Knarrblog: Sonnenschüsse auf der eisigen Alster – Zweimal auf den Bart gelegt

Aus der Kurve geflogen

Da wollte Mister Oberschlau eine Abkürzung nehmen. Bei eisigen Bedingungen und Mega-Hack auf der Alster keine gute Idee. Dem ersten Sonnenschuss folgt ein zweiter auf der Ziellinie.

“Wollen wir die linke Tonne nehmen? Ist das einfachere Manöver.” Markus hat natürlich Recht. Schließlich liegen wir beim letzten Rennen des Budwar Cups, der Saison-Eröffnung auf der Alster, mit einem kleinen Abstand vorne. 27 J/70 haben gemeldet. Und 23 Teams trauen sich, “Irenäus” zu trotzen, dem Skandinavien-Hoch, das Minusgrade bringt und Böen bis zu 10 Beaufort über Hamburg fegen lässt.

J/70 Kenterung

Kenterung auf der Ziellinie. Markus Maisenbacher auf dem Kiel. © SegelReporter

Die Hamburger Feuerwehr ist bis zum am Samstagmittag 120 Mal in 24 Stunden ausgerückt wegen des Sturms. Bäume fallen um, ICE-Reisende werden evakuiert, Dächer  abgedeckt und der 300 Meter lange Kreuzfahrer “Aidaperle” darf 21 Stunden lang nicht auslaufen.

Aber Mister Oberschlau an der Pinne ist beratungsresistent und will unbedingt um die rechte Tonne. Die verspricht eine Abkürzung von zwei Bootslängen und außerdem scheint es auf der linken Kreuzzseite schneller zu laufen.

Der Trottel am Heck

Dumm nur, dass es ein Problem beim Manöver gibt. Kein Wunder eigentlich, schließlich segeln wir zu viert mit dem Bremer WVH Team erstmals in dieser Konstellation zusammen. Es kommt, wie es kommen muss. Wir schießen in die Sonne, rauschen auf der falschen Tonnen-Seite vorbei – ich sehe mich schon mit der Schot an der Marke einfädeln, wie beim legendären Ferrarese-Stunt (Video) – müssen kreiseln, noch mal rum und hetzen dem Feld hinterher.

Das WVH-Team im Ski-Outfit. © Tjorben Wittor

Erstaunlich, dass die Jungs nicht meckern über den Trottel am Heck. Sie kämpfen. Nach einer Runde sind wir wieder dran am Feld. Der letzte Vorwind-Gang, eine fette Böe, und wir rauschen mit Fullspeed und Wegerecht auf die Linie zu. Zwei Boote müssen ausweichen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie das schaffen – ist nicht immer einfach bei den extremen Bedingungen – falle lieber etwas ab, verliere Speed,  dann haut uns der nächste Drücker mit Wucht aus der Kurve.

Vollgas Glitsch-Modus unter Gennaker© Sven Jürgensen

Nicht schlimm. Man muss sich nur ordentlich am Seezaun festhalten. Tjorben und Contender-Champ Markus folgen ihren Instinkten, klettern auf den Kiel. Und wir treiben mit dem Topp voran über die Linie. Aber diese J/70 verzeihen viel.

Puh, was für eine Action für so eine Premieren-Regatta zu Saisonbeginn. Eigentlich wollten wir ein hübsches Training im Liga-Format so wie 18 weitere Liga-Teams. Aber schließlich herrschten Überlebensbedingungen. Liga-Feinheiten treten da in den Hintergrund.

J/70 Kenterung

Missliche LAge auf der Ziellinie. © Sven Jürgensen

Kein einfacher Job für den jungen NRV-Wettfahrtleiter Leah-Noel Gonseth. Kritiker mögen sagen: “Unverantwortlich”, bei so einem Wetter zu segeln. Aber diese J/70 können viel ab. Und der Laser-Spitzensegler Gonseth hat ein gutes Auge. Er sieht, wie die Crews zurechtkommen. Deshalb ist es eine gute Entscheidung, am Samstag ohne Gennaker segeln zu lassen. Selbst im Schmetterling-Modus kommen die kleinen Kielboote ins Glitschen.

