Olympia 470er F: Luise Wanser und Anastasiya Winkel 2. im Medalrace – Hässlicher Protest

Es wäre Silber gewesen

Das deutsche 470er Frauenteam Wanser/Winkel hat sich mit einem starken Abschluss von den Olympischen Spielen verabschiedet. Rechnen ist nach den beiden DSQs am ersten Tag eigentlich müßig, aber…

Luise Wanser (r.) und Anastasiya Winkel. © DSV/Joao Costa Ferreira

Die 470er Medalraces im ZDF Livestream Replay

Luise Wanser und Anastasiya Winkel werden mit den Zähnen knirschen, wenn sie mit etwas Abstand auf die Ergebnisliste der Olympischen Segelregatta in Japan sehen. Nach dem heutigen zweiten Platz im Medalrace der 470er Frauen wären sie mit den am ersten Tag ersegelten Plätzen 5 und 9 auf 54 Punkte gekommen und hätten die Silbermedaille gewonnen – punktgleich mit Rang drei und vier. Wenn, ja wenn sie nicht bei diesen ersten beiden Rennen disqualifiziert worden wären. Die Trapezweste war 260 Gramm zu schwer.

Hätte, hätte, Fahrradkette…Solche Rechnungen sind eigentlich müßig. Insbesondere im Segelsport, der durch längere Rennserien entschieden wird. Im Rückblick findet man immer die fehlenden Punkte, die knappen Entscheidungen, die unglücklichen Momente, die ein besseres Gesamtergebnis verhindert haben. Und in einer Medaillenposition wäre die deutsche Crew nicht so unbehelligt durch die Rennserie gekommen wie etwa beim Medalrace.

Das letzte Rennen der 470er-Frauen-Flotte als Olympiadisziplin. © Sailing Energy / World Sailing

Aber in diesem Fall werden die Wanser/Winkel wohl noch öfter mit ihrem Fauxpas konfrontiert werden. Dabei wird sich niemand mehr ärgern als sie selbst. Wie hart es gewesen sein muss, diesen maximalen Fehler zu verarbeiten. Jemand wird ihn mehr zu verantworten haben. Die Vorschoterin, die an ihrer Trapezhose gebastelt hat? – es gibt normalerweise keine Westen von der Stange, die schwerer als die erlaubten drei Kilogramm sind – der Coach, der normalerweise auch die technische Vorbereitung überwacht? Die Steuerfrau, die die potenzielle Gefahr unterschätzt hat?

Unglaublich hart

Man würde bestimmt einen Schuldigen finden. In solchen Momenten zerbrechen Teams. Wer bei Fehlern mit Fingern aufeinander zeigt, hat es gerade beim Segelsport, der unzählige Möglichkeiten für Fehler bietet, sehr schwer auf Spitzenniveau zu arbeiten.

Eine solche Situation gerade bei den Olympischen Spielen ist allerdings unglaublich hart. Kaum vorstellbar, wie weh das getan hat. Wie schwer muss es gewesen sein, am nächsten Tag wieder an den Start zu gehen – im Bewusstsein, durch diesen dummen Fehler, schon fast alle Chancen auf die Medaille verspielt zu haben.

Das deutsche 470er Frauenteam in Aktion. © DSV/Joao Costa Ferreira

Im Normalfall hätte ein Leistungseinbruch stattgefunden. Mental schwache Athleten können eine solch brutale Situation nicht verarbeiten. Umso unglaublicher war die Reaktion am zweiten Renntag. Mit den Plätzen 5/4 ersegelten Wanser/Winkel das zweitbeste Ergebnis der Flotte und ließen eine starke Serie folgen, immer auf Augenhöhe mit den späteren Medaillengewinnern. Eine bewundernswerte Leistung. Schließlich sind sie die Newcomer in der Szene. Wanser segelte 2016 noch 420er.

