Knarrblog: Hauen und Stechen in der italienischen J/70 Szene – Vollkontakt-Videos

Rumpelstilzchen

Hauen und Stechen beim J/70 Cup in Ancona. Ein Video dokumentiert, wie ein Italiener seine Nerven nicht im Griff hat. Er wähnt sich beim Kickboxen. Auch unser Crash ist zu sehen.

Okay, man kann sich ja mal aufregen beim Rennsegeln. Hilft zwar meistens nichts, kann aber gut tun, Spannung abbauen. Je nachdem, wie man so gestrickt ist. Es geht ja schon mal heiß her auf der Bahn. Und der eine oder anderen mag schwer damit klarkommen, dass direkter Körperkontakt beim Segeln eher unüblich ist.

Aber diese Szene… Da springt der Steuermann auf wie Rumpelstilzchen, tanzt auf einem Bein – will er wirklich nach dem gegnerischen Skipper treten?

J/70 Crash

Versuchter Fußtritt im Zweikampf an der Luvtonne.

Nun ist Thomas Studer ein freundlicher Kerl. Ruhig, zurückhaltend, höflich, ein Schweizer eben. Er segelt nicht nur gut, sondern lässt sich auch im der Hitze des Gefechts von dem, nennen wir es mal wohlwollend “heißblütig”, agierenden Italiener nicht aus der Ruhe bringen. Auch wenn das Wasser an der Luvtonne brodelt, wenn 45 J/70 Crews nahezu gleichzeitig ankommen und sich einen Weg durch das Getümmel suchen.

Es geht um den zweiten Teil der J/70-Cup-Serie in Ancona, wo die italiensche Flotte auftritt, die in der Klasse neben der US-Szene die höchsten Profi-Dichte weltweit aufweist. Die Qualität ist entsprechend hoch, die Stimmung schon mal gereizt.

Nun mag die Wende durchaus knapp bemessen sein, aber sie könnte wohl passen, wenn nicht von links der Brite ohne Vorfahrt in die Szene rauschen würde. Er ist der Grund für das folgende Ungemach. Und sein Foul ist nicht weniger ein Foul, weil sich Saskia Clark an Bord befindet, die britische 470er-Olympiasiegerin von Rio (plus Silber in London).

Dennoch dürfte die irre Ausraster-Szene des Italieners Dutto nicht zu unserer Möchtegern- Gentleman-Sportart passen.

Fehler passieren

Aber Fehler passieren. Und gerade im Chaos dieser Onedesign-Klassen, wo sich viele Boote in großen Feldern und den immer kürzer werdenden kaum noch einstündigen Rennen nahezu gleichzeitig um die Wendemarken quetschen.

Das wissen wir nur zu gut. Gleich zweimal habe ich den Abend im Protestraum verbracht. Einmal kracht uns ein Monegasse am Leetor im 90 Grad-Winkel in die Seite. In der Verhandlung sagt er aus, wir hätten kurzfristig die andere Tonne nehmen wollen.

Aber die Jury ist bestens positioniert auf dem Wasser und agiert als Zeuge zu unseren Gunsten. Erstaunlich ist nur, dass der T-bone-Crash an unserem Boot kaum ein Schaden verursacht hat, der Gegner aber ein Loch im Bug aufweist.

J/70 Crash

Der Crash-Gegner aus Monaco

J/70 Crash

Bug aufgerissen beim T-Bone-Crash.

J/70 Crash

Lichteinfall im Vorschiff.

Bei unserem zweiten Crash sind die Rollen vertauscht. Studers 360-Grad-Kamera zeichnet zufällig auch diese Kollision auf, für den wir später disqualifiziert werden. Das Video bestätigt die in der Protestverhandlung gefundenen Fakten, die erneut ein Jury-Mitglied bezeugen kann.

Das italienische Boot ist nicht wie von uns angenommen von links außen in den Dreilängenkreis eingetaucht. Es drehte erst später sein Heck herum, verhinderte unsere Überlappung und war deutlicher im Recht, als sich das im Eifer des Gefechts von Bord aus erkennen ließ.

Aber manchmal funktioniert eben auch das sich selbst disziplinierende System des Segelsports. In der Verhandlung geht es höflich zu, der italienische Taktiker verhält sich angenehm professionell, und da ein Mitglied der kompetenten Jury tatsächlich den Vorfall auf dem Wasser gesehen hat, bleibt kein Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung. Die Versicherungsdaten werden ausgetauscht, und weiter geht’s am nächsten Tag.

Man muss eigentlich nicht ausrasten, und schon gar nicht handgreiflich werden.

Ergebnisse J/70 Cup 2019 Marina Dorica Ancona

Das J/70-Feld unter Gennaker vor Ancona. Unser bunter Spi ist immer gut zu sehen. © J/70 Italian Class/Lucchi Lucarelli

Die 45 Boote an der Startlinie. © J/70 Italian Class/Lucchi Lucarelli

Guter Start neben Alberto Rossi (ITA 1256), der kurz danach zum Überholen ansetzt und insgesamt zweiter wird. © J/70 Italian Class/Lucchi Lucarelli

Stefan Heidenreich mit seinen OneKiel-Team© J/70 Italian Class/Lucchi Lucarelli

Glitsch-Modus am zweiten Tag. Der dritte fällt aus wegen Sturm. © J/70 Italian Class/Lucchi Lucarelli

 

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Carsten Kemmling

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4 Kommentare zu „Knarrblog: Hauen und Stechen in der italienischen J/70 Szene – Vollkontakt-Videos“

  1. avatar Martin Menzner sagt:

    Hallo Carsten

    ist dieser crash boom bang style wirklich so einfach zu akzeptieren? “Die Versicherungsdaten werden ausgetauscht, und weiter geht’s am nächsten Tag” ?!?

    Schon klar, Fehler passieren und die Versicherung übernimmt das. Aber geht es wirklich nicht mehr ohne diese Vollkontakt Segelei? Ist es erstrebenswert jeden Abend im Protestraum zu sitzen? Ist es richtig, dass letztlich alle Versicherungsnehmer diesen Quatsch bezahlen? Schon klar, die Versicherungssumme errechnet sich entsprechend. Aber HALLO: Worum geht es eigentlich auf dem Wasser zwischen den Tonnen? Hat das Material keinen Wert mehr? Sind wir jetzt auf dem Rummel und sitzen alle in Boxautos?

    Wenn die Regattabahn mehr und mehr zum Spielfeld einer egomanischen Gesellschaft wird, und Regeln ausschließlich für Entscheidungen im Protestraum heran gezogen werden, sollten m.E. dringend disziplinierende Maßnahmen ergriffen werden. Ein DSQ für die entsprechende Wettfahrt reicht offensichtlich nicht mehr aus. Es ist offensichtlich an der Zeit, für einen Crash mit Schaden den Ausschluss aus der ganzen Serie auszusprechen. Und entstehende Sachschäden am eigenen Boot sind künftig gänzlich selbst zu übernehmen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 31 Daumen runter 0

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Na ja, ich habe noch niemanden erlebt, der absichtlich einen Crash verursacht. Und wenn, dann gibt es Regeln bis hin zu genau diesen disziplinarischen Maßnahmen, die du beschreibst.
      Wie du sagst. Fehler passieren. Insbesondere, wenn die Qualität der Flotte ein gewisses Level erreicht hat, und es an den Wendemarken sehr eng zugeht. Das hat nichts mit irgendeinem “Style” zu tun.
      Problematisch finde ich es, wenn das selbstregulierende System unseres Sports nicht mehr greift, Menschen emotional oder sogar handgreiflich werden.
      Wenn es unterschiedliche Meinungen zu Regel- und Schuldfragen gibt, muss man nicht rumbrüllen, sondern lässt das eine Jury klären.
      Bei dieser italienischen Rennserie läuft das auf absolut höchstem Niveau. Professionell und in den beschriebenen Fällen so, dass die Schiedsrichter sogar auf dem Wasser präsent sind und als Zeugen aussagen. Da bleibt kein Geschmäckle. Man trinkt danach gemeinsam mit den Kollegen ein Bier.
      Wenn ein Fehler klar ist, muss man selber die Strafe annehmen und Kreise drehen. Wenn aber protestieren verpönt ist, wenn der Protestierende der Böse ist – wie hierzulande häufig der Fall – kommt der Regelbrecher oft davon. Dieser “Style” ist das eigentliche Problem für unseren Sport.

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  2. avatar Andreas Borrink sagt:

    Im letzten Satz steht das Keyword: wer segelt schon seine EIGENE J70? Da werden doch vornehmlich Boote von Vereinen und professionellen Providern über den Kurs geprügelt. Motto: wozu haben wir eine Versicherung….!?
    Weiterer Treffer: „Abbild einer egomanischen Gesellschaft“. Wer schon im Elternhaus und in der Schule nie vermittelt bekommen hat, was Rücksicht und Empathie sind, der lernt es auf dem Regattaparcours schon erst recht nicht.
    Mehr Konsequenz bei der Umsetzung von Regeln wäre ein Schritt in die richtige Richtung – lösen lässt sich dieses gesamtgesellschaftliche Problem damit aber wohl leider auch nicht.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 3

  3. avatar sowasaberauch sagt:

    ein Skipper regt sich bei irgendeinem Rennen über andere Boote auf. Das ist heutzutage schon einen Artikel wert?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 7

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