Männertörn: Aus dem Leben gegriffen – mit den alten Kumpels zum Segeln verabredet

Wie sag ich´s Mutti

Die Entwicklung vom Protest-Zeugen über den Trauzeugen zum Kinder Zeugen beschreibt die fehlende Zeit zum Segeln. Und dann darf er doch mal wieder aufs Wasser…

Früher war alles ganz einfach. Da verabredete man sich bei der letzten Herbstregatta für das kommende Frühjahr zu den Europa Cups in Anzio, La Londe, oder Hyères. Man traf sich vor irgend einer Studentenbude, lud die Laser als Dachfracht auf Bulli oder Hänger, bunkerte reichlich Konserven und Bierdosen (später auch neumodische Müsliriegel), und los ging´s.

Wäsche im Cockpit nach nasser Nacht. © Stefan Mauer

Wäsche im Cockpit nach nasser Nacht. © Stefan Mauer

Das war noch die gute alte Zeit vor der Währungsreform: mit Lira und Francs, TÜV-befreiten Hängern, Gurtpflicht-befreiten Rückbänken und Geschichten für die Ewigkeit. Absagen gab´s nie, Probleme höchstens mit der Kartennavigation jenseits der teuren Autobahnen. Und natürlich mit traditionell dummen Gesichtern irgendwo im Nichts: Tank leer, keine Kohle und nix verstehen Sprake.

Der Ernst des Lebens

Harte Arbeit an der Kurbel. Bloß keinen Überläufer... © Stefan Mauer

Harte Arbeit an der Kurbel. Bloß keinen Überläufer… © Stefan Mauer

Freundinnen kannten wir mehr aus der Theorie, als aus der Praxis, wozu auch: wir hatten ja uns, unsere Laser, viel Zeit und jede Menge Spaß. Seitdem ist eine Ewigkeit vergangen, aus Studentenzielkreuz wurde Jobstartkreuz und der Ernst des Lebens zog uns in seinen Bann. Wohnorte änderten sich, Klassen wurden gewechselt, Boote verkauft, und wir sahen uns immer weniger: keine Herbstregatta mehr, keinen EuroCup zu Ostern. Dafür Einladungen zu runden Geburtstagen, Hochzeiten und Taufen. Vom Protest-Zeugen über den Trauzeugen zum Kinder Zeugen, von der Patenthalse zum Patenonkel.

Irgendwann waren nur noch Geschichten übrig. Jeder suchte sich seine Nische, ob Dickschiff oder Jolle, ob Ostsee oder Köln: ein kleines bisschen Segeln ging halt immer. Da kam die Regatta-Einladung: Nikolaus-Einhand-Laserregatta am ersten Advent auf dem Duisburger Töppersee. Boote und Übernachtung werden organisiert – wer kommt?

Der 50 Meilen Kurs vor Neustadt. © Stefan Mauer

Der 50 Meilen Kurs vor Neustadt. © Stefan Mauer

Absagen gab´s immer noch nicht: im Rahmen einer emotionalen Wiedersehensfeier wurden die Charter-Boote verlost in den Kategorien: < 10 Jahre, > 20 Jahre, Holzpinne. Das Revier und die ausgewogenen Wind- und Wetterverhältnisse (null Bft./ null Grad) taten das eine, das Aufwärmen der alten Geschichten das andere und 20 Jahre später segeln wir wieder in der Gegenwartsform Laserregatten. Ein bisschen jedenfalls.

Auf Einladung folgt Gegeneinladung, aber die norddeutschen Jungs fahren mittlerweile Dickschiff und die Regatten gehen gerne mal über ein paar Tage. Viele kleine Kinder und nicht-segelnde Mütter führen regelmäßig zum Wettfahrtausschluss der Binnenländer und machen zuletzt die Teilnahmen an der MAIOR, WM oder hiesigen Kieler Woche zunichte.

Kann die Kindergarten-Abschiedsübernachtung ausfallen?

Dann kommt eine neue Einladung: Neustädter Mittsommer-Nachtregatta. Auf der Ostsee. Boot, eine X99, und Übernachtung wird organisiert – wer kommt?

