“Luftrudern”: Wie heftig bei der 470er-EM mit dem Körper gesegelt wird – Live-Übertragung

Harte Arbeit am Draht

Für die deutschen 470er-Crews geht es bei der EM um Wiedergutmachung, vorolympisches Abtasten und olympische Neustarts. Zwei Tage vor Schluss steuert ein Team sogar auf Titelkurs. Puristen sind von der Art des Segelns geschockt.

Anastasiya Winkel rockt am Draht von Louise Wanser. Diese Technik lässt das Achterliek schwingen und sorgt insbesondere für mehr Höhe am Wind. © Ferraira – Osgar

Mit den vermehrten Übertragungen der wichtigen Regatten kurz vor den Olympischen Spielen tritt auch wieder die 470er-Klasse in den Fokus – und ruft Kritiker auf den Plan. Segel-Puristen äußern sich erbost über die Entwicklung, die der Sport nimmt. Dabei geht es insbesondere um die Aufhebung der Regel 42 (Unerlaubter Vortrieb). Bei den 470ern ist Pumpen, Rollen, Rocken erlaubt, wenn von der Wettfahrtleitung die Flagge Oscar gesetzt wird. Und das passiert schon ab 8 Knoten Wind.

Dadurch hat sich die Art des Segelns in diesem Olympia-Zyklus stark verändert. Besonders das Rollen des Bootes auf dem Vorwindkurs hat zu einer neuen Technik geführt. Das Wippen am Trapezdraht ist schon länger erlaubt. Die aktuelle Generation der Athleten nutzt die neuen Möglichkeiten der Beschleunigung aber noch extremer aus.

Ein Video-Clip vom Training in Portugal sorgte in den Sozialen Medien für großes Aufsehen:

Das Medalrace in Miami aus dem vergangenen Jahr zeigt ebenfalls den aktuellen Stand der Technik:

Mit dem typischen Sitz-Sport hat das Segeln auf diese Weise nichts mehr zu tun. Olympioniken in der 470er-Klasse gehören längst zu den fittesten Seglern. Die Physis spielt nun mehr und mehr eine Rolle für den Ausgang der Rennen.

Start der Männer am vierten Renntag der EM:

Kritiker mahnen, dass dadurch die Ästhetik des Sports auf der Strecke bleibe und geißeln die Techniken als “Luftrudern”. Befürworter sind beeindruckt. Ihnen gefällt die Betonung der Physis und dass die unübersichtlichen Bestrafungen von Schiedsrichtern auf dem Kurs wegen unerlaubten Vortriebs nun kaum noch eine Rolle spielen.

Bei den 470er Europameisterschaften in Vilamoura, ein Ort in Portugal, der sich in Corona-Zeiten zum Mekka des olympischen Segelsports entwickelt hat, sind bisher die meisten Rennen unter Oscar-Flag-Bedingungen absolviert worden. Auch der vierte Tag wies mit 12-13 Knoten die erforderlichen Rahmenbedingungen auf.

Drei Teams, drei Ziele

In den drei Klassen geht es für die deutschen Segler um extrem unterschiedliche Ziele. Besonders im Fokus stehen Louise Wanser und Anastasiya Winkel, die vor etwas mehr als einem Monat nach einer Last-Minute-Kampagne überraschend in einem Herzschlagfinale das deutsche Olympia Ticket in der 470er Frauen-Klasse lösten.

Wanser/Winkel müssen sich im Olympia-Feld neu beweisen. © Ferraira – Osgar

Bei der EM entspricht das Feld der 18 Crews fast exakt der in Japan erwarteten Flotte. Dabei liegen die WM-Neunten Wanser/Winkel aktuell auf Rang zehn und bestätigen damit ihr Leistungsvermögen. Zur Spitze fehlt noch etwas. Aber wie schnell sich das ändern kann, zeigen die Schweizerinnen Fahrni/Siegenthaler, die als WM 11. nun auf Rang drei um die Medaillen kämpfen.

Diesch / Autenrieth kämpfen um einen guten Abschluss ihrer knapp gescheiterten Olympia-Kampagne.© Ferraira – Osgar

Die deutschen 470er Männer haben den angestrebten Olympia-Startplatz knapp verpasst, aber Simon Diesch und Philipp Autenrieth wollen in Vilamoura noch einmal zeigen, dass sie gegen die besten Teams der Welt bestehen können. Auf Platz neun nach neun Rennen kämpfen sie heute um den Einzug in das morgige Medalrace. Die Portugiesen, die ihnen den letzten europäischen Startplatz bei der WM geholt hatten, segeln nun auf Rang 16 weit hinterher.

Aufbruchstimmung im Mixed-Format

Besonders spannend ist aus deutscher Sicht die aktuell dritte 470er-Klasse Mixed. Das neue Olympia-Format für 2024 hat dazu geführt, dass die beiden Olympia-Enttäuschten Theres Dahmke – MdM-Siegerin, die ultra knapp gegen Wanser/Winkel verlor – und Matti Cipra – WM-Vorschoter von Malte Winkel – ein neues Duo bilden.

