Knarrblog Masters IDM: Zeit zurückdrehen auf der Plastik-Schüssel – Laser als Fitness-Tempel

Bis die Knie-Knorpel knacken

Toll! Kenterung 1. Rennen:

Am Montag bin ich im Netz über die Bilder der Laser Masters am Wittensee gestolpert. Sie machen Lust. Das wäre doch was. Ist die Zeit nicht mal wieder reif für einen spontanen Ausflug zur Meisterschaft in die alte Klasse? So wie zuletzt wie vor sieben Jahren.

Wolfgang Gerz und Roger Schulz (r.) im Zweikampf. © Boris Andratzek

In vier Tagen geht’s los. Kiel. Wow, das wird knapp. Aber das Wochenende ist doch frei.  Und hat nicht Kumpel Andreas sogar eine konkurrenzfähige Kiste in Schilksee stehen? Ob der sie hergibt?

Eigentlich ein bekloppter Plan. 100 plus 40 Euro Nachmeldegebühr kostet der Spaß für drei Tage. Und der Freitag als Arbeitstag muss organisiert werden. Aber auf der Meldeliste stehen so viele Namen aus der Vergangenheit. Wäre toll, sie mal wieder zu sehen. Das Gewicht sollte inzwischen für den Laser passen: 84 Kilogramm. Ob es wohl noch klappt mit dem Ausreiten? Wie ist’s beim Vorwindsegeln in der Welle?

Treiben im Rollator-Tempo

Ein Blick auf den Wetterbericht hätte das Spontan-Projekt noch kippen lassen. Bloß keine Flaute. Da macht der Laser einfach keinen Spaß. Der Neo juckt, die eingeklappten Gräten schmerzen, und die Plastik-Schüssel treibt nicht nur bei der Ü35ern im Rollator-Tempo vorwärts.

Schulz mit Annodazumal-Schwimmweste. Aber ich bin dran in Lee. © Boris Andratzek

Aber genauso kommt es am ersten Tag. Die Sonne spiegelt sich auf der Kieler Förde. Keine Chance zum Segeln. Irgendwie ist es auch egal. So bleibt genug Zeit zum Ratschen mit den alten Kumpels. Vor der Eisdiele in Schilksee bildet sich eine gemütliche Runde.

Einige Master haben sich inzwischen lokalen Trainingsgruppen angeschlossen: In Hamburg an der Elbe, Kiel, Bremerhaven und an vielen kleinen Seen in Deutschland treffen sich regelmäßig Lasersegler jenseits des 35-Jahre-Master-Limits. Das Plastik-Boot passt in die Zeit, wenn man es als komplexes Sportgerät definiert. Die Alternative zur Monatskarte im gestylten Fitness-Tempel.

Start 1. Rennen:

So sehen es viele Rückkehrer. Zum Beispiel Klaas Kuhlmann, ehemaliger Spitzensegler im FD aus Bremerhaven. Job und Familie fraßen immer mehr Zeit, selbst die eigene Fahrtenyacht wurde kaum noch bewegt, aber eine Truppe Gleichgesinnter brachte den Sport zurück in den Fokus. Der Laser ist so schön unkompliziert.

Laser als Konstante im Sportleben

Oder Kumpel Markus Ochs. Der Mann aus der Eifel ist beruflich von Kiel über Frankreich und die Schweiz nun in Amsterdam gelandet, viel auf Dienstreisen unterwegs, und sieht den Laser als Konstante in seinem Sportleben. Er nimmt regelmäßig an der Masters Euro-Serie teil, chartert das Sportgerät aber auch schon mal, wenn er in den USA weilt. Seit einiger Zeit trifft sich regelmäßig mit einer Gruppe Holländer auf einem kleinen See bei Amsterdam.

Funktioniert die Vorwind-Technik noch? © Boris Andratzek

Beeindruckend ist auch die Geschichte von Ü65 Great Grand Master Wolfgang Fuss. Er musste vor einigen Jahren am schleswigholsteinischen Wittensee mit Herzproblemen vom Laser gerettet werden, wurde operiert, unterzog sich danach einem konsequenten Fitnessprogramm, nahm gut 30 Kilo ab, und segelt nun in der Laser-Radial Kategorie in der Spitzengruppe mit. In Kiel landet er auf Rang sechs und isz bester Great Grand Master.

