Knarrblog: Nach 20 Jahren wieder Kieler Woche – Im 30 Boote Feld auf Bahn Foxtrott

Der Stunt im Rigg

Wie lange das jetzt schon wieder her ist. Fast 20 Jahre? Endlich mal wieder Kieler Woche. Und zwar nicht als Berichterstatter oder Mitsegler, sondern selbst organisiert mit dem Lenker in der Hand.

Kieler Woche J/70

Das Spifall ist mit dem Vorstag verdreht. Klaas klettert in den Mast. © SegelReporter

Die J/70 Entwicklung hat das neue Interesse ausgelöst. In den Tagen vor dem Meldeschluss wanderte immer öfter ein Blick auf die Seite mit den Meldezahlen. 25 empfand ich so als kritische Masse. Ab dieser Flottengröße sollte es Spaß machen, hatte ich beschlossen.

Schließlich sind es 30 Boote als ich auf den Knopf drücke. Die Jungs aus unserem NRV Liga-Team sind schnell überzeugt. Mal wieder in einer größeren Flotte segeln, dazu bei Welle und Wind. Eine spannende Aussicht.

Mittelmann verchartert eine Liga J/70, die Segel kommen von der NRV J, und jetzt fehlt nur noch die Ausrüstung. Es geht ja raus auf See. Ich muss lernen, dass das offenbar gefährlicher ist, als wenn man sich mit Laser, 470er oder sonstwas auf See hinaus wagt.

Lange Liste

Eine lange Liste muss abgearbeitet werden. Anker, 40 Meter Leine, Rettungskragen, Erste-Hilfe-Kasten, Feuerlöscher. Was soll das bloß alles? Als ich dann noch einen 12 Kilo Motor auf der Orga-Liste sehe, erlischt die Lust langsam. Wo soll der jetzt herkommen?

Kieler Woche J/70

Ein haariger Stunt, ohne den wir wohl das erste Rennen verpasst hätten. © SegelReporter

Torqeedo hilft. Über ein paar Ecken bin ich per Facebook-Chat mit einem Mitarbeiter der Elektromotor-Spezialisten verbunden. Und der schickt prompt einen Quirl, den wir regelkonform unter Deck legen können. Puh, ich wollte schon den Notstopp für dieses Projekt betätigen.

Dazu muss sagen, dass ich durchaus etwas verwöhnt bin bei meiner Segelei. Die vielen Jahre in der Match Race Szene und aktuell der Bundesliga oder die lokalen Alster-Regatten im Drachen erfordern kein Boot mehr, das man am Hänger durch die Republik zerrt und per Kran bewegt.

Einfach Täschchen mit Segelsachen packen und zum Ort des Geschehens reisen. Spaßbremsende Orga-Arbeit fällt weg. Die Differenz zwischen Netto-Zeit auf dem Wasser und Brutto-Aufwand für Material und Aufbau ist auf ein wohltuendes Maß verringert.

Hantieren mit dem Power Otto

Eigentlich ist das eine sehr moderne Art des Segelns. Angepasst an die immer geringer werdende Zeit neben dem Job. Der Erfolg der Bundesliga hat auch mit diesem Prinzip zu tun, dass die Schiffe gestellt werden. Aufwendige Vorbereitung fällt weg.

Ungewohnt also, sich selber zu kümmern. Selbst die Auseinandersetzung mit dem Riggtrimm empfinde ich schon als Ungemach. Bei gestelltem Material darf man nichts verändern. Nun aber hantieren wir mit Power-Otto und Trimmtabellen  und versuchen, diesem ursprünglichen Teil des Rennsegelns wieder etwas abzugewinnen.

Kieler Woche J/70

Klaas schon in der Box bei seiner Lieblingsbeschäftigung. © SegelReporter

Prompt gehen wir etwas eingerostet in den Auftakt. Schon beim Auslaufen sind wir spät  dran. Bahn Foxtrott ist Meilen weit entfernt. So weit auf See war ich schon lange nicht mehr.

In der Hektik ist dann auch noch das Spifall irgendwie beim Aufbauen mit dem Vorstag verdreht. Wir bemerken es beim ersten Spi-Set hinter der Mole von Schilksee. Es geht nichts. Dieses Malheur sollte gleichbedeutend sein mit der Rückkehr zum Hafen, der Suche nach einem Mastenkran und dem Ausfall des ersten Rennens.

Stunt im Rigg

Aber ruckzuck hängt Klaas schon im Rigg, klettert am Kohle-Rohr empor wir beim Kokosnuss-Pflücken und versucht, das Fall zu klarieren. Ich bin etwas perplex, aber das machen die Jungs offenbar häufiger so.

