Mini Transat: Warten auf die Jury – Wie sich die Spitzengruppe beim Neustart organisierte

"Im Sinne des Mini-Gedankens"

Die erste Mini-Transat-Etappe erhitzt immer noch die Gemüter. Vor dem Neustart am 29. Oktober über den Atlantik wird klarer, was genau passiert ist. Das Schiedsgericht muss entscheiden.

Der Wer zur zweiten Etappe über den Atlantik ist mit 2700 Meilen mehr als doppelt so lang wie bei der ersten Etappe. Am 29. Oktober geht es los.

Seit Anfang der Woche beschäftigt sich eine fünfköpfige internationale Jury mit dem Geschehen auf der ersten Etappe der Mini Transat und versucht die Fakten zu klären. 19 Segler haben Proteste eingereicht, um eine Wiedergutmachung zu erwirken. Diese kann darin bestehen, dass die gesamte Etappe annulliert wird. Oder es werden Zeitgutschriften vergeben, um die Diskrepanz zu den beiden Führenden insbesondere der Serienboot-Klasse auszugleichen. Die Mini Transat wird durch Addition der Zeiten auf beiden Etappen entschieden. Für eine solche Wiedergutmachung muss allerdings der Wettfahrtleitung nachgewiesen werden, dass sie in Bezug auf die bindenden Regeln Fehler begangen hat.

Viele Segler sind der Meinung, dass das der Fall ist, weil Wettfahrtleiter David Hugues ungenaue Anweisungen zum Verhalten kommuniziert habe. Er muss sich harscher Kritik erwehren.

Wettfahrtleiter Denis Hugues.

Der gewöhnlich gut informierte Newsletter Tip & Shaft hat in seiner jüngsten Ausgabe die wichtigsten Fakten zum Ablauf der Etappe zusammengetragen. Demnach hat es offenbar von der Wettfahrtleitung zwei Aussendungen gegeben, die unterschiedlich interpretiert wurden.

Ratschlag oder Verpflichtung?

Hugues hat eine Sondermitteilung zum Wetter verfasst, einen kurzen Text, der über das Yellow Brick System empfangen wurde. Dabei wurde vor möglichen 50 Knoten Böen gewarnt und bis zu vier Meter hohem Wellengang. Wetterexperte Christian Dumard schrieb einen längeren Text, der alle zwei Stunden über die Begleitboote gesendet wurde. Darin sollen Teilnehmer, die sich im Gebiet von Cap Finisterre befanden, aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen.

Bei der Führungsgruppe weiter südlich kam die Kommunikation anders an. Julien Pulvé, Coach der Trainingsgruppe von La Rochelle, erklärt gegenüber Tip & Shaft, dass seine Segler nicht sicher waren, ob die Aussage zum Anlaufen eines Hafens bindend oder nur ein Ratschlag war. Es war nicht klar, wie man die Angaben der Wettfahrtleitung interpretieren sollte.

Daraufhin folgten besonders in der Spitzengruppe der Serienboote viele Diskussionen. Die viertplatzierte Julie Simon erklärt, man habe unter den führenden Skippern die Wettersituation so interpretiert, dass ein Weiterfahren möglich sein werde. “Aber für den nördlicheren Teil der Flotte wäre es schwierig geworden. Sie würden anhalten müssen.”

Gefahr für die Flotte

Der Federico Waksman (Uruguay) und Hugo Picard hätten viel übersetzt und schließlich die Idee geboren, auch anzuhalten. Simon sagt: “Es erschien uns selbstverständlich und fair, wenn die hinter uns Schutz suchen mussten. Wir wollten ja nicht drei Tage Abstand herausholen.” Anne-Claire Le Berre (6. der Etappe) fügt bei T&S hinzu: “Wir haben schließlich beschlossen, aufzuhören, weil wir uns gesagt haben, dass wir nicht die gesamte Mini-Flotte in Gefahr bringen wollen”.