Kurzer Sieger-Flash mit Roger Schulz nach dem 1. Rennen

Vor einigen Jahren schon tauchte Roger Schulz sporadisch in der Masters-Szene auf. Der Wuppertaler von der Bevertalsperre segelte früher im Laser und Finn auf höchstem internationalen Niveau und errang prompt zweimal in Folge den nationalen Masters Titel. Die damals investierte Trainingszeit steckt immer noch im Körper.

Sein Timing ist wie damals: Schulz sitzt immer noch beim Frühstück, wenn die anderen schon auf die Bahn segeln. Aber er kann sich auf geniale Momente verlassen und kreuzt im ersten Rennen schon kurz nach dem Start das gesamte Feld. Auch der schräge Humor ist geblieben: Bei der Preisverteilung versucht er dem Sieger die Hose herunter zu ziehen. Der Mann macht Laune.

Siegerehrung: Schulz, Gerz, Spehr:

Auch Masters-Sprecher Ralf Marten, der seit vielen Jahren die Szene zusammenhält, mag von dem Schiff nicht lassen. Dabei hat er sich selbst den ultimativen Test auferlegt: Kann ein Laser noch Spaß machen angesichts der modernen Foiler-Konkurrenz? Er probierte am Gardasee beim Stickl Sportcamp die Einheitsmotte WASZP aus, hatte viel Spaß, ist aber dennoch zum vertrauten Sportgerät zurückgekehrt. Das wichtigste Argument: Die Einfachheit. Außerdem ist die Klassen-Familie ans Herz gewachsen.

Gerz gibt Gas

Wolfgang Gerz hat längst keine Zweifel mehr an der Wahl seines Segel-Untersatzes. Auch mit 64 Jahren ist der ehemalige Finn Dinghy Weltmeister noch das Maß der Dinge in der nationalen Ü35 Laser-Klasse. In diesem Jahr will er bei der Weltmeisterschaft in Split seinen dritten Masters-Titel in seiner Kategorie (Ü55) holen (SR Interview), ein Jahr bevor er mit 65 die nächste Altersstufe der Great Grand Masters erreicht. Das hat noch keiner geschafft.

Dafür gibt er noch mal richtig Gas, hat im Winter in Spanien trainiert, das Material gepimpt, schon das neuerdings erlaubte Kohlefaser-Masttopp aufgesteckt und den Trimm des neuen Radial-Segeldesigns für sich optimiert. In Kiel zeigt er Speed auch bei wenig Wind. Mit einem Punkt Vorsprung vor Schulz holt er seinen dritten nationalen Titel bei den Mastern.

Ob der Laser noch Spaß macht?

Mal sehen, wofür die eigene Fitness noch ausreicht. Endlich mal wieder hängen. Ob das richtig weh tut? Ob der alte Neo mit den zerschlissenen Ausreit-Pads unter dem Schenkel noch passt? Ob das Spiel mit den Wellen noch Spaß macht?

Der erste Eindruck ist stark. Das neue radial geschnittene Segel macht Spaß. Man muss nicht mehr diese hässliche Diagonal-Falte ertragen. Und mit den neuen Verstellmöglichkeiten ist plötzlich auch für Laser-Segler Trimm-Wissen relevant.

Wenn, ja wenn etwas Wind herrschen würde. Wie gemein ist das denn? Da hab ich mich auf drei actionreiche Tage gefreut, und dann wird es mit ziemlichem Gewürge nur ein einziger.

Ungemütlich und unterpowert

Lasersegeln bei Flaute beschert eigentlich nicht gerade die höchsten Gefühle. Das Schiffchen ist einfach ziemlich ungemütlich und unterpowert, wenn man nicht gerade zu den Leichtgewichten gehört. Ich erinnere mich noch, wie schwer es ist, eine einigermaßen entspannte Körperhaltung einzunehmen. Die Vorfreude hält sich deshalb in Grenzen, als  die niedergeholte Startverschiebung-Flagge am Fahnenmast das Auslaufen signalisiert.

Aber so schlimm ist es gar nicht. Beim Rausfahren Richtung Kiel Leuchtturm führt  jeder Windhauch zu einem Gefühl wie bei einem Raketenstart. Der Bug fängt an zu plätschern, das Schiff neigt sich sanft zur Seite, und der Körper gleicht die Bewegung automatisch durch Zurücklehnen aus.

