. 2016 gewann der DTYC den Titel in Porto Cervo. Diesmal hat er die Ausrichtung des Qualifiers von Travemünde geerbt. Dort war die Regatta wegen Corona ausgefallen wie auch die beiden übrigen geplanten Qualifikationen in Finnland und St.Petersburg.

Dieses Kribbeln

Einfach schön, dieses Kribbeln auf der Startlinie wieder zu spüren. Das ging schon beim Bundesliga-Auftakt in Kiel los. Aber nun gegen die internationale Konkurrenz pumpt das Adrenalin noch intensiver. Einschränkungen wie Fiebermessen am Eingang, Maskenpflicht auf dem Gelände und die fehlende Abendveranstaltung sind gut zu ertragen. Hauptsache wieder aufs Wasser.

Dabei ist es längst nicht so, wie es sein soll in Starnberg. Neun nationale Ligen haben ihre Teilnahme abgesagt, die wenigsten ihre Startplätze ausgenutzt. Das Feld wurde aufgefüllt mit jedem, der mitmachen wollte. Allein aus Deutschland kamen zu den beiden offiziellen Qualifikanten WVH und NRV sieben Teams dazu – davon drei aus der zweiten Liga.

Und auch die Bundesligisten hatten Probleme, ihre besten Crews zu schicken. Schließlich ist der Terminkalender so eng getaktet wie nie zuvor in sieben Jahren Liga. In acht Wochen finden inklusive Starnberg-Qualifier bis zum Hamburg-Finale fünf Veranstaltungen statt. Das packt nicht jeder Verein. Viele neue Kombinationen segeln vor Tutzing. Schließlich muss man nur unter die Top 11 kommen, um die Quali für Porto Cervo zu schaffen – am Ende reichen sogar die Top 12. Irgendwer hat wohl noch abgesagt.

Segeln mit Weltmeister

Auch wir beim Wassersport-Verein Hemelingen müssen das Team aufstocken. Daniel Labhard vom Bremer Nachbarverein SKWB, der den Hüpferli-Segel-Laden in Kiel schmeißt, stößt neu dazu als sich die SKWB von der Liga abmeldet. Und mit Max Billerbeck ist nun ein echter Weltmeister dabei. Er holte 2019 den Titel im Contender und wurde prompt Segler des Jahres in Deutschland.

Daniel Labhard gibt alles auf dem Vorschiff. © Wehrmann/SCL

Dumm nur, dass er als Focktrimmer agieren muss, es aber auf dem Einmann-Trapezboot aber kein Vorsegel zu bedienen gibt. Zweimal üben in Kiel muss ausreiche, um den Geschäftsführer der Elmshorner Hein-Werft fit zu machen. Und es bestätigt sich die Annahme, dass ein großer Segler schnell mit großen Herausforderungen klar kommt.

Schwieriger ist fast noch der Einbau von Sven Gauter in die Crew. Der hat dem Team zwar schon im vergangenen Jahr mit seinen Einsätzen zum Vize-Titel verholfen, aber der Physiker zog inzwischen auf die britische Insel. Dort wird er wohl in Sachen Batterie-Entwicklung irgendwann einmal die Menschheit retten, aber noch ist es nicht so weit. Erst muss er noch seinem Team helfen, runter von der Insel, rüber nach München und raus aufs Boot.

Dreistündiges Skype-Briefing für Trimmer von der Insel

Das Problem: Bisher war er auf dem Vorschiff eingesetzt, nun muss er den Gennaker trimmen und an der Kreuz den Taktik-Part übernehmen. Keine Chance, das vorher mal zu üben. Er landet Mittwoch Nacht in München. Donnerstag geht’s los. Ein dreistündiges Skype Briefing von Kite-Trimmer Eike muss ausreichen, um die Basics hinzubekommen.

Umso erstaunter sind wir, dass es läuft. So richtig rund fühlt sich zwar alles nicht an, aber der Konkurrenz geht es wohl ähnlich. Vor dem letzten Tag drei Rennen vor Schluss liegen wir auf Rang drei, hinter den beiden Schweizer Teams. Jetzt wollen wir auch in das Top-Vier-Finale. Das könnte ein schöner Spaß werden. Der neue Modus verspricht Spannung.

Aber schon der Gedanke daran scheint kontraproduktiv. Der Wind dreht nicht mehr wie er soll, rätselhafte Seegras-Placken verfangen sich am Kiel – was selten bewiesen werden kann – , und schließlich weht auch noch das Cäppi vom Kopf. Lange Zeit konnte man das hässliche weiße BMW-Oracle-Teil nicht tragen, weil das damit verbundene America’s Cup Team Synonym für das Böse im Segelsport war. Aber zuletzt mochte es als Kult-Cap durchgehen – zumindest schien es schnell zu sein. Nun treibt es irgendwo im See und mag den im See herumgeisternden Märchenkönig Ludwig beglücken.

Strömung am Starnberger See?

Prompt folgen die Plätze 5/6/3, der Fall auf Rang sechs, und es bleibt nur noch die Zuschauer-Rolle. Mission zwar completed, Quali geschafft, aber sicher nicht geglänzt. Dafür viel Spaß gehabt. Bei langen Schwimmeinheiten im spiegelglatten See, gemütlichen Abendstunden in der Airbnb-Hütte am Ammersee, inklusive ausgiebiger Sterndeuterei und vielen erstaunlichen Diskussionen.

Zum Beispiel über die Strömung am Starnberger See. Gibt es die wirklich? Ich bin überzeugt, am ersten Tag auf die Luvtonne gedrückt worden zu sein. Aber bei Nachfrage setzen die Locals eher einen Gesichtsausdruck auf, die auf innerliches an-den-Kopf-tippen hindeutet. Dabei lesen wir irgendwo, dass es mit dem Neumond zu tun haben könnte. Oder sollte wirklich der Würm-Ausfluss eine Rolle spielen? Dieses Bächlein? Bald glaube ich schon selbst nicht mehr an die Beobachtung. Verrückt. Wenn man einen ganzen Tag an Land ohne Wind in der Hitze brütet neigt man wohl zum Überanalysieren.

Aber dieser See hat definitiv seine Geheimnisse. Mir wollen sie sich an diesem Wochenende nicht so richtig erschließen.

Ergebnisse der Top 12 Qualifikanten biem CL-Qualifier

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *