Nord-Stream-Race 2018: NRV-Crew auf Platz zwei – Schlafen über dem Seezaun hängend

"Gewaltige Lernkurve"

Das NRV-Bundesliga-Team ist beim Nord-Stream-Race  2018 mit den baugleichen Club Swan 50 Yachten auf Rang zwei gelandet. Daniel Reichart berichtet über den Sieg bei der härtesten Etappe nach Stockholm.

2. Platz im Gesamtergebnis für den NRV beim Nord-Stream-Race. “Mit dem Ergebnis können wir mehr als zufrieden sein”, so formulierte es unser Teamcaptain Sven-Erik Horsch ziemlich treffend.

Das Nord-Stream-Race fand in diesem Jahr unter dem Motto „Connecting baltics through sports” statt. Gesegelt wurde auf baugleichen Club-Swan50-Yachten von Kiel über Kopenhagen, Stockholm, Helsinki bis nach St. Petersburg. Als letztjährige Meister der Segelbundesliga hatten wir, das NRV Team, uns für dieses Event qualifiziert und traten nun gegen die Ligameister aus Dänemark, Schweden, Finnland und Russland an. Vier Offshore-Etappen zwischen den einzelnen Destinationen gingen in die Wertung ein, und ebenso die an jedem Etappenziel stattfindenden Inshore-Races.

NRV-Team Nord Stream Race

Das NRV-Team bei harten Bedingungen. © Andrey Sheremetev/NSR

Für uns Liga-J/70-Segler war die Club Swan 50 größtenteils Neuland. Ein doch eher Richtung Racing konzipiertes Kielschiff mit tollem Speedpotential, das feinfühlig und vorausschauend zu segeln ist. Die Lernkurve war gewaltig – nach den ersten Ausfahrten in Kiel, wo wir eher damit beschäftigt waren, uns nicht zu verletzen und das Schiff in einem Stück wieder in den Hafen zu bekommen, verlor das Schiff seine Dimensionen und wir näherten uns immer weiter dem Grenzbereich an.

NRV-Team Nord Stream Race

Das NRV-Team bei der siegreichen 2. Etappe nach Stockholm © Andrey Sheremetev/NSR

Gestartet wurde das Nord-Stream-Race mit kurzen für uns erfolgreichen Kurzstrecken während der Kieler Woche. Am letzten Sonntag der Kieler Woche fiel dann der Startschuss zum ersten Teilstück nach Kopenhagen. Ein 17 Stunden „Sprint“ durch die Nacht, wo schlussendlich zwischen Platz 2, 3 und 4 nur 30 Sekunden lagen. Ein toller Fight bis zum Ende, in dem wir leider durch individuelle Fehler nur undankbarer 4. wurden.

Unter Motor in der Ostsee. Public Viewing auf dem iPad: WM-Spiel Deutschland – Südkorea. © D. Reichart

Nichtsdestotrotz war die schon erwähnte Lernkurve gewaltig. Wir lernten, dass ein Powerreach mit Doubleblade (Vorsegel und J4 Vorsegel gleichzeitig) bei einem bestimmten Krängungswinkel eine wahre Geheimwaffe sein kann, und dass der Targetspeed bei achterlichem Wind weitaus wichtiger ist als die entsprechenden Winkel genau zu treffen.

Es folgte der Zwischenstopp in Kopenhagen bei Mittelmeerwetter und 20 Knoten Wind während des Inshore Rennens – vor einer tollen seglerischen Kulisse, die wir wegen der harten Knochenarbeit durch die vielen Manöver nur bedingt genießen konnten!

Die Königsetappe

Am Tag darauf startete die Königsetappe mit circa 430sm nach Stockholm, doch zunächst hieß es „No Wind – please use your engine for 24 hours to get to Öland, there will be your start on the next day at 10 am“ – eine kluge Entscheidung, da wir in der Nacht wahrscheinlich keine 10 Meilen vorwärts gekommen wären. So hatten wir Zeit, am iPad das wenig erfolgreiche deutsche WM-Spiel gegen Südkorea zu verfolgen und, viel schöner, die einmaligen skandinavischen Sonnenunter- und -aufgänge zu bewundern.

 

Vor Öland erfolgte dann der Neustart der Etappe. Voll motiviert produzierten wir einen Nullstart unter Gennaker, es folgte ein enger und harter Kampf bei immer stärker werdenden Winden und Spitzengeschwindigkeiten der Boote von bis zu 17 Knoten über Grund. Doch schon von Beginn an lag uns „Chriggel“, unser Navigator, in den Ohren: „Jungs, be prepared, um 24 Uhr wird der Wind um 180 Grad drehen und schnell auf 30+ Knoten ansteigen.“

NRV-Team Nord Stream Race

Abschied bei Flaute.

