Laser Worlds: 50.000 Euro für Philipp Buhls Titel – Woher die Leistungsexplosion kommt

Jackpot geknackt

“Was für eine Woche ist das gewesen! Ich bin unglaublich glücklich, Laser-Weltmeister zu sein! Was für eine Ehre, dieses blaue Stück Acrylglas mit all diesen Legenden der Laserklasse zu teilen. Nur wer in dieser Klasse segelt oder gesegelt ist und nur wer versucht oder versucht hat, seinen Namen darauf zu setzen, weiß, was es bedeutet. Es bedeutet eine Menge!”

Philipp Buhl versucht in Worte zu fassen, was ihm dieser WM-Titel bedeutet. Seit 14 Jahren bereitet er sich darauf vor. Es ist seine zwölfte Senioren-WM. Einmal holte er Silber, zweimal Bronze, zweimal Platz vier. 30 Lebensjahre dauerte es, um endlich den Titel feiern zu können.

Glanz und Gloria sind im Laser schwer zu holen. Laser-Piloten sind eher die stillen Arbeiter. Über Jahrzehnte galt das Plastik-Schiffchen mehr als Ausbildungsboot für die vermeintlichen wichtigeren Klassen – als eine Art Durchlauferhitzer. Robert Scheidt mochte sich neunmal in die Siegerliste eingetragen haben, aber so richtig ernst nahm ihn die Segelwelt erst nach seinen drei Starboot-Titeln. Auch Ben Ainslie wurde zweimal Laser-Weltmeister, aber erst nach dem Umstieg ins Finn zum Superstar.

Philipp Buhl, Matt Wearn (l.) und Tonci Stipanovic auf dem Treppchen. © Jon West

Diese Zeiten sind vorbei. Man muss in dieser Klasse immer mehr Geduld mitbringen, um ganz nach vorne zu kommen. Die Hackordnung in der Laser-Spitze bleibt relativ stabil. Es gibt kaum Raum für junge Durchstarter. Die Arrivierten zeigen immer deutlicher ihr Beharrungsvermögen. Und nach dem Rauswurf von Starboot und Finn gibt es nun keine Disziplin, in die ein Lasersegler relativ problemlos wechseln könnte.

Mediale Hausmannskost

Ruhm, Ehre und lukrative Profi-Jobs im America’s Cup oder SailGP sind eher den Schnellboot-Seglern vorbehalten, die gleichzeitig auf der anderen Seite der Bucht ihre Runden drehten. 49er und Naca17. Da gibt es Live-Übetragungen, SAP Tracker, Medalraces.

Die Tafel aus Acryalglas, die Philipp Buhl in die Höhe stemmen darf. Alle Weltmeister sind verzeichnet.

Im Vergleich dazu bieten die Laser mediale Hausmannskost. Dabei ist die Konkurrenz deutlich größer. Den 124 qualifizierten WM-Teilnehmern aus 44 Ländern stehen 34 Boote in der Nacra-Klasse gegenüber, 44 bei den 49erFX Frauen und 78 bei den Skiff-Männern. Es ist einfach materialintensiver und teurer, in diesen Klassen auf höchstem Niveau zu segeln. Zwar unterliegen sie nominell auch dem Onedesign-Prinzip, man darf/muss aber sein eigenes Material im Rahmen der Regeln pimpen und es dann per Container um die Welt schicken.

Bei den Lasern dagegen wird bei den Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen das Material gestellt. Zuletzt durfte man 2019 nach Japan sein eigenes Segel mitbringen, aber in Melbourne wurden auch wieder wie früher die neuen Tücher vom Veranstalter verteilt. Es lag wohl daran, dass alle das neue ILCA-Branding aufweisen sollten. So durfte, wie üblich nur die Pinne mitgebracht werden.

Die Goldfleet in Aktion beim Start. © Jon West

Das Problem bei diesem System: Die Segler müssen darauf hoffen und daran glauben, dass das bereitgestellte Material tatsächlich gleich ist. Minimale Produktionsunterschiede zum Beispiel bei der Mastaufnahme im Deck erzeugen unterschiedlichen Mastfall. Zentimeter-Differenzen können auf Spitzenniveau verantwortlich sein für Sieg oder Niederlage.