Die Steuerfrau gibt zu: „Ich habe jeden Tag gerechnet, was ohne diese Disqualifikationen gewesen wäre. Ich brauchte das für mein Selbstbewusstsein. Dass ich weiß: Ich bin Weltspitze…Wir müssen jetzt erst einmal sacken lassen, was hier alles passiert ist, aber wir sind heute auch stolz auf uns. Unser Trainer Riccardo de Felice hat in dieser Woche voller Tiefs und Hochs immer an uns geglaubt, uns gepusht.“ Anastasiya Winkel sagt: “Wir hatten viele Emotionen im Spiel, aber sind bei allem bis zum Ende professionell und ruhig geblieben. Das ist das Höchst-Niveau an Zusammenarbeit. Das wünsche ich mir auch für die Zukunft.”

Das spät formierte Duo, das erst durch die Corona-Verschiebung der Olympischen Spiele die Chance erhielt, sich für Tokio zu qualifizieren und bei einer dramatischen Ausscheidung als WM-Neunte hauchdünn die Oberhand behalten hatte, zeigte auch beim Medalrace seine Extraklasse. Mit einem starken Start in Lee und einer sehr guten finalen Vorwindstrecke, bei der sie noch zwei Boote einsammeln und Zweite werden, schieben sie sich von Gesamtrang acht auf sechs nach vorne.

GER beim Pin-End-Start im Medalrace. © DSV/Joao Costa Ferreira

Damit meistern sie die mental wohl schwierigste Aufgabe aller deutschen Segler und bestätigen ihren unglaublich schnellen Aufstieg in die Weltklasse der 470er-Flotte. Zu schade, dass dieses Team nun auseinander gehen muss. 2024 wird es keine eigene 470er-Frauen-Disziplin mehr geben. Die Medaillen werden nur noch für Mixed-Crews vergeben.

Winkel hat schon entschieden, den nächsten Olympia-Anlauf mit ihrem Mann Malte Winkel zu starten, der als 470er-Steuermann die Olympiaqualifikation knapp verpasste. Wanser will in den kommenden drei Monaten erst einmal ihr Kura-Studium beenden und dann eine neue Kampagne mit neuem Partner starten.

Protest wegen Team Race

Deshalb werden Hannah Mills und Eilidh McIntyre – Tochter des Starboot-Olympiasiegers 1988 Michael McIntyre – die letzten Goldmedaillen-Gewinner in dieser Disziplin sein. Mills, wie Tina Lutz eine ehemalige Optimist-Weltmeisterin, ist als Titelverteidigerin in diese Olympia-Regatta gegangen, konnte mit ihrer neuen Vorschoterin aber nicht als alleinige Favoritin gehandelt werden. Bei der WM im März hatte das Duo auf Rang fünf noch vergleichsweise durchschnittliche Leistungen geliefert.

Hannah Mills (r.) holt ihre zweite Goldmedaille diesmal mit neuer Vorschoterin Eilidh McIntyre. © Sailing Energy / World Sailing

Aber bei dieser Regatta zeigten die Britinnen eine herausragende Leistung. Mit 16 Punkten Vorsprung sicherten sie sich Gold vor den überraschend starken Polinnen Agnieszka Skrzypulec/Jolanta Ogar, die zuletzt bei den WMs nur mit den Plätzen 6/7/18 hatten punkten können. Sie dominierten zu Beginn der Regattawoche, fielen dann aber auf Rang drei zurück.

Deshalb spitzte sich beim Medalrace insbesondere das Duell um Silber gegen Camille Lecointre und Aloise Retornaz zu, den Weltranglisten-Ersten aus Frankreich. Sie verloren die Silbermedaille erst als Wanser/Winkel die Britinnen kurz vor der letzten Wendemarke überholten und diese auch noch hinter Polen aber vor FRA zurückfielen.

