Barcelona World Race: Boris Herrmann muss auf der Zielkreuz hungern

"Wie Knüppel ins müde Kreuz"

Boris Hermann will jetzt endlich ankommen. Die ewige Kreuz mit dem beschädigten, langsamen Schiff nervt. © FNOB

Die letzten Meilen nach Barcelona werden für Boris Herrmann und Ryan Breymaier noch ein hartes Stück Arbeit. Besonders psychologisch geht es jetzt an die Grenzen der beiden Skipper der „Neutrogena“. Das klingt zwischen jeder Zeile durch, die Herrmann zurzeit an Bord verfasst.

Frisch geföhnt, so scheint es, und penibel rasiert präsentiert er sich zwar gestern Abend beim Barcelona World Race im jüngsten Bordvideo für den NDR Sportclub, aber nach fast 90 Tagen auf See zerrt die momentane Situation mehr an den Nerven, als er sich äußerlich anmerken lässt.

„Seit dem Äquator hat sich meine Wahrnehmung der Zeit auf See verändert“, schreibt er im Blog für den NDR. „Es ist dumm, zu sehr ans Ankommen zu denken, aber es war seit langer Zeit so ein innerer Meilenstein: Rückkehr in die Nordhemisphäre und dann sei es ja nur noch ein Katzensprung, dachte ich immer.

Karte vom 28.3. Die Spitze nähert sich den Kanaren. Boris Herrmann (schwarz) und der Rest des Mittelfeldes befindet sich auf einer nicht enden wollenden Kreuz gen Heimat.

Doch nun realisieren wir, dass uns hier noch eine echte Hürde erwartet. Die kommenden 2.500 Seemeilen von hier bis Gibraltar laufen genau gegen den Passatwind. Und anders als bei allen anderen Teilstrecken, ist dieser Wind stetig, es besteht also keine Hoffnung auf einen Winddreher.

Normalerweise haben wir immer Spannungsbögen von drei bis vier Tagen: die Passage eines Tiefs, das Erreichen eines neuen Icegates usw. Doch hier sind es fast 14 Tage monotone, anstrengende Amwindbedingungen.

Und wer sich im Segeln etwas auskennt, weiß, was Kreuzen bedeutet: Doppelte Strecke, vierfache Zeit und zehnfache Belastung; Das Schiff kracht unerbittlich in die kurze Passatwindwelle bei jämmerlicher Geschwindigkeit und einem Winkel bis zu 50 Grad vom direkten Kurs abweichend. Denn aus der Richtung in die wir wollen, bläst nun einmal der Wind.“

Anna Corbella im Mast der "Gaes". Die sechstplatzierten Frauen sind wieder auf Kurs. © FNOB

Das Kreuzen wäre wohl nicht so schlimm, wenn im Wettkampfrausch das Adrenalin durch die Adern schießen würde. Aber mit einem gehandicapten Boot, das durch den defekten Neigekiel einen Knoten langsamer segelt als die Konkurrenz, ist das Barcelona Worldrace für Herrmann und Breymaier mehr zum Cruising Törn geworden.

„Es ist wie in einem Auto zu fahren, dass sich nicht in den fünften Gang schalten lässt: Wir können unseren Schwenkkiel, der maßgeblich für Power und Geschwindigkeit sorgt, nicht ganz nach Luv schwenken. Die beiden Konkurrenten Renault und Estrella könnten wir wahrscheinlich einfangen, wenn dieses Problem nicht wäre, wir könnten mit um den dritten Platz kämpfen, aber so können wir nur zusehen, wie Estrella langsam davonzieht.“

So fällt es den beiden schwer, den nötigen Druck aufzubauen, der dafür sorgt, dass die gefühlte Zeit schneller vergeht. Stattdessen spüren sie jeden Schlag des Schiffes doppelt hart.

„Wie Knüppel ins müde Kreuz fühlt sich das an: Die innertropische Konvergenzzone, die Flauten am Äquator waren extrem hart, kochend heiß, windstill, Gewitterböen, kaum Vorankommen, Drei Tage gegenüber unserer erwarteten Zeitrechnung verloren. Dann die Einsicht, dieser zwei Wochen Amwindknüppelei als Ausblick, anstatt zehn Tagen schnelles Raumschotssegeln, wie wir erwartet hatten.“

Das bockende Schiff ist nicht nur nervig. Jetzt muss das Duo auch noch das ohnehin knappe Essen rationieren. Durch die nördlich verschobenen Eistore war das Rennen ohnehin länger geworden als geplant.

„Wir müssen irgendwie sechs Tage mehr Proviant zusammenkratzen und unsere Tagesrationen neu aufteilen. Aus den bisher 800 Gramm pro Person pro Tag ist aber nicht viel wegzurationalisieren. Ab jetzt also Hunger.“

Herrmann betont die Zufriedenheit mit dem fünften Platz. Wie ätzend wäre es, mit einem kaputten Schiff dem Feld hinterher zu humpeln. Aber er gibt zu: „Ich fühle mich schlapp, mental und körperlich. In dem bockenden, schrägen Schiff herumzuklettern verlangt mir alle Anstrengung ab, meine Muskeln schmerzen beim Winschen, es geht halb so schnell wie normal.

Ryan ist mager, wie ein Häftling. Doch was sind schon zwei Wochen im Leben. Durchhalten! Weitermachen! Gute Laune verbreiten! Wenn an Bord einer anfängt zu jammern, ist das der Anfang vom Ende. Wir lassen uns nichts anmerken.“

Im Regen-Video sieht auch Boris nicht sehr wohlgenährt aus. Und er strahlt auch nicht mehr die hochmotivierte Freude aus wie noch vor wenigen Wochen während des Zweikampfes mit “Mirabaud” und “Renault”. Auch die Bilder von Bord werden spärlicher. Jetzt heißt es durchhalten.

Aber dem Rest der Konkurrenz dürfte es ähnlich gehen. Die Abstände sind so groß, dass die absolute Spannung verloren geht. An der Spitze liegt „Virbac“ querab der Kanaren 270 Meilen vor „Mapfre“. Und „Renault“ auf Rang drei behauptet einen Vorsprung von 150 Meilen zu „Estrella Damm“.

Die Frauen auf „Gaes“ haben ihren Ballasttank offenbar repariert und der gebrochene Baum von „We Are Water“ hindert die Spanier nicht an der Kap Horn Passage.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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