Normandy Channel Race: Mathias Müller von Blumencron erzählt von seinem Rennen

"Kopf frei bekommen"

Mathias Müller von Blumencron hat mit Boris Herrmann auf seiner “Red” das Normandy Channel Race auf einem starken sechsten Platz beendet nur zwölf Minuten hinter Rang vier. Im Gespräch mit SegelReporter ist ihm auch zwei Tage nach der Regatta die Euphorie des Erlebnisses noch anzumerken.

Mathias Müller von Blumencron (r.) und Boris Herrmann beim Normandy Channel Race

Mathias Müller von Blumencron (r.) und Boris Herrmann segelten zum zweiten Mal das Normandy Channel Race. © Jean Marie Liot

Wenige Tage zuvor war der Journalist als Teil der Doppelspitze beim Spiegel von seinen Aufgaben entbunden worden. Sein Schicksal wurde öffentlich in den Medien diskutiert. Warum musste gerade der Spiegel Online Erfinder gehen, der nach wie vor starke Wachstumszahlen und Gewinne abgeliefert hat und bei der Belegschaft beliebt war?

Für Müller von Blumencron kam die Ablösung überraschend. Dann war er plötzlich verschwunden. Der lange geplante „Urlaub“ beim Normandy Channel Race stand an. Über Ostern hatte er seine Class 40 bei Schneetreiben und Sturm von Deutschland zum französischen Caen überführt.

“Genau das Richtige”

Eine Absage des Rennens kam für den Segel-Fanatiker nicht in Frage. Im Gegenteil: “Es hätte mich sehr geärgert, wenn ich wegen dieser Sache die Regatta verpasst hätte”, sagt Müller von Blumencron. “Es war genau das Richtige, um den Kopf frei zu bekommen.”

Auf See ginge es schließlich nur um existenzielle Überlegungen. An den Job habe er während des Rennens nie gedacht. “Das war so intensiv. Wir haben so konzentriert gesegelt, da blieb keine Zeit zum Trübsal blasen.”

Noch immer überwiege das Erlebnis dieses Rennens. “Davon werde ich noch Wochen zehren. So war es schon beim Atlantik Abenteuer Quebec St-Malo. Die positiven Gedanken haben mich noch Monate danach begleitet.”

“Ich liebe dieses Schiff”

Diesmal hat sich eine Szene besonders in sein Hirn gegraben. Die Nacht vor dem Zieleinlauf. Flaches Wasser und bis zu 30 Knoten Wind. Eine schmale Mondsichel am Himmel weist den Weg. „Red“ rast Stunden lang kontrolliert mit 15 bis 17 Knoten durch die Dunkelheit. „Ein absolutes Hochgefühl. Adreanalin pur. Ich liebe dieses Schiff.“

Schon die erste Phase des Rennens glückte gut.  In einem Feld, das die besten Boote der Flotte an die Linie gebracht hatte, konnte die betagte “Red” (2007) hervorragend mithalten. Auf dem kurzen Up and down Kurs unter der Küste lag sie sogar auf Rang zwei.

Auf dem langen spitzen Reach entlang der Küste fehlte etwas der Speed gegen die neuesten Designs, aber die Passage des Kanals und der Kurs um die Isle of Wight führte sie am Ende des komplizierten Solents bis auf 1,5 Meilen an die Spitzenposition heran.

Dann wurde es hart. In der Nacht ging es bei der Isle of Portland lange und heftig gegenan. “Da hatte ich meine schwachen Momente. Boris kennt das schon von mir.” Die Zweifel wuchsen. Was für einen Sinn macht das Gebolze? Die Aussichten wurden immer schlechter. Sturm am Tuskar und Fastnet Rock. Immer mehr Gegner drehten ab.

Alle Crews mussten zustimmen

Die verbliebenen Crews diskutierten per Funk. “Ganz wenige wären wirklich zum Rock gesegelt. Wir wohl auch nicht.” Die Wettfahrtleitung musste bis zum Lizard Point eine Entscheidung über eine Verkürzung fällen. Sie kam am frühen Morgen. Eigentlich zu spät, ginge es nach den Segelanweisungen. Alle Crews mussten zustimmen. Aber das taten sie auch.”Eine goldrichtige Entscheidung.”

Nach der Rundung des virtuellen Wegepunktes wurde aus dem harten Rennen ein spannendes voller Adrenalin. Bei 30 Knoten raste “Red” auf dem spitzen Raumschenkel los. Teilweise in Sichtweise der Konkurrenz prügelten die Crews ihre Class 40 auf die Zielgerade. “Ein Genuss”, sagt der Skipper. Bessere Schiffe gebe es nicht für diese Bedingungen. “Schade, dass sich nicht mehr deutsche Eigner dafür entscheiden.”

Lange rasten sie auf Platz fünf dahin, vorbei an Cherbourg. Dann lief “Red” bei einer 34 Knoten Böe aus dem Ruder. Der kleine Spi platzte weg und von nun an waren sie gehandicapt. Der Brite Nat Collier Wakefield raste von hinten heran.

Kalt aber schnell

“Wir dachten nicht, dass es sich um eine Class 40 handeln könnte, so schnell kamen sie auf.” Als die Akilaria RC3 “Al Bucq” mit dem großen Spi vorbei war, zogen auch die Deutschen die große Blase. “Die letzten 25 Meilen waren unglaublich. Extrem kalt aber wahnsinnig schnell.”

Mit einem Reff im Groß kam “Red” der Konkurrenz immer näher. Platz vier war zum Greifen nahe. Aber schließlich fühlte sich auch der Sechste wie ein Erfolg an. “Ein wahnsinniges Erlebnis.”

Theoretisch könnte es mit ihrem Schiff wohl bis Rang drei nach vorne gehen. Aber “Mare”, das Schwesterschiff “GDF Suez”und auch die Tyker Evolution 3 von Bruno Jourdren seien wohl schneller. “Besonders von Jörg bin ich beeindruckt. Super vorbereitet, schnell und diszipliniert. Dazu ist er ein guter Typ. Er schnappt nicht über. Respekt. Das macht er richtig toll.”

Ergebnisse Normandy Channel Race 2013

 

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Normandy Channel Race: Mathias Müller von Blumencron erzählt von seinem Rennen“

  1. avatar Manfred sagt:

    Respekt, Respekt… und den zollt Mathias auch der Konkurrenz. Eben ein echter Sportsmann.
    Schöner Bericht. Danke.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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