Klaas Höpcke hat mit Taktiker Felix Oehme noch am Wochendende zuvor ein Match Race in Medemblik gewonnen. Und auch Florian Weser gehört zum erfolgreichen Duell-Team. Mit den Jungs könnte ich mich auch ohne Rettungskragen und Feuerlöscher auf Bahn Foxtrott dort draußen irgendwo hinter den Horizont wagen.

Das erste Rennen mit der J/70 bei Wellengang. Ich bin richtig aufgeregt. Wie fährt man diese Kiste über die Buckelpiste vor Wendtorf? Wie startet man in einem so großen Feld? Wie war das noch damals im Laser?

Die falsche rechte Seite

Kieler Woche J/70

Freitags abend ankommen, im Bus schlafen. So wie früher… © SegelReporter

Eigentlich kommen wir am Startschiff gut über die Linie. Aber dann sacken wir etwas auf das Leeboot herunter, müssen wegwenden, lassen uns viel zu weit auf die falsche rechte Seite drängen. Nicht schön bei einem krassen Linksdreher.  An der Luvtonne krebsen wir richtig weit hinten herum.

Viel geht da auch nicht mehr im dichten Feld. Die Jungs sind sich einig, dass das Rigg zu lose dasteht. Also nach dem Ziel mehr Spannung auf die Wanten. Aber ein besserer Start könnte auch helfen.

Da Pin End wäre hübsch. Aber es wird eng. Ich befürchte, das wird nichts. Drehe 30 Sekunden vor dem Start eine Halse und suche mit Wind von Backbord noch eine späte Lücke in der Phalanx. Aber da gibt es keine Nachzügler.

Parade hinter 20 Hecks

Kieler Woche J/70

NRV als Segelnummer macht sich nicht so gut beim Vermesser. © SegelReporter

Die Qualität der Flotte ist schon in dieser Anfangsphase der Entwicklung hoch. Erst nach der Passage von gut 20 Hecks kommt das Loch. Und wir sind wieder viel zu weit rechts, während links die Post abgeht.

Aber wir sind guter Dinge. Es läuft immer besser. Wir holen gut auf, auch wenn auf der letzten Vorwind-Strecke noch vier Boote verloren gehen. Definitiv sind wir mit dem härteren Trimm jetzt schneller.

Nun aber. Beim dritten Rennen kämpfe ich verbissen ums Pin End. Diesmal passt es. Platz drei an der Luvtonne, spannende Kämpfe mit dem Spanier und Schweden und ein schöner dritter Platz im Ziel. Wow, das hat richtig Spaß gemacht. One Design Segeln at it’s best.

Treffen, trimmen dösen

Kieler Woche J/70

Bei North Sails im Zelt, da werden sie geholfen. Die neue Nummer wird geklebt. © SegelReporter

So kann es weiter gehen. Tut es leider nicht. Flaute in Kiel am zweiten Tag. Viel Zeit zum Reden, treffen, trimmen und dösen. Ein Tag, an dem man wohl 10 kurze Liga Rennen hätte starten können, ist im klassischen Fleet-Modus schwer zu stemmen. Aber es soll besser werden am Montag.

Spannend, was da draußen auf der Bahn wieder passiert. Wird Star-Europameister Hubert Merkelbach mit seinem Liga Team aus Überlingen die überragende 1/1/4 Serie fortsetzen? Kann er den Schweden und Spanier in Schach halten? Wie wird der erwartete leichtere Wind das Feld durcheinander wirbeln? Es kribbelt…

Kieler Woche J/70

Das erste KiWo Frühstück am Bus, bevor die Polizei dann die ersten Knöllchen verteilt. © SegelReporter

Ergebnisse Kieler Woche German Open J/70

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Carsten Kemmling

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3 Kommentare zu „Knarrblog: Nach 20 Jahren wieder Kieler Woche – Im 30 Boote Feld auf Bahn Foxtrott“

  1. avatar klaas fan sagt:

    Jeder sollte einen Klaas haben! Aber es gibt nur einen HAHA!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar Manfred sagt:

    Schöne neue Zeit?
    Erst bauen die Eltern den Opti auf. Dann der Trainer den 4zwo und nachher irgendwelche Hiwis die BuLi und die Match Race Boote. Kann man nur hoffen, dass die auch genug verdienen für den Job des trailerns, riggen, trimmen, putzen und das ganze wieder rückwärts.
    Ich hoffe, ihr hattet trotzdem Spass!
    smooth sailing!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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