Vendée Globe: Jörg Riechers zur Strategie und Bruchserie

Is West the best?


Day 18 highlights – Tuesday, November 27, 2012

Jean Le Cam hat vor längerer Zeit zur Atlantik-Strategie bei der Vendée Globe einmal gesagt: “Wenn Du keine Ahnung hast, was Du machen sollst fahr einfach nach Westen” Das gilt vor allem für die Doldrums und für den Nordatlantik.

Bernhard Stamm bei der Arbeit. Er liegt mit der Spitzengruppe auf einer Linie. © Jean-Marie Liot / DPPI

Bernhard Stamm bei der Arbeit. Er liegt mit der Spitzengruppe auf einer Linie. © Jean-Marie Liot / DPPI

Beim Vendée Globe haben wir jetzt so eine Situation. Das Feld der Spitzenreiter befindet sich fast auf dem gleichen Breitengrad, hat aber einen riesigen Querabstand. Bei einer normalen Küstenregatta würde man jetzt denken, was zum Teufel in Jean Pierre Dick gefahren ist, der sich von der Spitze gen Süden verabschiedete.

Aber bei einer Regatta wie der Vendée Globe geht es darum, wie man sich zu den Wettersystemen positioniert. Man tut dies mit einen Vorlauf von 5 bis 7 Tagen. Was zunächst einem taktischen Selbstmord gleicht kann nach 4 Tagen wie ein genialer Schachzug aussehen.

Situation bei der Vendée Globe am 28.11. Die ersten fünf Boote sind auf einer Linie aufgereiht. Wird Jean-Pierre Dick als südlichstes Boot der große Gewinner werden?

Situation bei der Vendée Globe am 28.11. Die ersten fünf Boote sind auf einer Linie aufgereiht. Wird Jean-Pierre Dick als südlichstes Boot der große Gewinner werden?

Wer hat nun auf das richtiger Pferd gesetzt? Wer wird als Erster am Eisgate ankommen? Armel oder Jean Pierre? Ich persönlich würde mich in Jean Pierre’s Position wohler fühlen. Wenn der Wetterbericht stimmt, wird Armel in den nächsten 24 Stunden ordentlich Federn lassen. Wenn sich das Hoch denn wie vorausgesagt nach Westen verlagert wird er vielleicht noch ein ganz kleinen Teil seines Vorsprungs behalten.

Fiese Biester

Da Hochdruckgebiete aber kleine fiese Biester sind, die fast nie das tun was sie sollen, kann es auch sein, dass das Hoch dort liegen bleibt wo es ist. Das könnte Armel dann die Führung kosten. Die Chancen stehen 50/50. Ich glaube, dass am Ende die Führenden mit einem Abstand von weniger als 100 sm zusammenkommen mit einem kleinen Vorsprung für Jean Pierre Dick.

Am Ende des Feldes macht Alessandro di Benedetto seine Späße bei der Querung des Äquators. © Di Benedetto

Am Ende des Feldes macht Alessandro di Benedetto seine Späße bei der Querung des Äquators. © Di Benedetto

Die großen Profiteure der Wetterentwicklung werden die beiden Oldies des Feldes (Le Cam und Golding) sein. Lag ihr Abstand zur Führungsgruppe am Äquator noch bei bedrohlichen 350sm, werden sie meiner Meinung nach das erste Eisgate mit weniger als 200sm zu den Führenden passieren. Damit sind sie noch in Schlagdistanz zur Spitzengruppe und vor allem Mike Golding könnte über genug Erfahrung und das nötge Material verfügen, um im Southern Ocean schnell zu sein.

Ich glaube zwar, dass sich die 4 neuen Boote nach und nach absetzten werden, aber es geht ja auch darum wer sein Boot am Limit segeln kann und wer am wenigsten “Downtime” hat. (Zeit in der man irgendwas reparieren muss und somit erheblich langsamer ist). Insofern kämpfen noch 7 bis 8 Boote um das Podium.

Bei aller Kritik an der Ausfallserie muss man sagen das dieses Vendée bis jetzt eines der Besten und Spannensten ist. 7 Boote tauchen fast gleichzeitig in den Southern Ocean ein. Sie garantieren uns und den Skippern ordentlich Spannung für die nächsten Wochen.

Nichts Dramatisches passiert

Was die “Bruchserie” betrifft verstehe ich die Aufregung in den Medien eigentlich nicht. Denn bisher ist nichts Dramatisches passiert. Die drei Ausfälle durch Kollisionen sind wirklich ärgerlich. Aber hier ist die Schuld wohl nicht bei den Skippern zu suchen. Besonders nicht bei der Kollision mit der treibenden Mooringtonne, die Vincent Riou ausgeschaltet hat.