Vor Ort tauschten einige Segler ihre Boote, als sie sich damit nicht wohl fühlten. Andere wie der Olympia-Dritte Sam Meech aus Neuseeland ärgern sich im Nachhinein, dass sie der Jury keinen Tausch-Wunsch eingereicht haben. Philipp Buhl war jedenfalls zufrieden mit dem Schiff, das die Nummer 15 trug –  sein aktueller Platz in der Weltrangliste. Er war rasend schnell.

Annodazumal: Zwei deutsche Vize-Weltmeister im Laser

Laser-Weltmeister, das ist noch keinem deutschen Segler gelungen. SegelReporter-Mitgründer Andreas John war 1985 in Schweden als Vize haarscharf dran. Und sechs Jahre später verpasste Stefan Warkalla in Griechenland ebenso knapp den ganz großen Wurf. Aber die Klasse hatte noch keinen Olympia-Status. Der kam erst 1996, und deutsche Segler schafften es kaum noch, sich Olympia-Nationen-Tickets zu sichern. Simon Grotelüschen stieß erst 2012 in die Weltspitze vor und dann kam Philipp Buhl, der 2015 schließlich selber für eine Vize-WM sorgte. Aber nun hat er die historische Premiere gefeiert: Gold im Laser für Deutschland.

Die Ergebnisse der Laser WM 2020

Was für ein Befreiungsschlag, was für eine Leistungsungexplosion. Schließlich hat Buhl nicht einfach nur gewonnen, er hätte nicht einmal mehr zum letzten Lauf  antreten müssen. Offenbar hatte er das mit Coach Alexander Schlonski auch überlegt. Aber die Rechenspielchen waren auf dem Wasser nicht so eindeutig aufzulösen. Er ging auf Nummer sicher und legte einfach noch einen vierten Platz nach.

Das ist eine Dominanz, die in der Laserklasse eigentlich nie vorkommt. Zu hoch ist die Qualität bei den Einhand-Spezialisten, zu breit die Spitze. Selbst der Olympiasieger und WM-Titelverteidiger Tom Burton schafft es im Feld der 124 Boote nur auf Rang 15. Und anders als etwa bei den 49ern segeln die Laser ihre einstündigen Läufe mit 42 statt 25 Booten in einer Gruppe. Auf das Medalrace wird verzichtet – neumodischer Kram. So kann man sich bei nur einem Streicher in 12 Rennen bis zum Ende noch einmal richtig viele Punkte einschenken.

Neues Spiel in der Gold-Gruppe

Deshalb gestaltet sich die Rennphase in der Gold-Gruppe umso schwieriger. Die Qualifikation (4)/1/1/1/1/2 sah für Buhl mächtig dominant aus. Tatsächlich war damit aber noch wenig  gewonnen. Denn wenn danach die Besten im direkten Vergleich gegeneinander segeln, sind das völlig andere Rennen.

Besonders an der Startlinie wird es deutlich enger. In der Qualifikation leisteten sich die Finalisten keine Frühstarts, dagegen waren es in der Goldgruppe acht – die Hälfte davon im letzten Rennen. Man muss das Risiko erhöhen, wenn man vorne dabei sein will.

Philipp Buhl wird gejagt. © Jon West

Wie heftig man erwischt werden kann, zeigte sich für den Franzosen Jean Baptiste Bernaz, scheinbar der einzige, der Buhl in der ersten Hälfte der Regatta gefährden konnte. Er startete gleich mit einem Frühstart in die Goldfleet und im letzten Rennen rutschte er schließlich noch um zwei Punkte an einer Medaille vorbei.

Auch Buhl war es bewusst, dass ihm so etwas noch am letzten Tag mit drei Rennen passierten könnte. “Ich hätte noch hinter Platz fünf abrutschen können.” Zu frisch ist noch die Erfahrung von der 2019 WM in Japan. Ein Frühstart im vorletzten Lauf kostete die mögliche Medaille. Aber diesmal gab sich keine Blöße. “Ich bin ja auch sehr erfahren. Es ist meine 12. WM.” Das bringt eine gewisse Lockerheit mit sich. Aber die hat auch viel mit den Bedingungen zu tun.

