Nacra17 Unfall: US-Katsegler verliert Finger bei Kenterung – Sind die Foiler zu unsicher?

"Unglücklicher Rückschlag"

Die neue Olympiaklasse Nacra17 kommt nicht aus den Schlagzeilen, seit die Katamarane auf Foils segeln. Nun hat sich ein US-Spitzensegler vor der WM bei einem Kentersturz verletzt.

Bora Gulari

Gulari segelte in Rio noch mit den alten C-Schwerter auf Rang acht. © US Sailing

Bora Gulari ist sicher kein Anfänger, wenn es um das Segeln mit Tragflächen geht. Er gehörte zu den Pionieren der Flügel-Moth-Entwicklung und sicherte sich zwei WM-Titel (2009, 2013). Als studierter Luftfahrt-Ingenieur nahm er beim italienischen America’s Cup Team Luna Rossa eine Schlüsselrolle als Segler und Technik-Spezialist ein bevor es sich für den Cup in Bermuda abmeldete. Danach steuerte er eine Melges 24 zum Vize WM Titel und qualifizierte sich nach einer verkürzten Nacra-Kampagne für Olympia in Rio, wo er Rang 8 belegte.

Die Umrüstung des Nacra17 auf Foils schien für ihn gemacht. Und prompt hat er im Alter von 42 Jahren eine neue Olympiakampagne für 2020 in Japan gestartet. Gulari berichtete ausgiebig über die ersten Flugversuche mit dem neuen Schiff. Aber nun schockte er die Szene kurz vor der WM im französischen La Grande Motte mit einer schweren Verletzung.

Finger verloren

Bei einem Sturz aus voller Fahrt hat er laut einer Mitteilung des US-Seglerverbandes Teile von drei Fingern seiner rechten Hand verloren. Er soll “in Kontakt mit dem Rigg” gekommen sein.

Bora Gulari

Gemeinsam Kurs Tokio. Bora Gulari mit seiner ehemaligen Vorschoterin. © Daniel Forster/US Sailing

Aber das ist schwer zu glauben. Besser informiert ist die Website saily.it , die mit dem italienischen Coach Gabriele Bruni gesprochen hat. Der wird zitiert: “Gott sei Dank lebt Bora noch! Das war ein wirklich schlimmer Unfall.” Es passierte bei einer Trainigsregatta mit gut 40 Booten in La Grande Motte und starkem Wind. Kenterungen seien eigentlich nichts Besonderes, “aber leider hat sich Bora diesmal instinktiv an einem Teil des Foils festgehalten, der extrem scharf ist. Er hat sich wohl dreieinhalb Finger abgeschnitten. Ich war ganz nah dran und sah sofort die blutende Hand. Wir haben die fehlenden Stücke gesucht, aber der Wind war sehr stark.”

Bora Gulari

Gulari als Moth-Pionier auf Flügeln. © Sean Trew/ www.pacificfog.net

Der ehemalige DSV Chefcoach David Howlett, der jetzt für das US-Team arbeitet, half bei der Bergung des Verletzten wie auch Rio-Gold-Gewinner Santiago Lange, der die Kenterung von Land aus beobachtet hatte.

“Unglücklicher Rückschlag”

Gulari wurde sofort in ein lokales Krankenhaus gebracht und operiert. Danach ließ er über den US-Verband vermelden: “Das ist ein unglücklicher Rückschlag, aber Helena und ich, wir werden wieder auf die Beine kommen und unsere Tokio-Kampagne fortsetzen. Zweifellos werde ich so früh es geht zurück auf dem Wasser sein. Das sollte nicht länger als einen Monat dauern.”

Bora Gulari

Moth Weltmeister 2013. © Thierry Martinez

Besonders für Vorschoterin Helena Scutt dürfte der Unfall ein Déjà-vu darstellen. Sie hatte 2013 bei ihrer ersten 49erFX WM einen schweren Segel-Unfall zu überstehen.  Damals stieß sie auf einem Amwindkurs mit einem unter Gennaker segelnden vorfahrtsberechtigten deutschen Boot zusammen, und wurde mit dem Ausreit-Flügel am Rücken getroffen.

Bora Gulari

Gulari hat eine zweite Olympia-Kampagne im Nacra gestartet. © US Sailing

Dabei brachen Wirbelsäule wie zwei Rippen, und es entstand ein Riss in der Niere. Wie durch ein Wunder verlief der Heilungsprozess so gut, dass Scutt im 49erFX in Rio starten konnte (Platz 10). Ihre Kraft sollte auch Gulari beim Genesen helfen.

Sind die Foils zu scharf?

Der Vorfall wirft allerdings Fragen auf nach der Sicherheit der neuen Foiler. Der Nacra17 kommt immer wieder durch Pannen ins Gerede. Die nicht ausreichend dimensionierten Schwertkasten-Führungen sind zwar inzwischen rechtzeitig vor der WM ausgetauscht, aber der Unfall dient nicht gerade dazu, die Kritiker verstummen zu lassen.

Sind die neu entwickelten Foils zu scharf für einen sicheren Betrieb? Oder ist das Foiling generell zu gefährlich? Schließlich hat schon Franck Cammas Ende 2015 bei einem Kontakt mit seinem GC32 Foil fast den Fuß verloren. Machen sich die Foiling-Pioniere zu wenige Gedanken über die Sicherheit? Werden die Segler als Versuchskaninchen missbraucht? Oder handelt sich um normale Unfälle, die beim Sport nicht auszuschließen sind?

Vor dem America’s Cup 2013 wurden Segler und Konstrukteure schon einmal von der rasanten Entwicklung überrascht, und erst nach dem Tod von Andrew Simpson gab es massive Sicherheitsverschärfungen. Auch deshalb ist in Bermuda kaum ein größerer Schaden für Menschen passiert.

Der Unfall muss ein Weckruf sein. Die Klasse ist gefordert, sich verstärkt Gedanken zum Thema Sicherheit machen und eine Reaktion zeigen. Da hilft es nicht, sich hinter dem offenbar unscharfen Statement des US-Verbandes zu verstecken.

Gennaker am Wind

Den Seglern kann man keinen Vorwurf machen. Sie werden besonders auf olympischer Ebene weiterhin die ihnen gegebenen Grenzen im Rahmen der Regeln ausloten. Und die Entwicklung der Nacra17-Foiler befindet sich erst in der Anfangsphase.

So hat sich schon bei der ersten Foiler EM in Kiel die Erkenntnis durchgesetzt, dass die neuen flachen Gennaker auch am Wind bei bis zu 9 Knoten Wind gesetzt werden können um schneller nach Luv zu segeln.

Nacra 17

Die neuen flachen Nacra17-Gennaker werden auch am Wind bis zu einer gewissen Windstärke gesetzt. Der Masttopp biegt stark nach Lee. © 49er Class

Dabei hat Nacra hat explizit darauf hingewiesen, dass die Masten für die zusätzliche Belastung nicht ausgelegt sind. Es drohen, Masten zu brechen. Aber jetzt wurde entschieden, zumindest für die WM den Gennaker-Einsatz am Wind zuzulassen. Die Zeit für ein Verbot so kurz vor der WM reiche nicht aus.

 

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *