Knarrblog: Perfekte Match Race Arena unter dem Plöner Schloss – Gurgel holt den Titel

Ein fieser Pfiff

Deutsche Match Race Meisterschaft

Das Finale unter dem Schloss von Plön. © Hans Vogler

Max Gurgel hat mit seinem Team die Deutsche Meisterschaft im Match Race gewonnen. Nach einem intensiven Schlagabtausch verlor das SegelReporter Team mit 1:3. Was für eine Schlacht.

Die Schiedsrichter zögern keine Sekunde. Max wedelt mit der rotgelben Protestfahne, ein lauter Pfiff, und zack flattert eine zweite blaue Flagge auf dem Motorboot. Game Over! Es ist der zweite Penalty für uns im Finalrennen der Deutschen Match Race Meisterschaft. Er muss sofort gedreht werden.

Die Gegner rauschen vorbei. Max Gurgel holt mit seiner Crew Daniel Zenker, Thorben Strube und Robin Zinkmann den entscheidenden Punkt zum 3:1. Die Jungs vom Hamburger Segel-Club sind verdiente Deutsche Meister.

Wow, was für eine Schlacht. Der Große Plöner See präsentiert zum Höhepunkt der dreitägigen Duell-Regatta unglaubliche Bedingungen. Kurze Hosen-Wetter Ende September und Schaumkronen direkt unter dem Schloss Plön, das glänzend weiß, erhaben über den Baumwipfeln thront.

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Das HSC-Team freut sich über den ersten Match-Race-Titel. © Hans Vogler

Am ersten Tag steht es dem Wind noch im Weg. Bei westlicher Richtung muss man sich mit den Schlossgeistern gut stellen, um im richtigen Moment das richtige Lüftchen ins Segel gehaucht zu bekommen. Aber schließlich zeigt sich Rasmus einsichtig. Es geht schließlich um eine Meisterschaft. Er positioniert sich südöstlich, und so können die Match-Race-Starts direkt vor der Terrasse des Restaurants Seeprinz über die Bühne gehen.

Was für eine Arena! Organisator Lars Hückstädt hat mit den Helfern vom Plöner Segler-Verein um Wettfahrtleiter Nicolaus von Buddenbrock ein Spielfeld aufgebaut, das sich so perfekt wohl noch nie in Deutschland für einen Duell-Grand Prix eignete.

Der Live-Kommentar auf der Café-Terrasse lockt zahlreiche Zuschauer zum Segeln-Gucken bei Kaffee und Kuchen. Und die Aktiven sind begeistert von der Flotte der vier Hunter 707 Kielyachten ausgerüstet mit neuen Doyle-Tüchern. Kein Team kann einen Speed-Unterschied zwischen den Booten ausmachen, und das ist nicht selbstverständlich.

Schnapsidee

Gott sei Dank haben wir diesen Ausflug überhaupt gemacht. Denn eigentlich ist es eine Schnapsidee. Mit der alten Gang mal wieder ein wenig Matchen. Dank einer Wildcard dürfen wir starten. Aber letzte ernsthafte Duell-Saison liegt gut sieben Jahre zurück. Da waren wir stolz auf einen Top-25-Platz in der Weltrangliste und vier Deutsche Meister-Titel. Würden die alten Reflexe noch funktionieren?

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Duell im dritten Finalrennen. Wir rutschen in Luv an Max vorbei kassieren danach aber einen Pen. © Hans Vogler

Als Georg kurz vor dem Event absagen muss, ist das Thema eigentlich durch. Aber Steini will trotzdem aus Duisburg kommen und seinen Platz auf dem Vorschiff einnehmen. Wer lässt sich neben Spi-Trimmer Sven Gauter so kurzfristig noch auf das Schiff lotsen?

Cal Conroy, Mittzwanziger aus Neuseeland, Student in Berlin, 94 Kilo, Youth Match Race  Rigger beim TP52 Gladiator-Team sitzt plötzlich an der Großschot. Seine Freundin Luisa segelt auch in Plön. Ich hatte die Absage schon per Mail formuliert, da ergab sich die neue Konstellation.

Kiwi-Trojaner

Etwas eingerostet fühlen sich die ersten Tänzchen in der Startbox an. Aber irgendwie sammeln wir Punkt um Punkt. Ungewohnt, die ganze Zeit auf Englisch reden zu müssen, aber es hört sich bestimmt mega professionell an.