“Glück, dass es windig war”

“Um ehrlich zu sein dachte nicht, dass ich auch nur annähernd eine Siegchance hätte. Aber ich wusste, dass ich bei Starkwind sehr schnell bin und hatte Glück, dass es wirklich so windig war.” Gleich fünf Tage hat es gehackt. Und Buhl pokerte mit seinem Körpergewicht. Die Spitzenathleten passen sich langfristig den zu erwartenden Windbedingungen an. Normalerweise wiegen Lasersegler im Schnitt 83 Kilogramm. Buhls Kampfgewicht für Starkwind liegt über 85 Kg. Wenn er dann seinen 1,87 Meter langen Hebel ausklappt, weiß er, dass es beim Kreuzen flott voran geht. “Als ich die Vorhersage gesehen habe, war klar dass es etwas werden kann.”

Michael Blackburn, selber eine Klassen-Legende als Weltmeister von 2006 und Olympia-Bronze-Gewinner 2000, ist als Coach verantwortlich für die australische Olympia-Dominanz der Aussies mit mit jüngst zweimal Olympia-Gold. Er ordnet diese Regatta als “eine der starkwindigsten der vergangenen Jahre” ein. “Die ‘Big Boys’ waren vorne. Das gilt besonders für Philipp Buhl, der eine persönliche Bestleistung abgeliefert hat.”

Der 30 Jahre alte Steuermann aus Sonthofen in Bayern konnte es sich leisten, alles auf die Starkwindkarte zu setzen. Die Olympiaqualifikation war schon so gut wie durch. Er musste mit seinem Gewicht nicht auf Nummer sicher gehen um auch eine Leichtwind-WM überstehen zu können.

Nachwuchssegler Nik Willim schien den Meister zwar bei der WM 2019 ansatzweise ärgern zu können und glänzte mit einem Goldfleet-Sieg, aber dann warf auch ihn ein Frühstart weit zurück. Später entfernte er sich nach einer Knieverletzung und einem unverschuldeten Autounfall wieder weiter von der Weltspitze und war jetzt auch in Melbourne (Platz 67) nicht fit genug für die Bedingungen.

Spezialisten gefragt

Buhl dagegen gehörte bei dem auflandigen Starkwind, der vor dem Sandringham Yacht Club hohe Wellen produzierte während er auf der anderen Seite der Bucht in Geelong den Skiffs und Katamaranen ablandige, drehende Winde und Flachwasser brachte, klar zu den Stärksten.

Die skandinavische Trainingsgruppe um Philipp Buhl mit nik Willim (r.) und Coach Alex Schlonski (3.v.l.)

In Melbourne waren Spezialisten gefragt. So kam der 34-Jährige Belgier Wannes Van Laer auf einen erstaunlichen 11. Platz –  bei der 2019-WM war er noch 34. geworden und bei seinen zwölf WMs nie in diese Regionen vorgestoßen. Oder der italienische Finn-Umsteiger Alessio Spadoni. Er segelte als 104. der Weltrangliste auf Platz 16. Bei Starkwind sind im Laser die Karten klar gemischt. Die Physik ist Basis für die Ergebnisse. Körpergewicht und Größe helfen beim Amwind-Speed. Dazu wird allerdings extreme Fitness benötigt, um die Kilos weit und dauerhaft genug über die Kante strecken zu können.

Und man muss vor dem Wind schnell sein. Das ist nicht so einfach mit einem Laser. Es erfordert eher feinfühlige Technik als brachiale Kraft. Denn anders als etwa im Finn Dinghy ist die Pump-Regel nicht geöffnet worden. Man darf nicht unkontrolliert am Segel reißen, sondern muss wie ein Surfer die besten schrägen Ebenen finden. Sich möglichst weit tragen lassen und nicht den Bug in das nächste Wellental stecken. Schlangenlinien sind der schnellste Weg.

