Crash-Video und die Schwierigkeit der Rechtsprechung

Nachgefragt: Raum oder nicht Raum?

Von Carsten Kemmling

Die Regeln beim Segeln sind eigentlich nicht so schwer zu verstehen. Lee vor Luv, Wind von Steuerbord vor Wind von Backbord, Innenposition an der Marke vor Außenlieger. Aber wenn man diese Kollision im Video bei einem Match Race in Detroit  analysiert, wird verständlich, wo die Probleme im Detail liegen.

Auf den ersten Blick scheint alles klar. Ein Boot mit Wind von Steuerbord trifft mit Wegerecht auf ein Boot mit Wind von Backbord. Es kracht. Also hat das von rechts kommende Boot einen Fehler begangen. So naheliegend entscheiden auch die Schiedsrichter. Der Däne Nicolai Sehestedt bekommt einen Strafkreis aufgebrummt, den er sofort dreht. Vermutlich war es sein zweiter.

Aber wenn man den Kurs des Amerikaners Chris van Tol genau verfolgt, wird man entdecken, dass er als Wegerecht-Boot kurz seinen Kurs ändert, als der dänische Gegner wendet, um hinter ihm zu passieren. Regel 16.1 besagt, dass ein Wegerecht-Boot, das seinen Kurs ändert, dem anderen die Möglichkeit geben muss auszuweichen. Hat er das?

Match Race Schiedsrichter Manuel Hünsch sagt auf Nachfrage von SegelReporter auf die Frage, ob das Wegerecht-Schiff zu spät seinen Kurs ändert: “Vom Blick der Kamera sieht es zumindest so aus. Was wir aber nicht einschätzen können ist die Frage, ob es nicht sowieso eine Kollision gegeben hätte? Das hätte nur der Wing (zweites Umpire-Motorboot, Anm. d. Red) sehen können (den es aber nicht gab)…

Auf jedem Fall wäre auch zu prüfen, ob Starboard einen Punktabzug nach Regel 14 bekommen hat? Ich persönlich würde davon abraten, diesen Case zu kommentieren, es fehlen zu viele Details.”

Regel 14 besagt, dass auch ein Wegerecht-Boot alles tun muss, um eine Kollision zu vermeiden. Wenn das nicht passiert, kann in einem Match Race das Vorfahrtsboot sogar einen extra Punkt abgezogen bekommen.

Was lernen wir daraus? Auch wenn eine Regelverletzung offensichtlich scheint, kann die Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachtet völlig unterschiedlich bewertet werden. Daraus kann man eigentlich nur den Schluss ziehen, dass es Sinn macht, den Gegner weiträumig zu umfahren. Denn nicht immer hat man ein Video von dem Vorfall parat.

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Carsten Kemmling

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4 Kommentare zu „Crash-Video und die Schwierigkeit der Rechtsprechung“

  1. avatar Wilfried sagt:

    sicherlich schwierig. Für mich sieht es auf dem Video so aus, dass er erst extrem auf den Gegner abfällt und im letzten Moment brutal anluvt und dadurch letzlich erst die Berührung mit dem Heck verschuldet. In dieser Situation hätte er zumindestens Kurs halten müssen und die Berührung vermeiden müssen. Ja, beim Match race wird mit härteren Bandagen gekämpft aber diese Situation finde ich schon fast unsportlich.

    Gruß Wilfried

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  2. avatar Axel sagt:

    Sieht für mich auch so aus: Hätte das Wegerechtsboot seinen Kurs gehalten, wäre wohl nichts passiert. Und er hat nicht genug Raum nach Regel 16.1 gelassen. In der normalen Regatta hätte das ein DSQ geben können

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    • avatar Carsten sagt:

      dazu muss man sagen, dass man beim matchrace bis zu 90 Grad zum Wind abfallen darf in dieser situation. das nennt sich dann dial down. ist einer der wenigen unterschiede zum fleetrace. aber den dial down muss man rechtzeitig anzeigen und relativ lange den kurs halten, damit der gegner reagieren kann. hat er hier nicht gemacht.

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  3. avatar Trung sagt:

    Das wendende Boot hat meiner Meinung nach keinen Platz zum Wenden und sollte wegen gefärlichen Mannövers zusätzlich Punktabzug in der Gesamtwertung bekommen. Zum Videozeitpunkt 0:16 ist seine Wende erst beendet. Das vorherige Abfallen vom Wegerechtboot ist in meinen Augen völlig legitim um den Wendenden klar zu zeigen “Du hast keinen Platz, Laß es!”. Nach der Wende ist das Anluven vom Wegerechtboot völlig nachvollziehbar. Der Wender liegt dicht vor seinem Bug und fällt ab. Er luvt damit er nicht seinerseits das andere Boot vor die Hörner nimmt. Dass sein Heck dadurch ausschwingt und dadurch der Wender in sein Heck fährt, ist nur das geringere Übel einer brenzligen Situation, einzig und allein durch den Wender verursacht.

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