Knarrblog Segel-Bundesliga: Von Alphatieren und einem Dalmatiner – Mit dem WVH in Kiel

Kompetenzgerangel

Wir starten etwas zusammengewürfelt für den WVH beim Liga-Spieltag in Kiel mit zwei Steuerleuten und drei Taktikern. Wie sich die drei Tage an Bord entwickeln.

WVH, Hemelingen

Beim Training ist sich die WVH Afterguard noch nicht einig, wer das Steuer übernehmen soll. © Tjorben Wittor

Es sollte mein zweiter Einsatz in dieser Bundesliga-Saison an der Pinne des WVH sein. Der erste war eigentlich ganz ordentlich verlaufen mit dem Sieg in Tutzing. Dennoch dünnt sich der Kreis der möglichen Mitsegler immer mehr aus, je näher der Termin des fünften Spieltages in Kiel rückt. Vielleicht doch irgendwie daneben benommen?

Die Jungs beruhigen mich. Es geht tatsächlich um berufliche Verpflichtungen. Manche Menschen müssen dann doch schon mal freitags arbeiten statt segeln. Und hinter dem Kernteam liegt eine längere Belastung mit dem Spieltag in Berlin und dem direkt folgenden Champions League Finale in St. Moritz.

So bleibt eine ungewöhnliche Lösung. Jan will die Taktiker-Position bekleiden, Björn die Vorschot übernehmen. J/70-Neuland für die beiden langjährigen Freunde, auch wenn sie durch eine gemeinsame Zeit im Piraten verbunden sind.  Ein gewagter Plan.

Interview mit dem neuen WVH-Team:

Immerhin sorgt Tjorben für Stabilität auf dem Vorschiff. Er hat sich in dieser Saison wieder für den WVH aufgeopfert – war bei jedem Rennen an Bord, hebt das Niveau beim Umgang mit dem großen Vorsegel und senkt als Mittzwanziger ordentlich den Altersdurchschnitt.

Sonntag früh Training auf der Weser

Mal sehen, wie ich da reinpasse. Ein Training Sonntag früh auf der Weser um 8:30 muss ausreichen, um zu entscheiden, dass wir es so versuchen wollen. Zwei Stunden Manöver kloppen und pünktlich um 11 wieder zurück zum Frühstück in Hamburg – so kann man auch noch bei der Familie punkten.

Der Donnerstag ist nochmal wichtig. Vor-Ort-Training auf der Kieler Innenförde, dem Liga-Revier für den fünften Spieltag. Seit Anfang Juni habe ich keine J/70-Pinne mehr in der Hand gehalten, geschweige denn einen Start gesteuert. Kommt man da ohne Probleme wieder rein?

Der WVH in Aktion auf der Kieler Innenförde.© DSBL/ Lars Wehrmann

Bekommen wir die Kommunikation auf das nötige Niveau? Wie unterscheiden sich unsere Segelstile? Beide sind offenbar erfolgreich. Lassen sich die Stärken addieren, oder zieht man sich gegenseitig runter? Wie funktionieren wir als Einheit, wenn es zum realen Wettkampf-Stress kommt?

Mega spannend, mit neuer Crew zu segeln. Teambuilding in kürzester Zeit, quasi unter Laborbedingungen. Psychologen müssten beim Erforschen der Abläufen in solch einem Mikrokosmos ihre Freude haben. Ich liebe es.

Abstimmung zwischen Steuermann und Taktiker

Schließlich gibt es so viele Variationen bei der Abstimmung allein zwischen Steuermann und Taktiker. Bei eingespielten Profi-Teams hat der Taktiker oft das letzte Wort und entscheidet über den Zeitpunkt der Halse oder Wende. Klappt das auch in der Hektik von zwölfminütigen Liga-Rennen?

Klappt das bei stark drehendem Wind, wenn man so schnell wie möglich mit einem Manöver reagieren muss? Wieviele Entscheidungen kann der Steuermann aus der Hand geben, ohne das Gespür für die Intuition zu verlieren? Wie sehr darf er selber den Blick von den Steuerfäden in der Fock auf dem Wasser lenken? Wie sehr leidet der Speed unter dem Herumgucken?