“Daran haben wir viel gearbeitet”, sagt Nik Willim, Buhls Trainingspartner. Da kommt insbesondere die internationale Trainingsgemeinschaft mit den Skandinaviern zum Tragen. Die Arbeit war offensichtlich zielführend. Der junge Norweger Hermann Tomasgaard wiederholte mit Rang sechs sein bestes WM-Ergebnis von 2016. Und der schwedische Pre-Olympics-Sieger Jesper Stahlheim erreichte bei seiner 12. WM mit Rang neun eines seiner besten Ergebnisse. Die Trainingsgruppe hatte sich im November einen Monat lang auf dem WM-Revier vorbereitet, und dann aber die unmittelbaren Vorbereitungswettkämpfe in Melbourne ausgelassen. Es war offenbar ein guter Plan.

Bestätigung für Olympia

Für Buhl ist dieser WM-Titel eine perfektes Ergebnis, das zu kaum einem besseren Zeitpunkt hätte kommen können. Denn nach einer Saison 2019, die bei internationalen Wettkämpfen mit zwei Ergebnissen in der 30er und WM Platz 9 auf dem Olympia-Revier überhaupt nicht Wunsch verlief, kann er sich nun bestätigt fühlen, auf dem richtigen Weg zu sein.

Der neue Weltmeister in Aktion. © Jon West

Schließlich waren seine ersten Olympischen Spiele in Rio de Janeiro mit Platz 14 die “vielleicht größte Enttäuschung meiner gesamten Karriere”, wie er es auf seiner Website nennt. Und danach wurde es nicht gerade einfacher. Der langjährige Sponsor Veolia machte nicht weiter. Buhl musste Ersatz finden.

Der Bayer vom Segelclub Alpsee-Immenstadt näherte sich dem Norddeutschen Regatta-Verein an. Er wurde schließlich in das Olympic Team des Vereins aufgenommen, das unter anderem auch den Berlinern Erik Heil und Thomas  Plößel Kontakte zu Sponsoren vermittelt.

“Aufgeben war für mich nie eine Option und so suchte ich mir eine neue Herausforderung: Ich will die Nummer eins der Welt werden!” sagt Buhl. Solche Ansagen verfingen beim Unternehmen BBS Automation einem Maschinenbau-Spezialisten für Automatisierungstechnik. Die Münchner Firma mit ca. 1.050 Mitarbeitern an zehn internationalen Standorten kam 2018 an Bord und begleitet den Sportsoldaten auf seinem Weg nach Tokio.

Sie durften gemeinsam 2018 mit Buhl die WM-Bronzemedaille in Aarhus feiern, die der Einhandskipper als seine beste WM überhaupt beschrieb. Die Vorbereitung sei noch akribischer, und die Leistung noch konstanter auf höherem Niveau gewesen. Danach war kaum noch Platz für eine Steigerung. Aber die ist nun doch erfolgt.

Und um das Happy End perfekt zu machen: Der Titelgewinn ist mit der Ausschüttung einer Prämie von 50.000 Euro verbunden. Die Förderer des NRV Olympic-Team hatten das Geld erst zu Jahresbeginn neu ausgelobt für eine Goldmedaille bei Olympia oder einer Senioren-WM. Da konnte man nicht davon ausgehen, dass jemals ein deutscher Segler diesen Jackpot knacken würde.

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Laser Worlds: 50.000 Euro für Philipp Buhls Titel – Woher die Leistungsexplosion kommt“

  1. avatar C.H. sagt:

    Ein schöner Bericht zu einem unglaublichen, fantastischen Ergebnis! Gratulation Philipp Buhl!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. Ein wirklich sehr und schon außergewöhnlich lesenswerter Artikel: trotz der schönen Länge kurzweilig, spannend, hoch informativ. Philipps großen Erfolg hätte man kaum würdiger beschreiben und in die Vorgeschichten und das aktuelle Umfeld einbetten können.
    Kompliment dem Verfasser.

    Friedl

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