Barcelona World Race: Boris Herrmann im SR-Interview von Bord

"Extreme Monotonie"

Boris Herrmann und Ryan Breymaier auf der Ziellinie in Barcelona. © Marina Könitzer

Boris Herrmann spricht wenige Meilen vor dem Ziel in Barcelona mit SegelReporter über die 100 Tage auf See. Die nervendsten Momente seien die Flauten gewesen. Gibraltar ist ihm noch gut im Gedächtnis, als „Neutrogena“ Tage lang im Gegenstrom nicht von der Stelle kam, und sogar zurück trieb. Die Kurslinien beschrieben Knoten während die vier führenden Yachten davon zogen.

„Diese Flauten sind auch deshalb besonders anstrengend, weil der Autopilot ohne Fahrt nicht funktioniert. Man muss selber steuern“, sagt der deutsche Doppel-Weltumsegler. „Außerdem gehen die ständigen Segelwechsel auf die Knochen.“ Bei instabilen Verhältnissen muss der Segelplan viel häufiger angepasst werde.

"Neutrogena" gibt auf den letzten Metern noch einmal Gas. © Marina Könitzer

Abgesehen davon, dass die sieben Jahre alte „Neutrogena“ ohnehin bei wenig Wind nicht gerade zu den Rennern gehört, verlieren Herrmann und Breymaier aber unverhältnismäßig viel Boden bei Flauten wie während der ersten Doldrums-Passage.

„Das hat auch damit zu tun, dass wir mit unserem großen Gennaker nicht sehr zufrieden sind. Gerade bei wenig Wind funktionierte er nicht gut.“

Dagegen ist Herrmann das Duell mit „Mirabaud“ als Highlight noch präsent. „Im Southern Ocean kommt mir das Meer viel größer und weiter vor als im Atlantik. Die Wellen sind länger. Ich fühle mich wohler. Es ist der Hammer, wenn man mit kleinem Spi dahin jagt. Das ist die Essenz dieses Rennens.“

Herrmann reckt die Faust. Die letzten Wochen waren zäh. © Marina Könitzer

Die Eistore lassen kaum taktische Optionen zu. Parallel zur „Mirabaud“ geht es um absoluten Speed. „Wir konnten hart puschen und waren fast gleichschnell. Einmal haben wir sie sogar gesehen. Vier Meilen voraus.

Wir kamen immer näher und dachten, jetzt haben wir sie. Bei 30 Knoten Speed refften wir und machten etwas ruhiger. Aber beim nächsten Positionsreport waren sie wieder zehn Meilen weg. Es war sehr spannend.“

Auch die Begegnung mit Thomas Coville am Kap Horn war skurril und begeisternd. „Vor uns ging die Sonne auf und hinter uns erschien ein Punkt am Horizont. Er kam immer näher. Es war so cool. Thomas raste auf seinem riesigen Tri vorbei. Er sprang auf seinem Schwimmer herum und winkte. Man konnte seine Energie geradezu spüren. Unvorstellbar, wie er diese riesigen Segel bedient. Er ist der wahre König der See.“

Blick zurück auf gut 28000 gesegelte Meilen im Kielwasser. © Marina Könitzer

Der Tiefpunkt war mit den Schäden am Kap Horn erreicht. Erst der Hydraulik-Schaden – „da lagen wir nur 20 Meilen hinter „Renault“ -dann das Problem mit dem Stag am Kap. Die Bühne war bereitet für einen spannenden Vierkampf um den dritten Platz. Aber „Neutrogena“ konnte nicht mehr ernsthaft eingreifen.

Ohne das Gewicht der Kielbombe weit genug in Luv war das Schiff einen Knoten langsamer als zum Beispiel „Estrella Damm“ das Siegerschiff des vergangenen Barcelona World Race. Die Spanier zogen schließlich fast mühelos vorbei.

Herrmann gibt aber auch zu, dass es nicht die einzige Bremse war. Sie hätten das Solent-Stag zwar wieder am Mast befestigen können. Aber bei dem ungewöhnlich langen und harten Amwindkurs Richtung Mittelmeer hätten sie das wichtige mittlere Vorsegel nicht mehr gesetzt. Die provisorische Laschen-Verbindung am Mast sei nicht sehr belastbar gewesen.

Empfang vor der Ziellinie. Die Liebsten sind gekommen. © Marina Könitzer

Deshalb waren die letzten Wochen ohne direkte Konkurrenz besonders psychologisch hart. „Diese extreme Monotonie zerrte an den Nerven“. Der Informationsfluss von Bord wurde deutlich spärlicher.

„Wir hingen schon ziemlich durch und waren erschöpft. Diese negative Stimmung wollten wir nicht so gerne nach draußen tragen.“ Mit Ryan habe es durchaus Spannungen gegeben und das Portimao Race dem Freund Felix Öhme sei etwas anderes gewesen. Aber dafür, dass er den Amerikaner erst kurz vor dem Abenteuer kennengelernt habe, seien sie sehr gut klar gekommen. „Wir haben uns super ergänzt.“

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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