Raus aus dem Leben, rein ins spontan Abenteuer...© Stefan Mauer

Raus aus dem Leben, rein ins spontane Abenteuer…© Stefan Mauer

Kurzer Blick auf den obligatorischen Familienwandplaner: Kindergarten-Abschiedsübernachtung am Freitag, Familiengeburtstag am Samstag, Kinderturnier am Sonntag – wie sag ich´s Mutti? „Die Jungs haben angerufen, da ist ´ne Regatta. Ohne uns kriegen die keine Crew zusammen. Ist auch sehr familienfreundlich, nur ein Rennen, da bin ich zum Sonntagskaffee zurück…” – „Biste sowieso nicht, aber mach!“ Deshalb hab ich eine Sportlerin geheiratet…

Fehlt nur noch der Kumpel-Holzhändler aus Köln. Der hängt mit Bluthochdruck im Büro, ersäuft in Arbeit, will 2 Tage nach besagtem Wochenende Urlaub machen  und schafft es kaum, auch nur mit mir zu telefonieren. Macht er dann doch – und quittiert den Plan nach 5 Sekunden ungläubiger Stille mit „bist Du total bescheuert?“. Keine Zeit, zu viel zu tun, Schreibtisch rappelvoll, macht alles überhaupt keinen Sinn… “Aber nur, wenn wir mit Deinem Auto fahren.”

Vom Ruhrpott mal eben nach Timmendorf

Das startet dann wirklich vormittags im Ruhrpott und landet um 15 Uhr in Neustadt/ Holstein. Dazwischen 5h gute Gespräche, nur unterbrochen von Verkehrsnachrichten und dem regelmäßigen Gemurmel vom Beifahrersitz “eigentlich dürfte ich hier gar nicht sitzen”. Die Jungs haben das Boot von Timmendorf zum Neustädter Rundhafen gesegelt und erwarten uns mit einem vielsagenden Grinsen: „Moin, haben die Muddis Euch freigegeben?“

Die X99 für den ambitionierten Männertörn.© Stefan Mauer

Die X99 für den ambitionierten Männertörn.© Stefan Mauer

Bei Kaiserwetter mit Sonnenschein und ordentlich Wind legen wir nach der Steuermannsbesprechung ab und machen ein paar Probeschläge. Die vielen Leinen und die Aussicht auf Backstagen machen mich leicht nervös. Ich schlage vor, auf kurzen Kursabschnitten lieber auf die Blase zu verzichten. Als Antwort geht der Spi hoch, ich bekomme das Luvbackstag in die Hand, und wir beginnen, Halsen zu üben.

Unter den rund 40 Schiffen in 5 Wertungsgruppen erblicken wir 2 andere X-99 und definieren sofort das Minimalziel Bronze, mehr wäre schön. Um 19h geht’s auf den rund 50 Meilen langen Parcours, der eine kurze Startkreuz, einen kurzen Vorwinder und eine neuerliche kurze Kreuz vorsieht, bevor es Vorwind 10SM nach Westen bis zum Lübeck-Gedser Weg geht.

Siegessicheres Grinsen

Dann zurück in die Neustädter Bucht und das Ganze nochmal bis zum erwarteten Zieleinlauf zwischen 2h und 4h früh. Der Start gelingt prima, wir gewinnen die Luvposition am Schiff und gehen mit ordentlich Speed über die Linie. Freie Fahrt für freie Bürger, die andern 99er liegen achteraus in unseren Abgasen. Das siegessichere Grinsen vergeht wenig später, als uns eine große Luffe erbarmungslos drüber schrubbt. Ober sticht unter, wir wenden.

Am Luvfass sind wir Boot an Boot mit der “neueren 99”, die “ältere” ist jetzt schon abgehängt. Der Spi geht hoch, und um die 5 Bft. blasen uns förmlich über die blaue Ostsee – einfach geil. Die Manöver sitzen, der Speed ist gut, und am Leefass sind wir wieder vorne, ist doch klar.

Die Klamotten müssen irgendwo trocknen. © Stefan Mauer

Die Klamotten müssen irgendwo trocknen. © Stefan Mauer

Aber an der nächsten Luvtonne geht die “neuere” knapp vor uns rum, müssen Schwein gehabt haben auf der Kreuz. Die “ältere” haben wir schon abgehakt und machen uns daran, die Hackordnung wieder zu korrigieren. Es weht munter weiter und wir kriegen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Ein leichter Luvbogen (“wie früher im Laser”) bringt uns am Ende des ersten langen Vorwindschenkels wieder in Führung, und wir erhöhen das Minimalziel auf Silber, denn die ältere 99 ist offenkundig keine Konkurrenz für uns. Die Freude währt nur kurz, da die neuere 99 am Wind bei gleichem Speed deutlich mehr Höhe läuft und uns recht schnell nach Luv enteilt.