Alleine mag das auf Dauer dennoch langweilig werden, aber Speed ist ja relativ.  Drumherum sind eben andere Boote. Es beginnt das uralte immer wieder spannende Spiel. Schaffe ich es, schneller zu sein? Wie erkenne ich die Bedürfnisse dieses Schiffchens? Was will es, damit es nicht so sehr an der Pinne zerrt, dass es sich sanft und flott über die Wellen hebt? Mehr Niederholer, Luvgewicht, Cunningham?

Zu viel Kielboot-Technik

Nun ja, im Wettrennen kommt auch noch die Starterei dazu. Das klappt noch nicht so gut. Man muss halt früher ran an die Linie und dort die Position verteidigen. In meiner Technik steckt noch zu viel Kielboot-Segelei drin: Mit Speed von hinten kommen. Aber das klappt nicht.

Dann hilft es auch nicht, wenn man bei fast Null Wind in der Wende kentert, zweimal die Luvtonne berührt, weil so ein Schiffchen dann eben doch nicht mit so viel Restfahrt wie ein Drachen ausgestattet ist, und bei den Vorwind-Halsen mit langer Schot fast aus dem Boot rutscht.

Zieleinlauf 1. Rennen:

Platz 6 im ersten Rennen ist ja schon ordentlich und vielversprechend. Aber ein Lerneffekt will sich nicht so richtig einstellen. Als dann der versuchte Pin-End Start zu einer Last-Minute Doppelwende, viel Geschrei und einigen Fast-Crashes führt und die vermeintliche Aufholjagd weit auf der falschen Seite endet, steht auch schon mal ein 24. im 42-Boot-Feld auf dem Tableau.

Lerneffekt im letzen Rennen

Aber dann. Im letzten Lauf scheint sich doch ein gewisser Lerneffekt einzustellen. Der Pin-End-Start funktioniert und resultiert in einen Top-Fünf-Platz an der Luvtonne. Eine gute zweite Kreuz mit vielen Wenden scheint den Rhythmus der Windschwankungen zu treffen, und plötzlich bin ich mit gutem Vorsprung erster an der Luvtonne.

Doch dem Hochgefühl folgt die Ernüchterung. Der Wind wird immer schwächer und ein ganzer Vorwindkurs steht noch bevor. Das Segel flappt ohne Druck in der Schwabbel-Welle. Man muss die Kiste weit nach Luv krängen, damit der Großbaum nach vorne fällt und das Segel offen bleibt, aber es bringt keinen Vortrieb.

Also Segel auf Raumschots-Stellung, die Kniescheiben auf den Cockpit-Rand stützen, um mit dem Körper Leegewicht zu erzeugen und jeden Windhauch zum vorsichtigen Aufrichten nutzen. Einen schlimmeren Modus gibt es nicht beim Lasersegeln. Die Knie-Knorpel knacken im Gleichklang mit der Ratsche des Fußblocks. Was für eine Quälerei.

Den Affen knapp vermieden

Man müsste eigentlich Abschießen, aber dieses vierte Tagesrennen ermöglicht die Meisterschaft-Wertung. Denn die Vorhersage für den nächsten Tag sieht noch schlimmer aus. Also durchhalten. Immerhin rutschen nur zwei Boote durch. Rang drei ist noch ein echter Talentplatz.

Rang zehn wird es in der Gesamtwertung. Dabei war noch jede Menge Glück dabei. Denn der 11. Platz wird mit einem Klassiker-“Pokal” ausgestattet, den keiner haben will. Ein riesiger Plüsch-Affe wird verteilt, und der Holländer Martijn Ozinga ist offenbar wohlweislich früher abgereist, um dem unhandlichen Urviech aus dem Weg zu gehen. Aber sein Club-Kollege, der viertplazierte Freek de Miranda hat sich erbarmt und er schleppt das Tier nun nach Amsterdam.

Freek muss den Platz-11-Affen für seinen Clubkollegen in Empfang nehmen und ist begeistert:

Das Fazit: Alles in allem eine schöne Erfahrung. Viele nette Menschen, tolle Stimmung, lockere Gespräche, Stegbier pünktlich kurz nach dem Abtakeln. Fehlte eigentlich nur der Wind. Aber wer weiß, wenn sich der Körper schon am nächsten Tag mit Muskelkater vom dauerhaften Verharren in der Krampfhocke meldet, wie mag er dann bei stärkerem Wind reagieren. Irgendwann muss ich das aber auch noch einmal ausprobieren.

Ergebnisse Laser Masters IDM 2017 Standard

Ergebnisse Laser Masters IDM 2017 Radial

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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