Cal ist ein klasse Typ. Keiner dieser Kiwi-Trojaner – wie ein Freund sie nennt – vor denen sich die Profi-Szene fürchtet. Sie infiltrieren große Profi-Big-Boat-Projekte und beißen dann langsam aber sicher die bezahlten nicht-Kiwis weg, indem sie dem Eigner überzeugen, dass Neuseeländer von Geburt an bessere Segler sind.

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Maximales Ausreiten bei Traumbedingungen auf dem SR-Boot. Wir gewinnen die Round Robin. © Hans Vogler

Wir gewinnen tatsächlich die jeder-gegen-jeden Runde, dürfen uns den Gegner aus den Top vier aussuchen, und schaffen es auch, ein spannendes Halfinale mit 2:0 zu überstehen. Es ist ein enges Match gegen Mathias Rebholz und seine Crew vom Konstanzer Yacht Club. Wendeduelle von Beginn an. Ein kleiner Vorteil am Start reicht jeweils für knappe Siege.

Ein harter Brocken

Dann das Finale. Max Gurgel ist mit seinem Team auch schon 13 Jahre im Geschäft, in dieser Saison mit dem Hamburger Segel-Club von der zweiten in die erste Bundesliga aufgestiegen, 2014 Meister der Meister geworden und in diesem Jahr zum vierten Mal ORC Seesegel-Meister. Ein harter Brocken.

In der Vorrunde können wir das direkte Duell bei wenig Wind noch gewinnen, aber meine Starts werden nicht gerade besser. Wie war das noch mit dem Positionieren und Kreiseln und überhaupt, mit den Regeln?

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Enger Zweikampf mit der Gurgel-Crew (r.) im Finale. © Hans Vogler

Der holländische Chief Umpire Jos Spijkerman hat mir bei der Steuermannsbesprechung noch die neuen Match-Race-Rahmenbedingungen erklärt, die inzwischen eingeführt worden sind. Die sogenannten Test-Rules  werden immer öfter angewendet.

Dabei geht es insbesondere darum, dass Regel 17 gestrichen ist. Man darf also von hinten in die Lee-Überlappung segeln, muss nicht den Proper Course beibehalten und erhält sofort Luvrecht. Und dann war da auch noch was mit der Regel 18 in der Zone um die Bahnmarken. Einigermaßen verstanden habe ich es, aber im Hirn verankert ist der Fall noch nicht.

Verdiente Strafe

Das zeigt sich in diesem verflixten vierten Rennen im Finale. 2:1 liegen wir hinten. Ich sammle immer mehr Penaltys ein. Das dritte Rennen zuvor geht verloren, als ich im engen Zweikampf überholen will. Die alten Muster sitzen nicht besonders gut. Eine verdiente Strafe am Leetor führt zur zweiten Niederlage.

Dann eben im nächsten Rennen. Aber zack, schon beim ersten Aufeinandertreffen will ich zu forsch am Gegner vorbei. Unforced Error. Ein Pfiff vom Schiri-Boot, eine blaue Flagge, wir müssen im Verlauf des Rennens einen Strafkreis drehen. Mist!

Aber so ein Penalty ist schnell zu beheben. Wenn nur nicht der Start auch noch in die Hose gehen würde. Die Layline zum Pin End falsch eingeschätzt, Max versperrt geschickt den Weg für eine Wende, wir liegen hinten.

Schweißperlen auf der Stirn

Jetzt ist echte Arbeit gefragt. Der Wind hat mächtig aufgefrischt. Wende um Wende zirkeln wir in das klare Plöner Wasser, um die Gegner müde zu machen. Aber auch Sven muss sich mächtig strecken an der Fockschot, Peter schlängelt sich vor dem Mast vorbei, Cal reißt die Großschot dicht und selbst mir rinnen beim eigentlich geruhsamen Job am Lenker Schweißperlen über die Stirn.

Die Arbeit lohnt sich. An der Luvtonne hängen wir wieder am Heck. Voller Druck auf den Spischoten, überfiert ins Lee reinfahren, das Schiff pendelt nach Luv, bloß nicht aus dem Ruder laufen. Hier könnte man bestimmt was machen, um den Penalty loszuwerden. Überlappung für ein Luvkämpfchen herstellen, oder so. Vielleicht den Gegner am Leetor vorbeischieben?

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Nach der Luvtonne im letzten Rennen. Wier hängen am Heck. © Hans Vogler

Aber die offene Strafe ist im Eifer des Gefechts längst vergessen. Ich bin stolz, dass wir tatsächlich vor dem Wind vorbei rutschen und tatsächlich die Führung übernehmen. Es macht einfach unglaublich viel Spaß. Adrenalin pumpt durch die Adern, Wasser spritzt, Segel flattern, und wir liegen endlich wieder vorne.