Welche Informationen der Crew sind hilfreich, welche sorgen eher für einen Stau in der Birne? Wer ist beleidigt, wenn ich eine Wende offensichtlich im Dissens ausführe? Traue ich mich, dem Bauchgefühl zu folgen und eine Entscheidung trotz Dissens zu treffen? Bin ich lieber darauf bedacht, gute Stimmung durch Konsens zu bewahren?

Brennende Fragen

Das Training zwischen Schwentine-Mündung und Kiellinie bringt wenige Antworten auf die brennenden Fragen. Aber immerhin helfen ein paar Gegner beim Proben der eingerosteten Start-Abläufe. Es klappt längst nicht alles beim Start-Timing, und ich meine schon, besorgte Blicke an Bord zu spüren.

Doch der Tag hätte auch schlechter laufen können. Wie beim NRV und den Düsseldorfern, die direkt nebenan auf eine uns unbekannte Unterwasser-Spuntwand krachen und für Hektik bei den Organisatoren sorgten. Beide Boote müssen in der Nacht aufwendig repariert werden. Puh, das hätte uns auch passieren können.

Strahlender Sonnenschein und guter Wind am ersten Renntag. Es kribbelt immer so schön vor den ersten wichtigen Rennen. Ich mag dieses Gefühl. Dann noch mit guten Typen zusammen auf einem Boot – ich nehme mir immer vor, diese Atmosphäre bewusst zu genießen. Es ist oft zu schnell vorbei, wenn die ersten Ergebnisse die Stimmungslage künstlich verändern.

Objektiv verändert sich ja nichts. Man spürt den Pinnenausleger zwischen zwei Fingern, die Schot knarzt im Block, das Schiff meldet jeden Windhauch mit leichter Krängung zurück, die tänzelnden Windfäden in der Fock lassen Rasmus’ Rhythmus erahnen. Die Nähe zu den Elementen macht ein gutes Gefühl.

Die Jungs wollen helfen

Die Euphorie hält immer bis zu den ersten Rennen. Und diesmal überdauert sie die ersten Ergebnisse. Meine Starts fühlen sich längst nicht an, wie erhofft, aber danach kommen wir jeweils gut über den Parcours. Ein paar starke Calls von Jan auf dem Vorwindkurs, und wir beginnen die Serie mit einer ordentlichen Drei-Drei-Zwo.

Die Jungs wollen mir helfen bei der Starterei. Aber ich weiß, dass es nicht klappen wird,  auf die Schnelle das Basis-System umzuwerfen. Ich muss da durch, mein Ding machen, aber den Ansagen zum Abstand zur Linie vertrauen.

Vielleicht muss die Erkenntnis etwas sacken. Immerhin läuft der zweite Tag in punkto Starts deutlich besser. Wir starten mit einem Sieg. Aber das wäre alles zu einfach. Und prompt kommt das Desaster-Rennen. Ordentliche Position um Rang drei nach dem Start, kurze Wende nach rechts, wo gleich bestimmt der Rechtsdreher wieder aus der Ecke kommt. Den Touring Yacht-Club deutlich achteraus durchgewunken – Stillstand. Nichts geht mehr.

Und links zieht das Feld vorbei. Die Kollegen sind längst am Leetor, als wir den Gennaker hissen. Was für eine krachende Niederlage. Zu viel gewollt, zu wenig gesichert. So gibt man Liga-Rennen auf die Schnelle aus der Hand.

Jan rauft sich die Haare

In solchen Momenten wird es brenzlig in einer neuen Crew. Gibt es Vorwürfe? Wer trägt die Schuld? Hat es jemand besser gewusst? Ein wichtiger Moment. Mund abwischen, weiter geht’s. Prompt folgt der nächste Sieg.