Träge Masse auf der Kante

Die Herren Dickschiffer sitzen im Cockpit, während die Binnenländer auf der Kante Gewicht machen müssen, wo sich die Aluleiste in die Oberschenkel und die Genuaschiene in den Allerwerteste bohrt. Alle verfolgen die schlechte Höhe, da kommt von der Brücke das Kommando: “Fock-Rutscher nach vorne”. Als sich die träge Masse auf der Kante mit Blick auf das killende Groß den Hinweis erlaubt, das die Rutscher schon ziemlich weit vorne für die Windstärke seien, echot es von achtern “zwei Löcher nach vorne, brauchen mehr Druck”.

Gesagt, getan: Rutscher vor, dann Wende. Die neuere 99 zeigt sich unbeeindruckt und setzt ihren Höhenflug nach links fort. Wir genießen in der Zwischenzeit den spektakulären Sonnenuntergang und Mittsommer-Feuerwerke über Timmendorf und Niendorf. Als wir das nächste Mal auf demselben Bug segeln, können wir die Segelnummer kaum noch erkennen und am Luvfass ist die neuere fast außer Sichtweite. Na ja, was soll´s, Silber ist uns ja todsicher.

Endlich mal wieder im Cockpit sitzen. © Stefan Mauer

Endlich mal wieder im Cockpit sitzen. © Stefan Mauer

Der nächste Vorwind ist ein Spi-Flug in die Nacht: der Wind weht regelmäßig in die 6, wir brettern leewärts und fühlen uns wie die Ocean-Racer. Nach nicht einmal einer Stunde kommt die Tonne in Sicht und der Skip ruft zum Manöver. Wir ziehen schon mal die Fock hoch, können das Fall aber nicht durchsetzen, weil die Winsch noch mit der Spischot belegt ist.

Scheiße, ein Überläufer …

Das Groß ist schon flachgezogen, da komme ich auf die Spitzenidee, das Fockfall über die Backstagwinsch zu legen, um den Kreuztrimm für die schon vor der Tonne stehen zu haben. Der Skipper mahnt zum Spibergen, wir handeln ihn mit Hinweis auf „supereingespielte Crew“ auf 0,2 SM Entfernung zum Fass runter, ich setze das Fall durch und will mich gerade klar zum Bergen melden, da passiert es: Scheiße, ein Überläufer – und richtig schön festgewürgt.

Hektisch beginne ich zu zerren und zu ruckeln, kann aber nix erkennen weil schwarzes Fall auf schwarzer Winsch in tiefschwarzer Nacht. Der Wind ballert, die Brigg schießt auf die Tonne zu und ich melde “ein kleines Problem”. “”Was´n los?” “Jungs, langsam muss die Blase wech” “was´n los?” “büschen geht noch” “was´n los?” Bevor ich die Peinlichkeit des quer durch´s Cockpit gespannten Falls erklären muss, krieg ich´s irgendwie los, stürze nach vorne und wir bergen den Spi, als hätten wir nie was anderes gemacht. Punktlandung, rum ums Fass, Schoten dicht und zurück auf die Büßerbank.

Wir sitzen kaum, da kommt von hinten: “Rutscher nach vorne, brauchen mehr Druck”. Die Binnenfraktion wurde nach der Laserzeit auf Kielzugvögeln resozialisiert und verweist auf den veritablen Gegenbauch im killenden Groß. “Druck, Druck – Druck ist inner Luft – nach hinten muss das, nicht nach vorne!”

Der Bock läuft

Mit gesetztem Spi durch die Nacht feuern. © Stefan Mauer

Mit gesetztem Spi durch die Nacht feuern. © Stefan Mauer

Nach einer kurzen Beratungspause erlaubt die Strategieabteilung, den Rutscher zurück auf die Ausgangsposition zu schieben, also 2 Löcher. Der Pöbel nickt artig, berät sich seinerseits “hast Du auch 10 verstanden?” und schiebt den Holepunkt großzügig nach achtern. Nach der Wende stellt die Strategieabteilung im Vergleich zu anderen Booten fest, dass die verfetteten Knickspantsegler so falsch nicht liegen: der Bock läuft jetzt besser. “Macht die andere Seite auch wieder 2 zurück.” “Schon passiert”.