Federico Waksman bei der Ankunft in La Palma. © Mini Transat

Im Laufe des Freitags suchten die Skipper Schutz in La Coruña, Camariñas, in der Bucht von Muros und Baiona. Nur der Deutsche Melwin Fink – er habe zum Zeitpunkt der kollektiven Entscheidung auf Platz 17 der Serienflotte gelegen – und der Österreicher Christian Kargl (21.) segelten weiter. Léo Debiesse (7. der Etappe) erklärt: “Wir kamen gegen 22 Uhr in Baiona an und erfuhren erst am nächsten Tag, dass sie weitergefahren waren. Wir dachten, sie würden in Porto Halt machen”. Das war bei Kargl der Fall, der Probleme mit der Batterie hatte, aber nicht bei Fink. “Das war ein bisschen ein Spielverderber”, sagt Anne-Claire Le Berre. “Das war so nicht geplant.”

Warum hat er nicht auch gestoppt? fragt T&S. Per email antwortet Fink: “Nach der Sturmwarnung, die von den Begleitbooten mehrfach weitergeleitet wurde, gab es eine Menge Verkehr auf dem UKW-Kanal. Dabei wurde organisiert, in welche Häfen angesteuert werden. Ich habe mich nach der Warnung mit Christian Kargl unterhalten und wir konnten nicht verstehen, warum alle so früh in den Hafen fahren. Also fuhren wir weiter und wollten zu einem 85 Meilen entfernten Hafen in Portugal fahren, den wir am 2. gegen Mittag erreichen sollten. Aber vorher wollten wir noch die beiden neuen Wettervorhersagen der Wettfahrtleitung hören.

Sie besagten schließlich, dass in der Zone vor Porto im Durchschnitt nur 30 Knoten Wind herrschen würden, also beschlossen Christian und ich, weiterzufahren, um so weit wie möglich nach Süden zu kommen, wo das Wetter weniger hart sein würde. Christian hatte leere Batterien, so dass er einen Hafen anlaufen musste. Aber für mich gab es keinen Grund dafür, da mein Boot und ich unter perfekten Bedingungen segelten. In diesem Moment dachte ich noch, dass viele Leute auch weiterfahren würden. Die Kommunikation über UKW war sehr schlecht, es wurde nur französisch übersetzt, nur das Nötigste”.

Zeitlich gestaffelt wieder losfahren

In Baiona einigte sich die Spitzengruppe auf einen Neustart am Sonntag den 3.10. um 6 Uhr morgens. Man wollte zeitlich gestaffelt wieder aufbrechen, unter Berücksichtigung der Klassifizierung vom Freitagmorgen. Bei sehr leichtem Wind sei es niemandem außer Julie Simon gelungen, pünktlich loszufahren. Auf diese Weise legte sie in kürzester Zeit mehr als 50 Meilen zwischen sich und die Verfolger.

Anne-Claire Le Berre © Mini Tansat

Besonders Anne-Claire Le Berre ist genervt von der Situation. Die 39-jährige Mutter zweier Kinder blickt auf eine 15 Jahre dauernde Olympia-Kampagnen-Karriere im 470er, Yngling und Match Race zurück. Sie war Vize-Weltmeisterin und Weltranglisten-Erste, wollte nach längerer Pause wieder Wettkämpfe segeln und startete 2020 ihr persönliches Mini-Transat-Projekt mit dem Kauf eines schnellen 6.50 Maxi Plattbugs. Seit sechs Jahren arbeitet sie als Ingenieurin in der Hochsee-Regattaszene und bereitete zuletzt “Initiative Cœur” für Sam Davies auf die Vendée Globe vor. Nun aber startete sie mit einem Podium-Anspruch in das Mini-Transat und bestätigte diesen im Vorfeld mit vier Treppchen-Platzierungen. Auch bei der ersten Etappe lag sie schon auf Rang drei, als das Ranking durcheinandergeriet.

