Vendée Globe: Jörg Riechers Einschätzung der Ausfall-Serie

"Ausfälle nicht erstaunlich"

Einhand-Profi Jörg Riechers.  © - Pierrick Garenne / GPO

Einhand-Profi Jörg Riechers. © – Pierrick Garenne / GPO

Hier ein kleines Update, bin gerade zum Konditionbolzen auf Fuerteventura. Nur Krafttraining und Joggen wie in alten Lasertagen.

Zunächst zu den Ausfällen. Ich finde, dass 25 Prozent zurzeit noch nicht überdurchschnittlich viel ist. Wenn man die beide Kollisionen herausrechnet, bleiben noch drei Ausfälle, bei denen das Material die Ursache war.

Der Mast von Samatha Davis hatte schon zwei Round the World Races hinter sich und war somit am Ende seiner Lebenserwartung. Wenn dann noch ein kleiner Fehler in der Segelkonfiguration (3 Reffs und zu großes Vorsegel) plus einer fiese Welle bei relativ wenig Wind zusammenkommen, kann leicht ein Mastbruch passieren.

Erstaunlicher finde ich den Kielbruch von “Safran” und den Bruch der Hydraulikstange auf “Maitre Coq”, beides Bauteile aus Titan. Vielleicht ist dieser Werkstoff etwas zu spröde für die Anwendung in beiden Bereichen.

Das ich aber meiner Meinung nach nicht der Hauptgrund für die Havarien. Vielmehr könnte es sein, dass einige Designer die Lastspitzen unterschätzen, die auf die Kiele einwirken. Wenn ein Open 60 bei 22 Knoten Speed mit einem 40 Grad nach Luv geneigten Kiel von einer 5 Meter Welle in ein Tal knallt, sind die Belastungen möglicherweise größer, als es berechnet wird.

Weiterhin halte ich den Trend, den Kiel mit nur einen Hydraulikzylinder zu schwenken für etwas optimistisch. Es ist zwar etwas leichter als das alte zwei Zylinder Set Up, aber wenn der eine Zylinder beschädigt ist, sieht man eben sehr alt aus. Bei Mare werden wir jedenfalls auf keinen Fall mit nur einen Zylinder das Barcelona World Race und das Vendee Globe angehen. Zu viel Risiko.

Zur Perfomance der Boote:
Es ist ein wenig wie ich es erwartet habe. Die neuen VPLP Verdier Designs bestimmen das Geschehen und Bernard Stamm ist der einzige der bei der Party mitmischt.
Francois Gabart hatte eine super erste Woche. Aber als sich Armel Le Cleach eine kleine Möglichkeit bot war er sofort vorbei. Auf dem ersten Platz wird er sich auch meiner Meinung nach noch einige Zeit halten.

Eine super Performance hat bisher Alex Thompson mit “Hugo Boss” abgeliefert. Er hält mit der Spitzengruppe mit obwohl sein Boot ein kleinen Tick lamgsamer ist.

Hinter der Spitzengruppe hat sich die Gruppe der alten Haudegen formiert, die alle bei der Passage des Tiefs bei Madeira Federn gelassen haben weil sie das Tief mehr oder weniger vermieden haben. Eine Entscheidung die ich gar nicht so unintelligent finde. Denn wozu schon so früh im Rennen das Boot riskieren?

Nun hat sich diese Gruppe weiter westlich für die Doldrumpassage positioniert und kann hierduch wichtige Meilen wieder gutmachen. Denn die Faustregel sagt, je weiter im Westen man die Doldrums durchquert desto weniger hat man mit den nervigen Flauten zu kämpfen und desto schmaler ist der Gürtel der Schwachwindzone.
Wenn die Oldiegruppe mit nur 250 Meilen zur Spitzengruppen im Southern Ocean ankommt sind sie in good shape.

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11 Kommentare zu „Vendée Globe: Jörg Riechers Einschätzung der Ausfall-Serie“

  1. avatar Ketzer sagt:

    “Der Mast von Samatha Davis hatte schon zwei Round the World Races hinter sich und war somit am Ende seiner Lebenserwartung.”

    Etwas seltsam, bei solch einem Wissen dann doch zu starten, was?

    Mein Fazit aus all den Brüchen ist, dass man scheinbar bzgl. der Dauerfestigkeit der Teile einfach keine Ahnung/Erfahrung hat. Die Einschätzung der Lebensdauern der Bauteile klappt einfach nicht.

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    • avatar Manfred sagt:

      hmm, vielleicht hättest Du den Absatz zu Ende lesen sollen. Da steckt ne Menge Weisheit drin. Vorsicht beim reffen, wenn darüber dann noch ein Vorsegel angreift.

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  2. avatar hurghamann sagt:

    Alles eine Frage des Budgets, vieleicht hat es für einen Neuen schlicht nicht gereicht.