Irgendwann geht der Mond auf und zeichnet ein fantastisches silbernes Gemälde auf die Ostsee. Kante 1 kriegt im Seezaun vor Rührung einen Krampf, Kante 2 hat langsam genug von seinem wassergekühlten Ölzeug. Das ist so alt, dass sich die Gummierung verabschiedet hat – bloß gut, dass es relativ warm ist. Immerhin rennt der Kahn jetzt ordentlich luvwärts, und wir versuchen anhand der Positionslaternen, unsere Konkurrentin auszumachen.

Tatsächlich kreuzt irgendwann eine Silhouette unseren Kurs, die eine 99 sein könnte und offenkundig plant, soweit unter Land zu fahren, bis sie das Ziel anliegen kann. Wir diskutieren die Option, bleiben aber weiter mittig in der Bucht, weil wir hier mehr Wind vermuten als in der Landabdeckung.

Breites Grinsen

Um 02:37h passieren wir die Ziellinie. Wir werfen den Motor an, bergen die Segel und wollen gerade in den Rundhafen einbiegen, als wir ein anderes Boot kurz vor der Ziellinie entdecken, das unserem Beuteschema entspricht. “Ist das eine 99??” “Das ist doch eine 99!” “Fragt sich bloß, welche!” “könnt Ihr die Segelnummer erkennen?”

Die Wäsche zeugt von einer harten NAcht auf See. © Stefan Mauer

Die Wäsche zeugt von einer harten NAcht auf See. © Stefan Mauer

Je näher wir uns kommen, umso breiter wird unser Grinsen und umso länger werden die Gesichter unserer Gegenüber: es ist die neuere, die wir tatsächlich noch auf der letzten Kreuz kassiert haben. Als sie außer Hörweite sind, palavern wir vollmundig “hatten uns ja auch nie aufgegeben” “war ja klar, dass das unter Land nicht geht; kein Wind und vermutlich auch Strom” “neues Trimmkonzept hat gegriffen” und so weiter.

Unsere Box ist in der hintersten Ecke des Hafens, noch hinter der älteren X-99, die verlassen in ihrer Box dümpelt. “Warum sind die schon hier? Sicher aufgegeben?” “Muss ja, geht ja gar nicht anders, hmm…”. Ein blödes Gefühl bleibt, das auch beim Einlaufbier nicht weggeht. Dann geht´s ins Bett.

Am nächsten Morgen ergibt ein Blick auf die Liste, dass wir über 8 Minuten an “Gold” vorbei gesegelt sind: als wir festgemacht haben, saßen die designierten Bronze-Jungs mit der alten X schon längst am Tresen. “Waren ja auch zwei mehr an Bord” „die haben bestimmt einen Top-Spi gefahren, kein Wunder” “ach wisst Ihr was, ist doch scheißegal: war das toten-geil, oder was?“

Nach dem Frühstück und der Siegerehrung kommt die Sprache auf den ersten Advent. “Was ist denn eigentlich mit der Nikolausregatta?” “wieso, hatten wir doch schon gesagt”. Absagen gibt´s immer noch nicht, bloß: wie sag ich´s Mutti?

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3 Kommentare zu „Männertörn: Aus dem Leben gegriffen – mit den alten Kumpels zum Segeln verabredet“

  1. avatar Piet sagt:

    Coole geschichte!
    Mehr davon!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 21 Daumen runter 1

  2. avatar Bernd Krieger sagt:

    Gut geschrieben!
    Wir vermissen euch beide im Kieler ( Kielzugvogel)

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  3. avatar MAUERSEGLER sagt:

    …das wird so schnell nix mehr mangels Zeit und Boot (siehe oben ;-), das Schiff haben wir vor 5 oder 6 Jahren verkauft.
    Immerhin sind wir dem Knickspant treu geblieben – haben jetzt einen 16er Jollenkreuzer. Und für Notfälle das gute alte Holzboot, das in Köln auf Hochwasser wartet, um mal wieder auf große Fahrt zu gehen wie hier: http://segelreporter.com/multimedia/kielzugvogel-toern-mit-uralt-kzv-ueber-die-nordsee-nach-vlieland/

    Wobei: das geht mit dem 16er noch viel besser!

    Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 0

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