Sie steuerte mit der Spitzengruppe ebenfalls Baiona an und berichtet, viele seien verärgert gewesen, als sie hörten, dass die eigentlich zurückliegende Gruppe – zu der auch Lennart Burke gehörte – den nördlicheren Hafen von Muros drei Stunden früher verlassen hatte. “Wenn man feststellt, dass die, die weit hinten waren, jetzt vor einem sind, erzeugt das ein Gefühl von großer Ungerechtigkeit”, sagt Le Berre.

Im Interview mit dem Veranstalter auf La Palma hatte die Französin schon ihre Meinung klargemacht. “Ich lag auf dem zweiten oder dritten Platz. Was danach passierte war natürlich völlig ungerecht. Ich bedaure es sehr. Aber ich denke, die Bedingungen waren sehr kompliziert und es war gut, das Rennen abzubrechen. Wir fanden uns dann in verschiedenen Häfen wieder und haben versucht, einen Neustart so fair wie möglich nach Gruppen zu gestalten. Julie (Simon) startete 20 Minuten vor uns erwischte eine Wolke und hatte dann 50 Meilen Vorsprung. Einer hielt nicht an und gewann die Etappe. Für mich ist das Unsinn.”

“Wir trafen gemeinsam die Entscheidung”

Auch der Italiener Alberto Riva gehört zu den Spitzenseglern, deren Sieganspruch durch den Etappenverlauf einen großen Dämpfer erlitten hat. Er sagt beim Zieleinlauf: “Ich habe noch nicht ganz verdaut, was bei dem Zwischenstopp passiert ist, der so große Lücken zwischen dem ersten Boot und den anderen geschaffen hat. Aber ich bin mit der Art und Weise zufrieden, wie wir uns in der Führungsgruppe organisiert haben. Wir haben alle miteinander kommuniziert. Wir trafen gemeinsam die Entscheidung, die weiter hinten liegenden Konkurrenten nicht in Gefahr zu bringen. Denn sie wären sonst zweifellos auch weitergefahren.

Letztendlich war das Ergebnis nicht so wie erwartet, aber in Baiona haben wir die Dinge wirklich sehr gut untereinander organisiert. Es gab einen gestaffelten Neustart, um ein gewisses Maß an sportlicher Fairness einzuhalten. Wir haben wirklich alles bis ins Detail besprochen und eine große Solidarität gezeigt, ganz im Sinne des Mini-Gedankens.”

Drei Skipper seien dem nicht gefolgt. Und der Rest der Flotte steckte schließlich unter einer großen Wolke vor der Küste Galiciens fest. Danach sei es schwer gewesen, noch die Motivation zu finden, um das Rennen zu beenden. “Ich habe noch nicht verstanden, warum diese Etappe nicht abgebrochen wurde.”

Ungerechtigkeiten

19 Skipper haben einen Protest eingereicht, um genau das zu erreichen. Die Jury tagt seit Montag und diskutiert eine mögliche Wiedergutmachung, die auch eine Annullierung der Etappe sein könnte. Die Beschreibungen der Segler zeigen, dass nicht nur der Sieg von Melwin Fink diskutabel ist, sondern es auch beim Einlaufen und Ablegen in die verschiedenen Häfen zu großen Ungerechtigkeiten gekommen ist.

Das bezieht sich nicht nur auf Zeitpunkt und Ort der Stopps, sondern auch auf den Zustand der Boote. Einige Skipper hatten im ersten Sturm Schäden erlitten, die sie während des Boxenstopps beheben konnten. Auch sie gelten als Gewinner der Stopp-Phase so wie etwa Hugo Dhallenne, der am Ende der Etappe auf Platz drei gewertet wird. Er gibt offen zu: “Ich musste Reparaturen erledigen. Der Zwischenstopp hat es mir ermöglicht, danach wieder mit 100 Prozent zu starten.”

Die Rolle des jungen Deutschen wird unterschiedlich wahrgenommen. Er hat zwar an verschiedenen Stellen erklärt, dass der Solidarität-Aspekt für ihn in der Situation keine große Rolle gespielt habe, aber es kommt besser an, dass er inzwischen auch Verständnisprobleme einräumt. Möglicherweise konnte er die Tragweite der Entscheidung auf See nicht richtig einschätzen.