Theres Dahnke und Matti Cipra kämpfen um den neuen Mixed-Titel. © Ferraira – Osgar

Vier weitere neue deutsche Paarungen haben sich in die Startliste des 34-Boote-Feldes eingetragen und erzeugen damit echte Aufbruchsstimmung. Schließlich ist der Olympia-Zyklus für Marseille 2024 durch die Pandemie um ein Jahr verkürzt. Es geht gleich zu Beginn schon um Kaderstatus und Budget. Auch wenn immer noch nicht klar ist, ob es wirklich zum 470er-Mixed-Event kommt. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in drei Jahren wieder in zwei 470er-Disziplinen um Medaillen gesegelt wird.

Anna Markforth (mit Daniel Göttlich) macht sich auf dem Rennkurs bemerkbar. © Ferraira – Osgar

Aber Dahmke und Cipra passen offenbar auf Anhieb bestens zusammen. Nach neun Rennen liegen sie auf dem Silber-Platz nur fünf Punkte hinter Gold. Bei dem stärkeren Wind des vierten Renntages haben sie deutlich auf die führenden Israelis aufgeholt. Mit Daniel Göttlich und Anna Markforth der (mit Frederike Löwe) als Favoritin in das deutsche Rennen um die Olympiafahrkarte nach Japan gegangen Vorschoterin liegt ein weiteres deutsches Duo unter den Top Ten (8.).

Es muss sich allerdings zeigen, ob weibliche Vorschoter im Mixed-Modus auf Dauer eine Chance haben werden. Experten glauben, dass die vergleichsweise geringere Physis beim Einsatz am Trapezdraht dazu führen kann, dass mehr Frauen das Steuer übernehmen. Allerdings steuert bei der führenden Israeli-Crew ein Mann. Die folgenden vier Boote werden von Steuerfrauen bewegt.

Für den heutigen Tag der EM sind zwei Rennen vor dem morgigen Medalrace geplant. Die Live-Übertragung soll um 14:45 Uhr starten:

Ergebnisse 470er EM 2021

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

7 Kommentare zu „“Luftrudern”: Wie heftig bei der 470er-EM mit dem Körper gesegelt wird – Live-Übertragung“

  1. avatar Thorsten sagt:

    Ich frage mich ja auch, ob dieses exzessive Rocken sich negativ auf die Haltbarkeit der Boote auswirkt. Die 470er werden ja sowieso schon recht schnell weich.

  2. avatar Markus sagt:

    Bin kein Fan vom 470er, aber wenn bei einer olympischen Disziplin körperliche Fitness für den Erfolg mitentscheidend sein soll, ist das erstmal nicht so verkehrt für das Ansehen des Sports…deshalb passte mixed Offshore auch nicht zu Olympia…

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    • avatar Andreas Borrink sagt:

      …heisst also, um ein Zweimann-Kielboot offshore unter Wettkampfbedingungen zu segeln braucht’s keine Fitness? Aha! Einfach mal Vendee Globe gucken oder Solitaire de Figaro, das sollte erleuchten. Eine Zweimann-Kielbootklasse ist tatsächlich nicht leicht mit dem olympischen Gedanken in Einklang zu bringen, aber ganz sicher nicht wegen eines zu geringen Anspuchs an die körperliche Fitness!

      Was das Gezappel im 470er angeht – Athletik hin, Fitness her – bin ich dann wohl “Purist”. Die Ästhetik des Segelsports und seine Grundprinzipien (Fortbewegung auf dem Wasser durch optimale Nutzung des Windes) gehen dabei zum Teufel. So wird die Vermarktung eines in seiner Komplexität ohnehin schon schwer zu vermittelnden Sports noch schwerer.

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      • avatar Observer sagt:

        Wer sich nicht anstrengen will, soll halt Drachen segeln oder Folkeboot. Das ist dann eben was für “Puristen” – Sport ist das allerdings ungefähr genau so viel wie zu Fuß zum Bäcker um die Ecke schlendern.

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        • avatar Andreas Borrink sagt:

          Oha, da muss ich aber mal eine Lanze brechen für die Drachensegler! Wer einmal bei 4-5 auf der Kieler Förde unter Regattabedingungen Drachen gesegelt ist, weiss, dass auch dafür einige Fitness erforderlich ist. Sonst fährt man nämlich sowwas von hinterher…..

          Für einen Olympiastatus reicht das natürlich nicht (mehr), aber man sollte es auch nicht herabwürdigen, wenn man offenbar keine Ahnung davon hat.

          • avatar Observer sagt:

            Jaja, Fitness ist ja recht relativ. Sicher, für Ü50 ist auch Drachensegeln nicht unanstrengend;-)

      • avatar Markus sagt:

        Wenn ein über 60jähriger Weltspitze ist, dann scheinen die Fitnessanforderungen nicht diejenigen zu sein, die ich von einer olympischen Sportart erwarte (gilt auch für Dressurreiten etc). Segeln ist vielfältig und das ist auch gut so, aber der olympische Segelsport sollte m.E. in erster Linie auch “Sport” sein und nicht nur Material, Trimm und Wettervorhersagen lesen…

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