Knarrblog Segel-Bundesliga: Mit dem WVH beim Finale – Enttäuschender Saison-Abschluss

Orientierung verloren

Das menschliche Gehirn ist gnädig. Die fiesen Momente verblassen, die schönen gewinnen Konturen. Was war da noch an diesem ersten Donnerstag-Renntag beim Liga-Finale? Viel, viel Regen und ein schöner Sieg im letzten Lauf. Am Freitag? Hmm, aus dem Kopf gelöscht. Samstag? Die Serie 2/1/1/2. Sonne, Wind, Highspeed-Segeln, Glitschen und dieses schöne Überholmanöver kurz vor dem Ziel.

WVH in Aktion bei Ekelwetter am ersten Finaltag. Max Billerbeck (r) und Daniel Labhart bei der Arbeit. © Lars Wehrmann / DSBL

Wenn da nur nicht diese schrecklichen Zahlen wären. Platz 11 beim letzten von fünf Spieltagen der Segel-Bundesliga. Absturz in der Tabelle von drei auf sieben. Nach dem Vize-Meistertitel 2019 nun sogar den Champions-League-Platz vier verpasst.

So schwirren ungebeten dann doch auch die verzichtbaren Erinnerungsfetzen durch die Birne. Etwa dieser Moment, als uns hartnäckig die Luvtonne verfolgt und schließlich erwischt. Der Kiel hängt am Ankergeschirr – so wie es der armen Silke im Helga-Cup-Finale passiert ist. Oder von dem doofen Landraum-Penalty im vierten Rennen kurz nach dem Start, bei dem ich mich ziemlich blöd anstelle.

Gaaanz intensiv auch das Gefühl, nach einem ordentlichen Pin-End-Start weit, weit links von einem Rechtsdreher erwischt zu werden und die angepeilte Aufholjagd des zweiten Tages mit einem letzten Platz zu starten.

Sehr hässlich der Moment, im Startgetümmel einen Angreifer zu übersehen, dem Sekunden vor dem Schuss die Lee-Überlappung gelingt, was bei uns zu Frühstart und Penalty führt.

Falsch abgebogen

Sehr lustig auch der Move im siebten Rennen, als ich einmal mehr die Orientierung verliere – wir mit gutem Vorsprung als Führende um die Luvtonne gehen, ich nach einem stärkeren Linksdreher das Leetor auf spitzem Kurs anpeile, Spitrimmer Eike schreit, ich solle abfallen, weil er den Kite viel zu dicht nehmen muss, ich zurück schreie, das Gate liege eben so hoch – und dann bemerke, dass ich den Kurs der zweiten Liga nebenan anpeile – oh Gott!

Oh Mann: Mal kurz aus führender Position (grün) Richtung Zweitliga-Kurs abgebogen

Im elften Rennen kommt’s auch noch mal richtig dicke. Als wir schon mächtig unter Druck stehen, steigere ich das Risiko. Unbewusst. Ein Anfänger-Fehler, von links an die Luvtonne zu kommen, wenn das Feld noch eng zusammen ist. Aber dieser Linksdreher ist zu schön. Kann doch mal klappen, noch auf den zweiten Platz vorzuflutschen.

Noch mal kurz an der Luvtonne durchflutschen? …

…Von wegen. Zu knapp!

Nicht bei dieser Regatta. Der Cross ist zu knapp (Szene im Video). Penalty. Rang sechs. Das Risiko-Management ist völlig aus den Fugen geraten. Vorletzter Platz auch in der Gesamtwertung.

Insgesamt sammeln sich auf diese Weise in den 16 Rennen drei letzte und zwei vorletzte Plätze an. Damit kann man vorne nicht punkten.

Die vier schönen Rennen am letzten Tag sind immerhin Balsam auf die Seele. Warum klappt’s jetzt plötzlich? Weil der Wind stärker ist? Die Sonne gute Laune macht? Wir erst nach zwei Tagen besser im neuen Team zusammenarbeiten? Weil eh schon alles verloren ist? Oder weil uns das Bremer Fernsehen an diesem Tag begleitet, sich auch wieder der Weser Kurier interessiert, und wir uns irgendwie als Segelsport-Botschafter fühlen – Irgendwas davon wird’s sein.

(Zum Radio-Bremen-Beitrag auf Bild klicken)

Am Ende steht eine erstaunliche Saison 2020. So unterschiedlich wie an den drei Tagen in Hamburg lief’s für uns im gesamten Jahr. Wir haben im Corona-Jahr das WVH-Team um zwei Personen erweitert und zehn Segler eingesetzt. So viele wie noch nie. Nur so konnten wir alle Rennen inklusive Champions-League-Quali bestreiten – zuletzt im 14-Tage-Rhythmus.

Frische Luft und wenig Kontakt

Aber es hat wieder einmal Spaß gemacht. Während andere Klassen lange Corona-Pausen einlegen, hat sich die Segel-Bundesliga schnellstens an die Bedingungen angepasst. Und bewiesen, dass man mit diesem Format die Ansteckungsgefahr minimieren kann. Viel frische Luft und wenige Kontakte an Land.

Zwar mussten die Süd-Vereine leiden, weil dort die organisatorischen Schwierigkeiten größer waren, als in anderen Bundesländern, die Rennen dort ausfielen und nach Kiel verlegt wurden, doch auch sie waren froh überhaupt segeln zu dürfen.

Und mit zwei Süd-Clubs unter den Topp fünf scheint auch die Leistung nicht gelitten zu haben. Corona hat jedenfalls auch dazu geführt, dass bei einigen Vereinen – teilweise aus der Not – Junioren-Teams in die Bresche springen mussten, und überzeugen konnten.

Platz zwei für die jungen Aufsteiger von ONEKiel ist dabei keine Überraschung, sehr wohl aber die Spieltagsiege der jungen Münchener Crew in Kiel, von Fanny Popken für den VSaW in Berlin, oder Platz zwei des Bayerischen Yacht-Clubs in Hamburg.

Im nächsten Jahr kommt mit dem Bodensee Yacht-Club Überlingen ein weiterer starker Verein aus der zweiten Liga dazu, der breit aufgestellt ist und viele junge Segler dabei hat. Die Qualität der Segel-Bundesliga hat jedenfalls auch im Corona-Jahr alles andere als gelitten.

Aber neues Spiel, neues Glück. Ab Donnerstag wird in Porto Cervo um das Champions League-Finale gesegelt. Eigentlich sollte/wollte ich nicht. Doch individuelle berufliche Corona-Probleme haben unsere Optionen im WVH-Team ausgdünnt. Wir mussten ordentlich würfeln, um eine Crew an den Start zu bekommen. Mal sehen was in Sardinien so geht. Es sollen tatsächlich 27 Teams aus 14 Nationen am Start sein. Selbst die Russen kommen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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