Darin wollten die Französinnen eine Absicht erkennen. Sie strengten einen hässlichen Protest wegen bewusster Team Race-Absprachen an und verzögerten damit die Feierlichkeiten. Während des Rennens hatten die Briten tatsächlich mehrfach auf die Franzosen gewendet und ihnen Windschatten gespendet. Aber dabei ging es insbesondere darum, die eigene Position zu sichern. Auch die Polen mussten von Mills Deckungswenden hinnehmen. Ein bewusstes Stoppen an der letzten Tonne, um die Polinnen durchrutschen zu lassen, ist nicht zu erkennen. Der Protest wurde abgewiesen.

Unglücklich, dass die Engländer das Zünglein an der Waage spielten. Sie hätten sich insbesondere in der Endphase des Rennens mehr zurückhalten können. Aber Lecointre/Retornaz haben sich verlorenes Silber selbst zuzuschreiben. Sie lagen vorne ließen aber Polen auf der ersten Vorwindstrecke passieren.

Ergebnisse 470er Frauen

Tracker-Link 470er Frauen Medalrace

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

4 Kommentare zu „Olympia 470er F: Luise Wanser und Anastasiya Winkel 2. im Medalrace – Hässlicher Protest“

  1. avatar ds sagt:

    Meiner Meinung nach, muss sich das englische Team nicht zurückhalten. Es gab sicher auch andere Rennen, wo England zwischen Frankreich und Polen lag. Nur weil man im Medal Race mehr weiß, muss man nicht zurückhaltender segeln. Ansonsten könnte man beispielsweise auch eine Regeln einführen, dass vorzeitige Sieger nicht mehr mitsegeln brauchen wie im Falle Belcher. Einen Status quo bewusst erhalten zu wollen, ist ebenso ein Eingriff, wie ihn bewusst verändern zu wollen. Das neutralste Verhalten ist unvoreingenommenes teilnehmen mit dem gleichen Kampfgeist wie im Rest der Serie. Das haben die Engländerinnen toll gemacht.
    Daher bleibt es in der Tat bei einem hässlichen Protest, insbesondere zwischen Trainingspartners, wenn ich Markfort richtig verstanden habe. Mit drei ersten Plätzen, einem zweiten und dem Überholen der direkten Konkurrenten im Medalrace sind die Polen verdiente Silber-Gewinner.

    Danke für die Berichterstattung Segelreporter.

    Es muss so hart sein für die Deutschen. Rechnerisch Silber, aber wie beschrieben, wäre die Serie mit dem 5,9 wohl auch anders verlaufen. Sie wären auf dem Radar der andere, hätten anderen Druck und wären evtl. nicht das Risiko eingegangen, wie im Lauf als sie 1. wurden, um noch unbedingt ins Medalrace zu kommen.

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  2. avatar Andreas Borrink sagt:

    Großartige Leistung, Glückwunsch an das genze deutsche Team!
    Aber auch an die Veranstalter für die wirklich unfassbar guten live-Aufnahmen; so “nah dran” war man nichtmal beim America’s Cup oder beim SailGP. Schade, dass phasenweise der Kommentar fehlte; aber die Bilder waren (besonders mit dem Onboard-Audio) auch ohne sehr aussagekräftig und man hatte stets den Überblick. Dazu die SAP-Tracker und die blitzschnell aktualisierten overall standings – Klasse!

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  3. avatar Kristof sagt:

    Was an dem Protest “hässlich” gewesen sein soll, erschließt sich mir nicht. Ein Protest bzw. die Jury ist schließlich genau dafür da, Sachverhalte zu klären.
    Genaugenommen sollte man den Französinnen sogar dankbar für den Protest sein, schließlich ist nun alles von offizieller Stelle für sauber erklärt worden.

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  4. avatar Holger sagt:

    Agnieszka war 2017 Weltmeisterin und Jola davor schon… allerdings da für AUT.
    Silber ist also keineswegs überraschend bei ihren 3. Olympischen Spielen.
    Es war eine echte Freude mit Agnieszka in 2017 und 2018 jeweils die POL Meisterschaft im 505er zu segeln

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