Olympia: Wie Erik Heil und Thomas Plößel zehn Punkte auf den Bronzeplatz aufholen

"Unfassbar"

Erik Heil und Thomas Plößel haben das Unglaubliche geschafft. In einem abgeklärten Medalrace segeln sie auf Platz zwei und sichern punktgleich Bronze. Dabei können sie sich kaum freuen.

Wie in Rio: Erik Heil und Thomas Plößel feiern Bronze mit einem Synchron-Salto
© Sailing Energy / World Sailing

Es fehlt der Urschrei, als Erik Heil und Thomas Plößel die Ziellinie übersegeln. Sie haben das Medalrace auf Rang zwei beendet, aber im letzten Moment die Briten passieren lassen. Ist das der entscheidende Platz, der zu Bronze fehlt? War der Zeitpunkt der ersten Halse auf der letzten Vorwind-Strecke der entscheidende Fehler? Sie ebnet für die Briten den Weg zum Überholmanöver und zu Gold, punktgleich mit den in diesem Rennen drittplatzierten Kiwi-Superstars Burling/Tuke.

Unerwartet Bronze für die deutschen 49er nach einem Kraftakt im Medalrace.
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Das deutsche Team muss warten, was die Spanier machen. Verlieren sie tatsächlich im letzten Moment die entscheidenden zehn Punkte? Diego Botin le Chever und Iago Lopez Marra sind gute Freunde. Sie haben den Platz von Justus Schmidt und Max Böhme als engste Trainingspartner an der Seite der Deutschen eingenommen. Gemeinsam wollten sie zu Edelmetall segeln, spielten bei der Olympia-Kampagne mit offenen Karten. Sie gelten geradezu als Erfinder dieser offenen Art der Vorbereitung mit engsten Konkurrenten.

Gemeinsame Freude nach dem Ziel.
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Nun soll das Leid der Spanier die Freud der Deutschen sein – was für eine ungerechte Dramaturgie. Aber Botin und Marra rufen in der entscheidenden Phase nicht ihre beste Leistung ab. In der Woche segelten sie lange Zeit souverän auf Medaillenkurs. Und auch diesmal scheint die Entscheidung eines Steuerbord-Starts hinter dem Feld nach rechts, Seite an Seite mit den Kiwis nicht falsch zu sein. Von Platz sechs an der Luvtonne schieben sie sich vor dem Wind auf Rang vier vor. Der Vorsprung auf die deutschen Freunde beträgt in der Gesamtwertung nun solide acht Punkte.

Aber ein Zweikampf mit Burling/Tuke bringt sie aus dem Tritt. Nach einer Doppelwende fallen sie auf Rang sieben zurück, erwischen auf der finalen Vorwindstrecke die falsche Seite und verlieren schließlich Bronze – punktgleich auf Rang vier, tragischer geht es nicht.

Auch bei leichtem Wind im Medalrace segeln Heil/Plößel stark.
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Es dauert seine Zeit, bis sich das deutsche Duo ehrlich freuen kann. Zwei Jahrzehnte sitzen sie gemeinsam in einem Boot und haben nun ihre zweite Olympia-Medaille gewonnen. „Unfassbar! Ich freu mich zehnmal mehr als damals, weil es viel härter und knapper war”, sagt Vorschoter Thomas Plößel.” Bei so einem leichten Wind. Das sind wohl die härtesten Bedingungen für ein Medal Race.“

Bei diesem Finale behaupten sich die Deutschen wie schon ihre Teamgefährtinnen im 49erFX in den entscheidenden schwierigen Situationen. Sehr kritisch ist es beim Start, als die Portugiesen 11 Sekunden vor dem Schuss eine enge Leewende platzieren, die nach einer deutlichen Regelverletzung aussieht.

Der Portugiese wendet beim Start eng vor den Deutschen. Es sieht nach einer Regelverletzung aus.

Erik Heil weicht im letzten Moment aus, protestiert aber offenbar nicht. Dabei hätte das deutsche Boot mehr Platz in der Nachstartphase, wenn die Portugiesen mit einem Starfkreis aus dem Weg geräumt wären, und Entscheidungsfreiheit für eine Wende.

GER kann zwar seine Spur trotz starkem Druck vom britischen Leeboot lange halten, wird aber von POR geblockt, muss nach der Wende abfallen und achteraus passieren. Das können am Ende die entscheidenden fehlenden Meter sein. Umso ärgerlicher, weil die Portugiesen erst kurz nach dem Umweg für die Deutschen aus dem Rennen genommen werden – sie hatten einen Frühstart.

Bemerkenswert, wie das deutsche Duo dieses Medalrace nach der kritischen Nachstartphase bestreitet. Abgeklärt, mit der Erfahrung eines Medailliengewinns in Rio im Rücken, segeln es solide nach vorne. Keine spektakulären Manöver, keine Extremschläge, eine schlaue und sichere Positionierung auf der Anliegelinie mit Wegererecht von rechts, das reicht schon für eine Spitzenposition an der ersten Luvtonne hinter den Briten.

Die Briten rutschen auf der Ziellinie vor GER und gewinnen dadurch Gold vor NZL

Die anderen machen die Fehler. Auch vor dem Leetor sichert GER die linke Wegerecht-Seite und behauptet sich in den engen Zweikämpfen. Von Nervosität keine Spur. Am Ende spielen die Crew vom NRV sogar das Zünglein an der Waage. Weil die Briten auf der Ziellinie noch vorbeisegeln, verlieren die scheinbar unbesiegbaren Neuseeländer noch das sicher eingeplante Gold.

Tracker-Link zum 49er Medalrace

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Olympia: Wie Erik Heil und Thomas Plößel zehn Punkte auf den Bronzeplatz aufholen“

  1. avatar Uli Seeberger sagt:

    Klasse geschrieben und Kompliment für Eure Berichterstattung ich werde nun ein ABO bei Euch buchen.

  2. avatar A. Gommeringer sagt:

    “Weil die Briten auf der Ziellinie noch vorbeisegeln, …” Tja, warum eigentlich? Für mich sah es so aus, dass, wenn Erik und Thomas einfach auf Backboardbug ins Ziel gesegelt wären statt zur Halse anzusetzen, es super knapp zu Platz 1 hätte reichen können (siehe ZDF Relive bei 01:42:16 https://www.zdf.de/sport/olympia/segeln/segeln-diverse-finalrennen-mf-100.html).

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