Und so kam es dann auch, Schlag 24 Uhr mussten wir von unserem neuen „favorite move“ Doubleblade auf das kleine J4 Vorsegel und Reff im Groß wechseln, ein Manöver, dass wir im Vergleich zu unseren Konkurrenten am schnellsten bewerkstelligten. Was nun folgte, hatten wir uns alle wahrscheinlich nicht so ausgemalt.

14 Stunden hart am Wind, 30+ Knoten, kurze steile Ostseewelle, durch die Nacht – die „estimated time of arrival“ will bei 8 Knoten maximalem Speed über Grund nicht näherkommen. Gedanken springen im Kopf umher, man kämpft mit seinen körperlichen Kräften, Bootsschäden, Müdigkeit, Seekrankheit und schläft phasenweise über dem Seezaun hängend.

NRV-Team Nord Stream Race

Feierlaune beim Ziel in Stockholm. © Andrey Sheremetev/NSR

Als dann auch noch der Schäkel am Genuafall bricht, das Boot gefährlich schlingert und wir nur mit Mühe und hohem körperlichen Einsatz der gesamten Mannschaft das Schiff wieder fahrtüchtig bekommen, fährt das russische Team „Lord of the Sail-Asia“ mit voller Kraft in Luv an uns vorbei – „Ciao, das war’s“, denken in diesem Moment wahrscheinlich alle an Bord. Dennoch ist es wunderbar zu sehen, wie die Mannschaft zusammenhält, jeder füreinander da ist und aufmunternde Worte parat hat.

Wassereinbruch bei den Finnen

Das Ziel lag vor Sandhamn, also vor den Stockholmer Schären. Wir kämpften uns zurück, waren auch aufgrund der starken Steuertechnik von Skipper „Horschi“ einfach schneller als die Konkurrenz und passierten das Ziel als erste, gefolgt von den Russen und Schweden – ein tolles Gefühl nach dieser in Erinnerung bleibenden Nacht.

Wir hörten, dass die Finnen aufgrund von Wassereinbruch frühzeitig abdrehen mussten, zudem kam dem dänischen Team das Großsegel herunter – alle hatten zu kämpfen. Im Hafen von Stockholm (bei toller Stimmung lagen wir mitten in der Stadt im Rahmen der größten schwedischen Offshore Regatta „Gotland runt“) warteten schon unsere Teamkollegen, die von Stockholm an übernahmen. Wir feierten diesen Sieg und die überstandenen Strapazen entsprechend der Hamburger Gepflogenheiten ausgiebig und ausgelassen.

Unsere zweite Crew legte ebenfalls einen tollen Fight auf den nächsten Etappen und Inshore-Races bis nach St. Petersburg hin, wurden jedoch beispielsweise in Führung liegend durch einen Wassereinbruch ausgebremst. Schlussendlich belegte das NRV Bundesliga Team in der Gesamtwertung den 2. Platz, geschlagen nur von dem russischen Team „Lord of the Sail-Asia“, die durchwegs eine sehr überzeugende Leistung demonstrierten.

Gesamtergebnis beim Nord Stream Race 2018

Der Sieger-Club aus Russland

Hinter dem russischen Verein “Lord of the Sail”, der das Nord Stream Race auf Rang eins beendet, verbergen sich einige der besten Segler des Landes. Match Race Europameister Evigeniy Neugodnikov und Sergey Musihi gründeten den Verein erst 2004 in Jekaterinburg, und versammelten dort Segler insbesondere aus der Match-Race-Szene.

Die Profis wollten auf höchstem internationalen Niveau segeln und nahmen in verschiedenen Kombinationen am Rolex Fastnet Race, Rolex Sydney Hobart Race und dem Rolex Middle Sea Race teil. Inzwischen haben sie auch eine Segelschule im Club gegründet und haben als Ziel ausgelobt: Den Segelsport in Russland wieder populär zu machen.

Lord of The Sail wurde zum Sammelbecken der besten Segler des Landes und sie fanden mit der russischen Liga das beste Spielfeld. Nach dem Sieg 2016, der 2017 beim Champions League Finale mit Evigeniy Neugodnikov am Steuer zu Rang vier führte, meldeten sie ein zweites Team für die Liga und firmieren fortan unter “Europa” und “Asia”, da Jekaterinburg genau auf der Kontinent-Grenze liegt.

2017 gewann dann das “Lord of the Sail – Asia” die russische Liga und ging folgerichtig auch als Favorit in das Nord Stream Race.

Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *