Knarrblog J/70 Worlds: Chaos, Crash, Penalty, Protest aber 20 Knoten Speed

T-bone Crash

Okay, das war nicht gerade das, was man sich für den Auftakt bei einer Weltmeisterschaft erhofft. Aber die Erlebnisse an diesem ersten Tag der J/70 Worlds in Marblehead reichen schon für eine ganze Woche.

Ordentlich Atlantik-Dünung am ersten Tag der J/70 Worlds vor Marblehead. Wir sind mit nur einem Abflug ausgekommen. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

Was macht der Typ da in Lee? Noch 1:30 bis zum Start. Drei Meter hohe Brecher rollen über den offenen Atlantik heran und 20 Knoten hämmern über die Bahn. Die Spannschrauben an den Püttingeisen sind auf das Maximum zusammengedreht. Die Biegung des Kohlefasermastes zieht jegliches Profil aus dem Segel. Anders kommt die J/70 nicht gegen den Wind an.

91 Teams suchen einen Platz in der vordersten Starlinienreihe. In dem Wind- und Wellen-Chaos ist es schwer, den Überblick zu behalten. Ein Spanier hält mit Vorfahrt auf uns zu. Wir wollen ihn in Lee passieren und hinter dem Heck hochziehen. Eigentlich kein Problem, wenn nicht der Monegasse mit dem Schlapphut nebenan segeln würde. Er war im ersten Rennen Erster an der Luvtonne, aber jetzt ist er igrendwie nicht im Bilde. Wir schreien uns die Seele aus dem Leib. Wir brauchen Platz zum Ausweichen.

Mächtig Bewegung an der der vollgepackten Startlinie mit Mittelstartschiff. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

Er hört uns nicht, oder sieht den Spanier nicht, oder was auch immer. Die Lücke zwischen seinem Bug und dem Spanier schließt sich. Der Monegasse drückt uns hoch. Ein Brecher hebt noch den Bug an. Vollkontakt!

Wir treffen den Gegner fast mittschiffs. Der Bug steckt in seinem Rumpf. Als wir uns befreien, klafft ein Loch in seiner Seite. Wir stehen unter Schock. Der Mongeasse wendet und startet, als wenn nichts gewesen wäre. Wir humpeln verspätet über die Linie. Der arme Spanier treibt zurück in den Hafen. Was für ein Desaster.

Schon das erste Rennen ist irgendwo im Start-Chaos verloren gegangen. Und bei einer dieser irren Highspeed-Gate-Rundungen, als wir dann doch lieber einen Strafkreis drehen. Kaum mehr als 30 Boote liegen schließlich achteraus.

Riesige Abschussrampen

Im zweiten Lauf schaffen wir es immerhin noch auf Rang 35. Der Speed an der Kreuz ist gut. Und diese Vorwind-Gänge unter Gennaker – irre! Diesmal knacken wir tatsächlich die 20 Knoten-Marke auf einer dieser riesigen Abschussrampen, die von hinten heran rollen.

Beim Absurfen der Brecher gerät das Rennen schon fast in den Hintergrund. Das Erlebnis ist überwältigend. So lange haben wir mit diesem 7-Meter-Schiffchen noch nie irgendwelche Wellen abgeritten. Ein Gefühl, als wenn man am ganzen Feld vorbei rast. Aber die anderen sind genauso schnell.

Ordentlicher Brecher an der Kreuz. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

Der Crash ist schnell vergessen. Erst an Land kommt die Erinnerung wieder hoch. Da war doch was… Der Spanier wartet schon mit dem Protest-Zettel. Er ist uns nicht böse. Schit happens. Das Schiff kann Gott sei Dank über Nacht repariert werden. Er dürfte eine Wiedergutmachung bekommen. Und die Jury entlastet uns. Der Monegasse wird disqualifiziert. Er hat nicht genug Platz gelassen.

Im Protestraum des ehrwürdigen Eastern Yacht Clubs vor der fünfköpfigen internationalen Jury mutet die technische Erklärung mit den Plastik-Schiffchen auf weißer Tischdecke so banal an. Es waren Bedingungen am Limit. Ob sich die Herren in die Situation da draußen hineindenken können? Der Monegasse war sicher genauso überfordert, wie wir manchmal an diesem Tag.

Wende im Brecher. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

Für die Spitzenteams galt das offenbar nicht. Der amtierende Weltmeister Peter Duncan, der schon im Vorjahr die Porto-Cervo-WM bei Starkwind dominiert hatte, übernimmt mit zwei zweiten Plätzen die Führung. Aber die Italienerin Claudia Rossi, die im nächsten Jahr eine 49erFX Kampagne starten will, ist mit 4/1 auch ganz vorne dran. Knapp vor Papa Rossi (5/5) und Vincenzo Onorato mit Paul Goodison und Flavio Favini an Bord, die das erste Rennen gewinnen konnten.

“Ziemlich cool”

Überraschend auf Rang drei liegt der Amerikaner Bruce Golison (3/3). Er ist einer der erfahrensten Skipper dieser Meisterschaft und hat in der Vergangenheit die Etchells WM und die J/24 Nordamerika Meisterschaft gewonnen.

Den Bug in die Luft gestreckt. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

“Am ersten Tag der WM möchte man eigentlich nur ein paar Rennen haben, die Okay laufen. Aber diesmal haben sich die Dinge sehr gut  für uns entwickelt”, sagte Golison. “Es ist eine ziemlich starke Flotte, also sind wir sehr zufrieden mit dem Start der Regatta. Ich hasse es zwar, im Regen zu segeln, aber das ist eben eine Weltmeisterschaft – man darf sich davon nicht stören lassen.

Ich bin seit der ersten J/24-Weltmeisterschaft 1979 dabei, und dies ist die stärkste Flotte in Bezug auf die Qualität. Viele der Eigner segeln seit Jahren gegeneinander, und diese spektakulären Rennen in der riesigen Flotte sind ziemlich cool. Es sind die Besten der Besten in einer Onedesign-Kielboot-Klasse.”

Nicht immer ging alles glatt. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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