Mir ist bei seinem Ausscheiden allerdings nicht klar, warum niemand im Team den Bruch des Outriggerstags bedacht hat. Das Teil ist immerhin sehr exponiert. Ein Ersatzteil wäre nicht schwer oder sperrig gewesen. Es hätte ihn im Rennen halten können.

Andererseits kann man aber auch nicht immer jede Eventualität einplanen. Hätten wir beim Quebec – St. Malo einen Ersatzbugspriet gehabt, hätten wir gewonnen. Also hätte wäre wenn…

Die anderen Ausfälle sind einfach zu erklären. Der arme Gutek war ein Opfer seiner zu kurzen Vorbereitung, Sam Davis Problem war der alte Mast. Der einzige wirklich überraschende Ausfall ist bisher der gebrochene Kiel von Safran.

Wir werden sicher noch einen Mast fallen sehen und vielleicht ein Ruder das Opfer einer Kollision werden wird. Mein Tipp ist das 10 Boote in Les Sables ankommen werden. Das wäre eine Ausfallquote von 50 Prozent, und läge genau in der Statistik des Rennens.

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12 Kommentare zu „Vendée Globe: Jörg Riechers zur Strategie und Bruchserie“

  1. avatar sinkmaster sagt:

    N Rennen wie dieses braucht keine Schnacker…

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 58

    • avatar Chris sagt:

      Ein Artikel wie dieser in den Kommentaren ebenfalls nicht…

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 35 Daumen runter 5

  2. avatar Stumpf sagt:

    Bitte mehr Postings von Jörg. Kompetenz und Erfahrung finde ich gut.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 52 Daumen runter 3

  3. avatar Mirko sagt:

    Günther Netzer’s Analysen und Kommentare waren auch Gold wert! Vielleicht gewinnt Ihr ja noch Boris Herrmann für seine Einschätzung.
    Was anderes: Kann mir jemand erkären, warum die Orthodromic Line (Großkreisroute) auf dem Tracker der Vendee-Seite erst auf einen (beliebigen?) Punkt auf dem Äquator und dann auf die “Gouph Islands” läuft und nicht direkt zum ersten Ice-gateführt? Danke im Voraus!

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    • avatar Uwe sagt:

      Sailing Instructions: http://www.vendeeglobe.org/data/medias/00/55/5520.pdf

      6 GATES AND PASSAGE POINTS
      Add : Passage points (Gough Island et Heard Island) are to be left on starboard.
      Gates must be respected by the boats.
      Definition : a gate is defined by a set of points on the same latitude, limited to the East and to the west by 2 points of different longitude.
      Boats shall pass to the north of at least one point of the gate
      This change RCV 28

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    • avatar Uwe sagt:

      Der Verlauf der Linie soll verdeutlichen, dass Gouph an Steuerbord liegen bleiben muss, damit eine Gefährdung durch Eisgang vermieden wird.

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      • avatar Mirko sagt:

        Danke für den Link Uwe! Aber wenn man die kürzeste Route richtig einzeichnen würde, dann läge diese ganz klar nördlich der Inseln und würde die “left on starboard” noch unterstreichen! Beim virtuellen Rennen gibt es folgende Karte: http://www.vendeeglobe.org/en/news/virtual/4807/west-express.html

        Hier sieht die Insel wie ein Wegpunkt aus. Vielleicht alles ein Ergebnis einer speziellen Kartendarstellung?
        Wie dem auch sei, Armel wird in den nächsten 24 Std. gar nicht östlicher als die eingezeichnete Route halten können.

        Alles sehr spannend!

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        • avatar Uwe sagt:

          Mirko, um möglichst schnell das 1 Gate zu erreichen, würde man nicht die kürzeste Strecke segeln.
          Man würde stattdessen Gough an Backbord liegen lassen, um in der Westwinddrift schneller voranzukommen.
          Die rote Kurslinie soll also verdeutlichen, dass Gough nördlich zu passieren ist.

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          • avatar Mirko sagt:

            Ja, die schnellste Route ist nicht immer die kürzeste – Jean-Pierre Dick und die westlichen Boote führen es gerade vor. Schätze am ersten Gate wird Jean-Pierre rund 30-50nm vor Armel sein.
            Die als “Orthodromic Line” eingezeichnete Linie ist dann wohl doch eher eine “in der Regel die schnellste Route”-Linie. Schade, für den Segellaien wäre es doch sicher spannend zu sehen, wie weit die Profi’s von der echten kürzesten Linie abweichen, um einen Vorteil rauszusegeln.

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  4. avatar Uwe sagt:

    14:00 Tracker

    Banque Populaire verhungert im Osten. Speed nur noch 0,6 kts !

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  5. avatar Matze sagt:

    Super! Danke für den Artikel Jörg!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 1

  6. avatar jer sagt:

    Ich bin für eine Bavaria 55 Cruiser Round the World Kampange…ach ne soll ja racig sein also lieber ne Bavaria 55 Cruiser Sport 😉

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 16

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