Knarrblog: Verflixtes zehntes Rennen mit dem WVH – Am Start-Gummiboot hängen geblieben

Echtes Lebenselexier

Das Schiff tanzt auf der Startlinie. Der Bug hebt und senkt sich. Schaumkämme ziehen über den Kurs. Ein steifer West presst sich zwischen die Inseln der Costa Smeralda. Wo sonst Maxi-Yachten ihre Kreise durch tiefblaues Wasser ziehen, zirkeln wir unsere Kurslinien mit den J/70 durchs Wasser

WVH an der Leetonne. © SAILING Champions League / SAILING ENERGY

Das 2. Rennen im 10 Flight beim Champions League Finale in Porto Cervo steht an. Wir liegen mit unserem Bremer WVH Team bisher gar nicht so schlecht. Zweiter im Feld der 27 Crews aus 13 Nationen nach acht Rennen, Dritter nach neun. Es gilt, nach 14 Läufen das Topp-Vier-Finale zu erreichen. Dann ist der ganz große Wurf möglich.

Erstaunlich, dass so gut läuft. Eigentlich sollten wir gar nicht hier sein. Unsere Pflicht war in Starnberg bei Qualifier erfüllt. Jan sollte dann mit seinem Team für die Kür auf Sardinien sorgen. Genauso wie vor zwei Jahren in St. Moritz, als er Rang drei beim Liga-Finale holte.

Bedenken wegen Corona

Aber auf der Rückreise vom Berlin-Liga-Event kam der Anruf. Die Jungs hatten Bedenken wegen der Corona-Entwicklung. In ihren Jobs konnten sich beruflich eine drohende Quarantäne nach der Rückreise nicht leisten. Die Telefone liefen heiß. Wer kann aus dem elfköpfigen WVH-Team dabei sein? Nicht viele. Nur Vorschiffsmann Daniel Labhart. Besser absagen?

WVH-Glitschmodus bei der Champions League – in der Liga eher selten. © SAILING Champions League / SAILING ENERGY

Es wäre zu schade. Sardinien soll doch safe sein. Und in diesen Zeiten ist jede Minute auf dem Wasser ein echtes Lebenselexier. Die Organisation erleichtert schließlich die Crewsuche. Wir dürfen auch Externe mitnehmen. Gordon Nickel, der langjährige SKWB- und jetzige FSC-Steuermann hat Zeit. Und er bringt Nils Färber mit, der zuletzt für ONEKiel Swan50 gesegelt ist und noch keine Liga-Erfahrung hat.

Etwas zusammengewürfelt die Truppe. Eine echte Wundertüte. Aber im Oktober noch einmal Sonne und Salzwasser auf der Haut spüren, noch mal Adrenalin durch die Adern rauschen lassen – klingt gut.

Die WVH-Befindlichkeitskurve – Platz in der Regatta

Dennoch. Bis zum Schluss können wir nicht glauben, dass die das wirklich durchziehen dürfen. Die Corona-Zahlen stiegen wieder langsam an. Was machen die Sarden? Ein paar Tage vor dem Rennen kommt doch noch der Hinweis, wir brauche einen Test. Also 48 Stunden vorher zum Testcenter am Flughafen. 59 Euro kostet das Kitzeln im Rachen. Boris Herrmann steht auch in der Schlange. Gut zu wissen, dass man negativ ist.

Superspreader im “Billionaire’s Club”

Aber schafft es auch die Konkurrenz nach Porto Cervo? Klappt ihre Einreise. Haben sie überhaupt Lust? Das Clubhaus ist schließlich geschlossen, nachdem es auch im YCCS Fälle gegeben hat. In Briatores Diskothek “Billionaire’s Club” nebenan soll im August ein Superspreader-Event stattgefunden haben. Die Rolex-Swan und -Maxi-Regatten wurden abgesagt.

WVH beim Gennaker-Setzen. © SAILING Champions League / SAILING ENERGY

Doch Liga-Segeln funktioniert. Das hat sich insbesondere bei den sechs Veranstaltungen in Deutschland gezeigt. Wir durften segeln, als wenn nichts wäre. Die Hygiene-Konzepte greifen. Auf dem Wasser ist es wohl sicherer als anderswo an Land.

Auf dem Flughafen plagt ein wenig das schlechte Gewissen. Unheimlich, die ausgestorbenen Hallen. Hier ist die Krise plötzlich so nahe. Das Leben steht nahezu still. Nur wir sind so privilegiert, zum Segeln fliegen zu dürfen.