Mir wird klar, dass wir hier mehr reißen können, als zuvor vielleicht erwartet. Die Serie wird immer stabiler. Dabei hakt es noch beim Feintuning. Es geht um Formulierungen. Der Call „Halse“ ist mir zu dominant. Und bei „wir könnten jetzt halsen“ checke ich nicht, dass nur Höflichkeit die ultimative Notwendigkeit überdeckt. Ich bin auch eine schwierige Type, wenn solche Nuancen einen Unterschied ausmachen. Jan rauft sich die Haare.

Wenn er denn nicht gerade über den nächsten blauen Fleck jammert, der ihm von dieser beknackten Winsch zugefügt wurde. Wer dieses Folterinstrument auf der J/70 zu verantworten hat, gehört selber gepiesackt. Ich habe noch von keinem J/70 Segler gehört, der sie benutzt hat. Dafür weiß ich selber nur zu gut um die Schmerzen, die das gemeine schwarze Drehding auf der Taktiker-Position verursacht. Mir ist schon schwarz vor Augen geworden, beim Sprung nach Luv, wenn es wieder einmal die Kronjuwelen erwischt hat.

Quälgeist an Deck

Auf unserem für Klassenregatten optimierten Boot ist das Teil unter einer Kohlfaser-Kuppel verborgen. Es gibt Teams, die den Quälgeist in frühen Tagen der J/70 unter Deck angeschraubt hatten. Das sollte der Regel entsprechen, dass sie an Bord sein muss – ist allerdings inzwischen explizit verboten. Die dänische Liga hat neuerdings reagiert, und die Teile ganz von Bord verbannt.

Ich habe jedenfalls ein schlechtes Gewissen, den armen Jan leiden zu sehen. Er beißt die Zähne zusammen. Wie auch Björn in der ungewohnten Focktrimmer-Position. Wenn ich mal wieder die Kiste in Laser-Manier in die Wende schmeiße, um auf einen der vielen unerwarteten Innenförde-Extrem-Dreher zu reagieren, bleibt nicht viel Zeit, aus der Position an der Reling zu rutschen und die Fockschot mitzunehmen. Er liegt schon mal wie ein Käfer auf dem Rücken und schafft es doch noch, das Vorsegel nicht flattern zu lassen.

Wir halten uns stabil in der Spitzengruppe. Und als wir den dritten Tag mit einem Sieg eröffnen, ist plötzlich alles möglich. Die Absprachen werden besser, wie auch das Vertrauen zueinander. Ich fange mir noch einen so verdienten wie unnötigen Penalty ein, aber die Jungs bringen uns wieder zurück auf Rang vier. Das sind die wichtigen Punkte.

Direktes Duell, oder nicht?

Am Ende kommt es wieder einmal auf den letzen Flight an. Wir haben aus der Spitzengruppe nur den Klub am Rupenhorn in unserem Rennen. Die Berliner segeln eine sensationelle Serie in Kiel. Aber sie dürfen ruhig einen Platz besser sein und lägen in der Gesamtwertung trotzdem achteraus. Eigentlich eine gute Situation für ein direktes Duell. Das Podium wäre sicher. Aber dafür können noch drei andere Teams in den ausstehenden Läufen punkten.

Wir sollten also durchaus vorne segeln, um eine Chance auf den Sieg zu haben. Es ist offenbar die falsche Entscheidung. Zu viel vermeintliche Sicherheit beim Start, zu spät erkannt, dass die Berliner eine gute Möglichkeit zum Angriff bieten, und dann reicht Rang vier im letzten Rennen nicht.

Ein Punkt fehlt zum Sieg. Punktgleich mit dem VSaW und Rupenhorn werden wir Vierte. Holzmedaille – aber eigentlich fühlt es sich ganz gut an. Erstaunlich, wie wir uns in den drei Tagen entwickelt haben. Wenn da nur nicht dieses Bild von Jan’s malträtiertem Bein im Kopf bliebe. Wie ein Dalmatiner…

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog Segel-Bundesliga: Von Alphatieren und einem Dalmatiner – Mit dem WVH in Kiel“

  1. avatar MAUERSEGLER sagt:

    …wie schnell kommst Du denn von HB nach HH? Transrapid oder nicht beim Abbauen geholfen?! 😉

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