Wir müssen in den Infight

Plötzlich die Erkenntnis, dass wir ja noch etwas tun müssen. Der Penalty aus dem Vorstart ist immer noch nicht weg. Reicht der Vorsprung, um den Strafkreis zu drehen? Soll ich den Vorwindkurs abwarten? Verdammt, Max hängt zu nah am Heck. Wir müssen in den Infight, ihm eine Strafe anhängen, die unsere egalisiert, oder Mitten in Getümmel beim Luvduell unseren Kreis drehen.

Aber es dreht sich nur im Kopf statt auf dem Wasser. Wie ging das noch mit dem Infight? Da war ich nie gut? Versuchen wir es an der Luvtonne? Das funktionierte sonst immer am Besten. Innenposition erkämpfen und dann in den Wind stellen. Vielleicht treibt er auf uns drauf.

Verdammt, wie blöd! Die neuen Regeln verbieten das ja. Ich hab’s vergessen. Der Reflex steckt irgendwie zu tief drin in der Birne. Es ist zu spät. Der fiese Pfiff ertönt. Game over. Wie ärgerlich.

Deutsche Match Race Meisterschaft

So ähnlich war die Situation, die zum Aus führte. Gelb muss laut Test-Rules neuerdings den normalen Kurs um die Tonne steuern, wenn es zuerst im Zweilängenkreis war.

Wir sind an die Grenzen gestoßen. Die Niederlage fühlt sich nicht gut an, ist aber eigentlich auch Okay so. Unsere Gegner haben besser gesegelt, waren besser vorbereitet und haben verdient gewonnen.

Schachspiel auf den Wasser

Was ich schon fast vergessen hatte: der Spaß, den diese Art des Schachspiels auf dem Wasser macht. Die Rennen sind kurz und knackig, die gesamte Crew ist bis zum Anschlag gefordert und Lars Hückstädt hat mit seinem Team eine unglaubliche Regatta auf die Beine gestellt.

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Die Veranstalter haben eine Deutschland-Flagge für die neuen Meister parat. © Hans Vogler

400 Euro Startgeld, einen Hunni für jeden, drei Tage Vollverpflegung, Party am Abend, freies Wohnen bei Friends and Family, so etwas habe ich noch nicht erlebt. Es ist zu schade, dass nicht mehr Vereine die Möglichkeiten des Match Races begreifen.

Es muss ja nicht immer so aufwändig sein, wie bei der Meisterschaft. Zwei gleiche Boote reichen aus, um Spaß zu haben und die Basis für erfolgreiches Segeln in allen Klassen zu generieren und sich besonders für Auftritte in der Segel-Bundesliga vorzubereiten.

Angebot an die Junioren

Die Bilanz des Plöner Segler-Vereins zeigt es: Er hat mit dem Angebot des Duellsegelns auf den vier Hunter 707 Booten die Mitgliedschaft im Jugend- und Junioren-Bereich deutlich erhöht. Die Plöner stellten jetzt sogar eines der sechs Nord-Teams, das die Qualifikation für das Finale der neuen Junioren Segel-Liga bestritten hat.

Und auch die Teams vom Bodensee, die die Plätze drei bis fünf belegen, halten sich beim Matchen für die Liga fit. Der Konstanzer Yacht-Club bildet mit Felix Schrimper (5.) und Adrian Maier-Ring (4.) gleich zwei junge Skipper aus, die den KYC in dieser Saison als sechste der Zweiten Liga in die Relegation geschafft haben.

Auch für das Gurgel-Team ist es ein schöner Boost im Hinblick auf die nächste Erstliga-Saison. Schließlich hat im vergangenen Jahr das zweite HSC-Team um Steuerfrau Silke Basedow (ex Hahlbrock) den Match-Race-Titel gewonnen. Da drängt ein wirklich starker Club in die oberste Liga Etage.

Kleiner Wehrmutstropfen für Max Gurgel: Die Meisterschaft der Meister am Heimatverein an der Alster, für die er sich in Plön qualifiziert hat, fällt in diesem Jahr erstmalig aus.

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Die Sieger erhalten den goldenen Heizköper als Trophäe. © Hans Vogler

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Die drei topplazierten Teams bei der Deutschen Match Race Meisterschaft in Plön. © Hans Vogler

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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