Knarrblog J/70 Worlds: Glitsch vor Marblehead – US-Flotte gegen Italiener

Mammut-Feld an einer Linie

Es geht los. Fünf Tage Weltmeisterschaft mit der J/70 in Marblehead/USA. 91 Schiffe aus 19 Nationen an einer Linie. Wir sind mächtig aufgeregt.

Das war also der erste Test mit dem Mammut-Feld. Eine Startlinie mit 91 Schiffen beim Practice Race. Wir sind eigentlich ziemlich gut weggekommen, ziemlich flott unterwegs gewesen und lagen schließlich ziemlich weit hinten.

Komisch. Was ist passiert? Etwas schwer, den Überblick zu halten an der fast einen Kilometer langen Linie. Es war ein Übungsrennen mit drei angesagten Übungsstarts, und Wind mit nahezu 20 Knoten. Dazu eine ordentliche Atlantik-Dünung einlaufend von offener See.

Vermutlich sind da einige zu früh losgesegelt – hoffen wir mal. So wie es sich bei Practice Races ja schon fast gehört. Ohne Frühstart-Risiko einfach losdüsen. Ist ja egal, wenn man disqualifiziert wird. Also gehen wir mal davon aus, dass die anderen alle zu früh los fuhren, und wir etwas brav waren.

Dünne Luft im Feld

Wie auch immer. Wenn das Gros des Feldes einer solchen Mega-Flotte vor einem herpendelt, wird die Luft mittendrin ziemlich dünn. Man spürt geradezu den verwirbelten Wind, der nur noch vermindert im Segel eintrifft. Und die Welle wird auch nicht gerade schöner.

Mal sehen, wie oft wir diese Situation in den nächsten fünf Tagen bei der WM aushalten müssen. Die Leistungsdichte scheint jedenfalls ziemlich hoch. Während aus Europa gerade einmal 13 Teams den Weg auf die andere Atlantik-Seite auf sich genommen haben, sparen die Amis bei der Ansage dieser WM am Eastern Yacht Club nicht mit Superlativen. Sie nennen sie jetzt schon eine der hochwertigsten Veranstaltungen im Segelsport aller Zeiten.

Gemach, gemach, aber die Amerikaner haben in dieser jungen Klasse, die seit 2014 weltweit mehr als 1700 der schnell angleitenden Sportboot-Klasse auf den Markt gebracht hat, eine führende Stellung. Drei US-Skipper konnten sich bei den vier WMs schon als Sieger feiern lassen. 

Heimspiel für den Top-Favoriten

Titelverteidiger ist Peter Duncan, der 2017 noch mit Jud Smith auf dem Vorschiff den Titel vor Porto Cervo holte. Diesmal steuert Smith als Vertreter des gastgebenden Clubs sein eigenes Schiff und tritt gegen Duncan an. Er gehört nach seinem Sieg bei einer der Vorregatten zu den Top-Favoriten.

Start zum Practice Race bei hoher Welle. © West Marine J/70 Worlds/photoboat.com

“Ich bin so aufgeregt, meinen Heimverein mit diesen Elite-Segler aus der ganzen Welt zu teilen”, sagte Jud Smith. “Der Wind im September sollte großartig sein – solange es keine Hurrikane gibt – und wir sollten einige wirklich schöne Rennen erleben.”

An der Spitze werden aber auch der amtierende J/70-Europameister Alberto Rossi und seine Tochter, die Europameisterin 2016 & 2017 Claudia Rossi erwartet, wie auch Vinzenco Onorato, der mit Paul Goodison und Flavio Favini unter der Flagge von Monaco antritt. Außerdem sollte zweimal die J/80-Weltmeister José Maria Torcida aus Spanien den Amerikaner Paroli bieten können. Er gewann immerhin schon das Practice Race.

Die gesamte Flotte musste sich drei Tage lang einer intensiven Vermessung stellen. Skandale, wie der vom Vorjahr, in dessen Folge sieben Skipper beim “Kiel-Doping” erwischt und spätere Sperren ausgesprochen wurden, sind diesmal ausgeblieben. Dabei wurde der Vermessungsvorgang noch einmal verfeinert. Möglicherweise hat die Klasse einen stabilen Weg gefunden, die strengen Onedesign-Regeln einzuhaten.

Marblehead

Gastgeber der Veranstaltung ist der 1870 gegründete Eastern Yacht Club, der am Marblehead Harbor residiert, einer Bucht, in der 1200 Mooring-Bojen überwiegend für Segelyachten vor Anker liegen. Im Laufe der Jahre hat sich der Club als einer der angesehensten Yachtclubs Amerikas etabliert.

Ein Besuch im Eastern Yacht Club ist ein Spaziergang durch die Geschichte des Segelns, von den glorreichen Tagen der riesigen Rennyachten bis hin zu den heutigen aktiven und wettbewerbsfähigen One-Designs. Er wurde im Jahr 2015 nach einem Brand umfassend renoviert. 

Die Stadt Marblehead selbst weist eine  vielfältige Geschichte auf. Die ersten Siedler waren Fischer und Seefahrer. Der Wohlstand der Stadt unmittelbar vor dem Revolutionskrieg basierte auf der Fischerei und dem überseeischen Atlantikhandel, was Marblehead zu einer florierenden Kolonialgemeinschaft machte.

1775 unterstützten wohlhabende Kaufleute die Amerikanische Revolution, indem sie Schiffe und Gelder für die Sache der Unabhängigkeit zur Verfügung stellten, und die Stadt schickte ein ganzes Regiment unter dem Kommando des Oberst, damals General John Glover, der von George Washington für seinen Mut und seine Fähigkeiten hoch angesehen wurde.

Die Fischindustrie der Stadt wurde durch die Revolution und später in einem verheerenden Sturm im Jahr 1846 dezimiert. Die Schuhherstellung ersetzte die Fischerei als führende Industrie der Stadt, bis sie 1877 und 1888 durch zwei große Brände zerstört wurde.

Ende der 1800er Jahre verwandelte das wachsende Interesse  am Sportsegeln und dem schönen Hafen die Stadt in einen Sommerurlaubsort, der wegen seiner kühlen Brise, seiner landschaftlichen Schönheit und seines malerischen historischen Charmes beliebt war. Heute ist Marblehead eine ganzjährige Wohnstadt.

Event Website J/70 Worlds

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „Knarrblog J/70 Worlds: Glitsch vor Marblehead – US-Flotte gegen Italiener“

  1. avatar Lyr sagt:

    toi toi toi

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

  2. avatar Jollenfuzzi sagt:

    wieso Mammutfeld ??? sind doch nur 91
    505er WM dieses Jahr waren es 130 und in einer Flotte
    und es gab auch schon WM´s mit 150 und sogar mal 171 Fiven in einer Flotte
    Dank cleverem Gatestart und ordentlichen reellen 1,5 Meilen Startkreuz und vernünftig langen Rennen von 75-90 Minuten alles kein Problem

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 4

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