Wie Russische Roulette

Die Mühen lohnen sich. Sardinien grüßt zwar mit Dauerregen, aber dafür hackt es. Stark, mal wieder ausgiebig zu glitschen. Wenn man nicht gerade auf den YCCS-Wettfahrtleiter warten muss. Es gibt Probleme beim Tonnenlegen und Schäden an den Booten. Solch lange Wartezeiten ist man von den Liga-Rennen in Deutschland nicht gewohnt.

Auch nicht reißende Relingsdrähte. Mindestens vier Crews gehen über Bord. Der VSaW ist besonders betroffen. Ärgerlich, dass die dafür passende in der deutschen Liga übliche Wiedergutmachungsregel gestrichen ist. Ausreiten fühlt sich an wie Russisch Roulette.

Die Serien der Top Ten. Mit 39 Punkten wäre man in das Finale der besten vier Teams eingezogen.

Für uns bleiben die großen Dramen aber vorerst aus. Das erste Rennen gibt im Zeitraffer einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt in unserer Serie. Ein Up-and-Down der Gefühle. Guter Start in Lee, aber falsche Seite. Vorletzter an der Luvtonne von sieben Booten. Im Vollglitsch am gesamten Feld vorbei, aber wohl zu nahe dran am SMCÜ. Penalty. Wie gewonnen, so zerronnen.

Luvkampf im ersten Rennen. Überlingen links gibt uns einen Penalty. Im Nachhinein eine Ehre 🙂 © SAILING Champions League / SAILING ENERGY

Nach dem Kreiseln aber dennoch voll dabei. Die linke Gate-Seite ist einfach viel besser. Platz zwei – Puh, was für eine Action, was für ein Chaos. Es ist schwer, den Überblick zu behalten.

Plötzlich Zweiter

Aber die Serie hält. Bis zum fünften Lauf. Es wird hektisch an der Luvtonne. Ein komplizierte Situation bei Starkwind. Wir müssen dem Franzosen mit einer Wende ausweichen, würden aber in das Boot der Freunde vom Touring Yacht-Club über uns krachen. Ich müsste “Room to tack” rufen, überlege den Bruchteil einer Sekunde zu lange, werfe die Kiste zu spät herum und zack ertönt der Pfiff. Zweiter am Fass und Vorletzter nach dem Penalty. Diesmal gelingt die Aufholjagd nicht mehr.

So wiegt die Regatta hin und her. Am nächsten Tag sind wir nach zwei Siegen plötzlich doch wieder Zweite. Der Platz passt noch nicht zum Gefühl. Kontrolle sieht anders aus. Die Startquote entspricht nicht meiner Erwartung. Aber besonders unter Gennaker gewinnen wir die wichtigen Kämpfe.

Den anderen geht es offenbar ähnlich. Anders ist nicht erklärbar, dass wir nach neun Rennen als Gesamt-Dritte voll im Soll liegen.

Verflixtes zehntes Rennen

Dann kommt dieses verflixte zehnte Rennen. Toll, dass alles auch noch so schön auf Video festgehalten ist. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mir das ansehen konnte. Dabei fühlte es sich anfangs so schön an. Den Kampf ums Pin-End gegen die Tschetschenen gewonnen. Eine hübsche Position für einen Leestart erkämpft. Aber die Ausführung ist schlecht.

Wieder stimmt das Timing nicht. Zuletzt oft zu spät, diesmal etwas zu früh dran an der Linie. Die Schweizer machen Druck. Ich dreh zu früh in die Wende, danach ist die Abdrift größer als erwartet, noch ein Schlenker, dann der Kontakt mit dem Lee-Startboot. Ein Desaster.

Es ist der Knackpunkt in dieser Regatta. Danach reißt der Faden. Wir sind aus dem Gleichgewicht. Mit einem Sieg im letzten Rennen wäre sogar noch was möglich. Aber das soll dann auch nicht sein. Platz neun fühlt sich schließlich wie eine Niederlage an.

Mit etwas Abstand allerdings geht’s dann doch. Es war zwar mehr drin. Aber dieses Gefühl hat man oft, bei diesen Liga-Regatten. Man weiß immer, wo die Pünktchen verloren gingen. Jeder weiß das. Jeder hat seine eigene Geschichte.

Am Ende gibt es auch noch ein kleines Happy End auf anderer Ebene. Nils macht in Hamburg einen Corona-Test, weil er am nächsten Tag einen beruflichen Kurztripp unternimmt. Negativ. Alles gut gegangen.

Bericht im Bremer Weser-Kurier

TV-Bericht bei Buten un Binnen

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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