Ocean Race Europe: Stanjek kann Akzente setzen, aber nun fliegt die Konkurrenz davon

Foiler lassen die Muskeln spielen

Das Offshore Team Germany ist gut in das Ocean Race Europe gestartet und konnte seine Stärken bei Leichtwind zeigen. Bei den aktuellen Bedingungen sind die Foiler aber fast zwei Knoten schneller.

Robert Stanjek an der Pinne. Philip Kasüske gibt den Einflüsterer. © OTG/Diemer

Die Gestalter des Ocean Race Trackers haben es gut gemeint mit dem Offshore Team Germany. Sie zeichneten dem deutschen Boot Tragflächen an das schwarze Symbol-Schiffchen. Aber diese Anhänge sind noch nicht angebaut. Sie sollen das Schiff erst später im nächsten Jahr beschleunigen, wenn klar ist, welche Art von Tragflächen das größte Potenzial haben für den The Ocean Race Kurs haben.

Flügel-Spezialist Martin Fischer hat diese Strategie als äußerst zielführend bewertet, um den älteren IMOCA für das große Rennen 2022 um die Welt maximal zu beschleunigen. Aber bis dahin müssen Robert Stanjek und Co noch einige für Rennsegler harte Momente erleben.

So wie im Moment. Bei perfekten Raumschotsbedingungen stabil über 12 Knoten sind die vier IMOCA-Konkurrenten in ihrem Element. Dafür wurden sie konstruiert: Im Flugmodus Meilen machen auf dem Atlantik. Das war die Strategie für die Vendée Globe. Einen möglichst großen Vorsprung rausholen, bevor die große Southern Ocean Welle alle Boote gleichermaßen stoppen würde.

Das funktionierte zu Beginn der Weltregatta im vergangenen Jahr. Und insbesondere LinkedOut konnte nach der Äquator-Querung im Passat seine überragenden Flugfähigkeiten zeigen. Allerdings machte dann die ungewöhnliche Ausdehnung der St. Helena-Hoch-Flaute alle Vorteile zunichte. Und im Southern Ocean bekamen die Foiler ihre bekannten Probleme.

Die Konstrukteure mussten sich schon anhören, versagt zu haben. Aber gerade Thomas Ruyant bestätigt nun mit seinem blauen Flieger die Überlegenheit. Und ausgerechnet das deutsche Boot ist der Gradmesser. Es segelt aktuell teilweise mehr als zwei Knoten langsamer.

Das sah anfangs noch anders aus. Der Start in die erste Etappe des Rennens am Samstagmittag war der Moment für die „Einstein“: Das 1300 Seemeilen lange Teilstück der dreiteiligen Tour begann mit extrem leichten Winden vor Lorient/Frankreich. Und OTG-Skipper Robert Stanjek weiß aus seiner olympischen Karriere, wie man am besten ein Rennen eröffnet. Er wählte eine Position in der Nähe des Startschiffes, hatte die Flotte stets im Blick und kontrollierte das Feld. Als erster Imoca passierte die „Einstein“ ein Gate, von wo aus der Weg für die weitere Etappe freigegeben war.

Natürlich hatte diese erste Stunde nur wenig Aussagekraft für die weitere Strecke nach Cascais/Portugal, aber es war die Gelegenheit, um in der Live-Übertragung des Starts via Eurosport in 50 Länder die deutschen Farben zu präsentieren. Bis zum Kap Finisterre hielt sich “Einstein” nahe der favorisierten Knkurrenz und übernahm immer mal wieder die Führung – sehr zur Freude von Skipper Stanjek und der Teamführung: „Wir hatten eine sehr, sehr gute Nacht erste Nacht, konnten nicht nur mit den anderen neuen Imocas mithalten, sondern für einige Meilen auch die Führung übernehmen. Nun geht es auf direktem Weg in Richtung Wegpunkt. Großartiges Segeln, keine Probleme aktuell, tolle Etappe für uns bisher“, berichtete Robert Stanjek aus der Biskaya.

Teammanager Jens Kuphal schlug in die gleiche Kerbe: „Das Team schlägt sich bestens, hat sich am Start perfekt in Szene gesetzt. Wir sind sehr stolz. Dass die anderen Imocas bei den nun herrschenden Bedingungen auf dem Atlantik deutlich im Vorteil sein werden, ist klar. Aber die Performance in den ersten eineinhalb Tagen gibt uns viel Zuversicht für die weiteren Etappen.“

Die erste Etappe führt die Flotte der fünf Imocas sowie der sieben VO65 zu einer virtuellen Rundungsmarke im Atlantik (auf halbem Weg zwischen dem europäischen Festland und den Azoren) und von dort nach Cascais in Portugal. Knapp die Hälfte der Strecke ist nach zwei Tagen bewältigt. Im weiteren Verlauf des Rennens wird es von Cascais nach Alicante/Spanien gehen, bevor die reine Mittelmeer-Etappe nach Genua/Italien den Schlusspunkt des The Ocean Race Europe bildet.

Nach dem gutem Beginn bei leichtem Wind und den folgenden Vorwind-Bedingungen, die zahlreiche Halsen beinhalteten, setzte dann aber vor Kap Finisterre der stabile Nordwind ein. Die Foiler fliegen davon. In den vergangenen 24 Stunden nahm etwa LinkedOut dem deutschen Boot auf geradem Kurs 43 Meilen ab.

OTG uncut:

Auch die alte Hugo Boss, Vendée Globe Zweite 2017, die seit zwei Jahren vom 11th Hour Team optimiert wird und nicht bei vergangenen VG antrat, segelt erstaunlicherweise auf dem Niveau des vier Jahre jüngeren Neubaus von Thomas Ruyant und hat die Spitze übernommen. Dabei will das US-Team nur Erfahrungen für seinen IMOCA-Neubau sammeln, der nahezu fertig ist.

Bei diesem Kurs und dieser Windrichtung/Stärke zeigt sich auch, dass die in einer eigenen Wertung segelnden VO65 Onedesigns gegen die fünf Fuß kürzeren IMOCAs nicht mithalten können. Sie sind zwar auch minimal schneller als der deutsche Nicht-Foiler, aber gegen den Raumschots-Speed der Flieger können sie nichts ausrichten.

Erwartungsgemäß haben die erfahrensten Teams die Führung übernommen. Keines hat so viel Zeit in die Vorbereitung gesteckt wie Mirpuri unter dem französichen Skipper Yoanne Richomme, der 2019 als Ersatzmann die Solitaire du Figaro gewann. Auf Platz zwei segelt Chris Nicholson, der dreimalige 49er Weltmeister und sechsmalige Volvo-Ocean-Race-Teilnehmer. Der Australier hat auf AkzoNobel wieder ein schlagkräftiges Profi-Team versammelt, das den Mirpuri-Favoriten wohl noch ziemlich gefährlich werden kann.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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