Ungewöhnliche Rennvorbereitung 🙂

Am Sonntag weht es dann marginal schwächer, und der Surf-Spaß mit dem großen Vorsegel beginnt. Dabei ist es etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man achtern aus dem Schiff rutscht, weil das Wasser auf dem Deck gefriert.

Kratzen zwischen den Rennen:

Aber richtig kalt wird einem an Bord nicht, auch wenn Eiskratzer und Frostschutzmittel eingesetzt werden. Dafür ist der Zug auf den Schoten zu groß. Die vielen Sicherungsboote geben ein gutes Gefühl. Die gleißende Sonne nimmt viel von dem Psychostress, der gerne von heftig flatternden Segeln ausgelöst wird, und der Erlebniswert dieses Wochenendes erfüllt am Ende höchst Ansprüche.

Das war bestimmt bestes Training für den Segel-Bundesliga-Auftakt – Ende April auf dem berüchtigten Starkwind-Revier in Friedrichshafen am Bodensee 🙂

Ergebnisse Budvar Cup 2018

J/70 Kenterung

Tobi Schadewaldt zieht am Samstag vor dem Start den Gennaker… © Sven Jürgensen

J/70 Kenterung

…und wird von eine heftigen Böe aufs Wasser geworfen. Danach werden zwei Rennen ohne Gennaker gesegelt. © Sven Jürgensen

Die gefrorene Bugspitze nach dem Rennen. © SegelReporter

© Sven Jürgensen

Eis an der Reling. © Sven Jürgensen

Harte Arbeit auf der Alster. © Tjorben Wittor

Schnelle WVH-Wende bei sehr drehenden Winden. © Sven Jürgensen

Budvar Cup, J/70

Wie im vergangenen Jahr hat der Wassersport Verein Hemelingen den Budvar Cup auf der Alster gewonnen. © Sven Jürgensen

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Carsten Kemmling

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8 Kommentare zu „Knarrblog: Sonnenschüsse auf der eisigen Alster – Zweimal auf den Bart gelegt“

  1. avatar pl_sven sagt:

    Trotz Sonnenschuss souverän gesegelt! LG

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  2. avatar Sportsfreund sagt:

    was für ein Unsinn !!!
    bei Sturm mit Clubbooten rumballern…
    wie es wohl aussehen würde wenn diese Teams den Unfug selber aus eigener Tasche bezahlen müssten so wie Segler in anderen Bootsklassen auch…??

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 15

    • avatar J70 sagt:

      Don‘t be gentle it‘s a rental 😜

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 6

      • avatar Jollenfutzi sagt:

        sehr peinlicher Kommentar ! hoffentlich lesen Clubvorstände das
        Denke der Kommentar von dem Sportsfreund trifft den Nagel auf den Kopf

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 9

        • avatar Christian sagt:

          Denkt hier denn keiner an die Leute, die ihr Geld mit Bootsmaterial verdienen? Wenn immer alles für die Ewigkeit hält, dann werden die arm…

          Im Ernst: Wenn die Jungs und Mädels gekniffen hätten, würde hier doch auch gemeckert werden. Starkwindsegeln will trainiert werden, sonst wird es nix mit der Champions League. Die J70 können es ab, Kommentatoren nicht immer.

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  3. avatar RVK sagt:

    Kann eine J/70 eigentlich durch kentern, wenn da keiner auf den Kiel klettert? Ich bin echt erstaunt, wie wenig Stabilität das Boot hat im Vergleich zu anderen Sportbooten…

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Hab ich noch nicht von gehört. Eigentlich ist das Schiffchen eher gutmütig. Bei Sonnenschuss festhalten an der Reling, dann einfach Fall etwas aufmachen, das Teil richtet sich wieder auf, man kann abfallen und dann das Fall nachziehen – weiter geht’s.

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