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  3. avatar Breizh sagt:

    Eine klasse Zusatzkommentierung. Bitte mehr mehr mehr …

    Und weiterhin viel Erfolg bei der weiteren Planung und Umsetzung des eigenen Projektes.

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  4. avatar Christian1968 sagt:

    Wow, das sind interessante Informationen eines sehr kompetenten Seglers aus der Szene, vielen, vielen Dank !!!!

    @Segelreporter: Vielen Dank, dass IHR regelmäßig und sehr kompetent über solch’ seglerische Highlights berichtet. Da könnten sich die Kollegen von der Y. eine fette Scheibe von abschneiden 🙂

    @ Jörg Riechers: Wie schätzt Du denn die Chancen von Bernard Stamm ein, der in der Spitzengruppe als einziger mit einem anderen Design unterwegs ist – fährt er im Southern Ocean vielleicht den anderen davon ?

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  5. avatar Klaus sagt:

    @Segelreporter: Vielen Dank, dass IHR regelmäßig und sehr kompetent über solch’ seglerische Highlights berichtet. Da könnten sich die Kollegen von der Y. eine fette Scheibe von abschneiden 🙂

    Yepp!

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  6. avatar Aha sagt:

    Es ist nur eine Vermutung,

    aber ich glaube die Festigkeitsberechnungen für solche Belastungen sind extrem schwierig, ähnlich wie bei Windrädern dürften ziemlich hohe Schwingspielzahlen erreicht werden, die schwer zu simulieren und noch schwerer zu testen sind. Es gibt hier doch einen Reporter der gerne über Technisches schreibt, vielleicht hat er ja Interesse mal einen Artikel über solche Rennmaschinen zu schreiben 😉 ?

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    • avatar Wilfried sagt:

      Das Hauptproblem ist immer sowohl die Ermüdungslasten als auch die Maximallasten überhaupt zu kennen. Im normalen Leben (außerhalb Leistungssport) werden dafür Sicherheiten berücksichtigt die dazu führen das fast alles ewig hält. Bei spröden Werkstoffen kommt noch hinzu, dass beginnende Materialermüdungen kaum zu detektieren sind. Wer auf der sicheren Seite sein will müsste solche Bauteile nach vermuteten Überlastungen oder einer gewissen Einsatzzeit präventiv austauschen. Bei knappen Budgets macht man ne Sichtkontrolle und gut ist. Hilfreich wäre natürlich ein simples Verbot solcher Baustoffe.

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  7. avatar hub hub sagt:

    Wieso geht man denn aber mit so einem alten Mast an den Start!?

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    • avatar Manfred sagt:

      Das ist eine sehr gute Frage und ich antworte Dir mal, was ich kürzlich geträumt hatte.
      Sam D hat Mann und Kind zu Hause. Ein 3 jähriges Söhnchen. Diejenigen unter uns, die selbst mal Eltern geworden sind, wissen, welche hormonellen Veränderungen da stattfinden. Ein schleichender Prozess. Nach dem letzten Erfolg wurde S. ja hochgehypt ohne Ende, was auch gut war, was sie durchaus auch wert war, was ihrer tollen Leistung entsprach.

      Die Familie muss nun auch etwas zum beißen haben und was kann man? Richtig, segeln und sich gut verkaufen. Das VG Rennen gibt schon im Vorfeld gute Gelegenheit zur Öffentlichkeitsarbeit für den Sponsor. Die Vorbereitungen, der Spass, das Publikum, der Start, alles süchtig machende Elemente. Klar, man will auch gut mitsegeln aber je näher der Tag der Abfahrt rückt, der Abschied von Kind und Mann (in dieser Reihenfolge!), desto schwieriger wird es. Man kommt aber aus der Verpflichtung nicht mehr raus. Ja, und wenn man erstmal um das Kap der Guten Hoffnung herum ist, gibt es kaum ein zurück mehr. Dann doch lieber ein guter Abgang vor dem Äquator. Nicht vordergründig aber die Psyche spielt dabei schon mit. Wobei ich die Leistung von Sam D, überhaupt soweit gekommen zu sein, in keinster Weise herab mindern möchte. Mit ihrem scheitern hat das VG für mich auch ein bißchen von seiner Fazination verloren. Schaue nicht mehr jeden Tag in den Tracker. Wird Zeit, dass einer von “unseren Jungs” an den Start geht.

      Danke an SR und Jörg für die tolle Analyse. Bitte weitermachen.

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  8. avatar BBB sagt:

    Na ich glaube nicht das Davies ihr “Achterstag “mit Absicht offen gelassen hat…Wer angst vor dem Southern Ocean hat, steigt auch nicht auf so eine Kiste. Schade Schade, ich fände es wäre mal wieder Zeit das die Schiffe ein wenig länger halten, macht doch keinen Spaß wenns nachher nur noch ein Matchrace ist. Hat schon mega genervt beim letzten Volvo Race. Bin mal gespannt wie das demnächst mit Wind abgeht…..

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