Melwin Fink (l.) begrüßt Lennart Burke im Ziel. © Mini Transat

Damit könnten die Konkurrenten sicher leben, für die ohnehin der Wettfahrtleiter Denis Hugues mehr in der Kritik steht. Spitzensegler Léo Debiesse, der schließlich auf Rang 7 im Ziel einläuft äußert sich bei T&S versöhnlich. “Wir haben versucht, seine Entscheidung zu verstehen, die anders war als unsere. Aber er hat nichts Illegales getan.” Gut angekommen ist es, dass Fink die ihm folgenden Skipper am Steg begrüßt und mit ihnen gesprochen hat. “Das ist das Beste, was er tun konnte”, sagt auch Debiesse.

Der sportliche Wert der aktuellen Rangliste ist allerdings fragwürdig, wie Julie Simon erklärt. “Ich bin auf Platz 4 gelandet, meine beste Leistung seit zwei Jahren. Aber es ist schwer, sich darüber zu freuen. Dieses Szenario nimmt der Leistung eines jeden die Glaubwürdigkeit.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

6 Kommentare zu „Mini Transat: Warten auf die Jury – Wie sich die Spitzengruppe beim Neustart organisierte“

  1. avatar PL_jangadamail sagt:

    Was für ein Durcheinander. Hat sich Fink an die Regeln gehalten? Ja. Kann er dafür bestraft werden, indem andere Segler Verbesserungen ihrer Zeiten bzw. Platzierungen erhalten? Nein.
    Kann man in den Verfolgergruppen Platzierungen bzw. Zeiten verändern? Theoretisch ja. Aber wie bewertet man beispielsweise Absprachen bei der Weiterfahrt, die nicht eingehalten wurden? Wie bewertet man eventuelles Fehlverhalten bei Reparaturen, Hotelübernachtungen etc. im Hafen?
    Wenn man Fink Unsportlichkeit vorwirft, wie verhält es sich dann mit der Unsportlichkeit derer, die die ganze Meute, auch die, die besser platziert waren bzw. keine Reparaturen vornehmen mussten, in die Hafen argumentieren bzw. den s.g. Sportsgeist sehr zu ihrem Vorteil nutzen.
    Eigentlich sollten alle „Semiprofis“ bewundern, wie intelligent, sachlich, analytisch, mutig Fink und Kargl ihre Situation beurteilt und ihre Entscheidungen getroffen haben.
    Bei der Beurteilung, auch vom Segelreporter, sollten Fakten und nicht Emotionen wie Neid oder Enttäuschung die Überlegungen leiten. Es waren übrigens nicht ca. 40, sondern 19 Proteste!!

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  2. avatar PL_jangadamail sagt:

    Es ist passiert. 24 Std. Gutschrift für 80 Segler.
    Wie international war sie Jury wohl?

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    • avatar Jörg sagt:

      Die Jury war international und hat – im Rahmen des Chaos, welches die Wettfahrtleitung angerichtet hat – in meinen Augen die bestmögliche Entscheidung getroffen.
      Damit ist das Rennen wieder offen und bleibt spannend.

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  3. avatar iemand sagt:

    Den größten Bock hat doch hier die Wettfahrtleitung geschossen und die Zeit Gutschriften sind vermutlich die beste Alternative zu einer Annullierung der Etappe. Den Rest bekommt man nun doch wirklich nicht mehr hin. Schön oder nicht, aber so ist es nun einmal….

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  4. avatar PL_peterklingmueller sagt:

    Da haben sie(die 80) laut und ausdauernd geplärrt.Aber ohne Pampers geht es schon?!
    Hatte früher auch Interesse an den Minis, ergab sich leider nicht und fand diese Segelei bei aller Technik bis jetzt noch spannend.
    Aber das ist vorbei.

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