Olympia: Wie Tina Lutz und Susann Beucke historisches Segel-Silber in Japan gewinnen

Der Weg zum Silber

Tina Lutz und Susann Beucke haben historisches Silber in Enoshima gewonnen. Im spannenden Medalrace behielten sie die Nerven. Ein Penalty bringt die Vorentscheidung.

Tina Lutz und Susann Beucke jubeln über Silber.
© Sailing Energy / World Sailing

“Protest, Protest. Hol die Flagge raus.” Tina Lutz ist außer sich. Sie kann sich gerade noch wegducken, um dem Gennaker der Spanierinnen einigermaßen auszuweichen. Bloß nicht irgendwo hängen bleiben. Bloß nicht aus dem Trapez gezogen werden.

Das rotgelbe Tuch der Gegnerinnen wischt über ihren Rücken. Eine klare Regelverletzung von Echegoyen, der Match Race Olympiasiegerin von 2012 in London. Die Jury pfeift, die Spanier drehen einen Strafkreis. Es ist die Vorentscheidung im Kampf um Edelmetall bei den 49erFX-Frauen.

Der Moment, für den sich alles gelohnt hat.
© Sailing Energy / World Sailing

Tina Lutz und Susann Beucke segeln im doppelt zählenden Medalrace auf Rang fünf ins Ziel. Das reicht der 30-jährigne Steuerfrau vom Chiemsee Yacht-Club und ihrer 30-jährigen Vorschoterin vom Norddeutschen Regatta Verein für die erst zweite Medaille deutscher Seglerinnen in der Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit. Die erste hatte Surferin Amelie Lux bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewonnen.

Die in München geborene Wirtschaftspsychologin Tina Lutz, die am Chiemsee groß wurde und aktuell in Innsbruck lebt, und ihre in Kiel geborene Vorschoterin Susann Beucke krönen mit der ersehnten Olympia-Medaille ihre 14-jährige Partnerschaft. Die Europameisterinnen von 2017 und 2020 haben ihr Ziel einer olympischen Medaille auch nach zwei verpassten Olympia-Qualifikationen nie aus den Augen verloren.

Flautenschwäche überwunden

Dabei behalten sie in den entscheidenden Momenten des leichtwindigen Medalraces die Nerven. Der Start verläuft mittelmäßig. Die direkten Gegnerinnen in der Gesamtwertung aus den Niederlanden behaupten eine starke Position in Lee, auch die Argentinierinnen üben Druck in Lee aus und direkt in Luv nimmt Spanien eine Blockposition ein.

Schwierige Situation nach dem Start für Lutz/Beucke. Aber sie halten die Spur.

Solche Situationen gehörten in all den vergangenen Jahren zu den schwierigsten Momenten für das erfahrene Duo. Leichtwind war ihre Achillesferse gerade im Vergleich zu dem langen dominierenden deutschen 49erFX-Team Jurczok/Lorenz gegen die 2016 das Rennen um Olympia verloren ging.

Aber diese Flautenschwäche haben Lutz/Beucke längst überwunden. Das war schon die Basis für den Sieg in der aktuellen Olympiaqualifikation. Nun können sie damit im wichtigsten Rennen ihres Lebens beim olympischen Medalrace mit gutem Speed und ausreichend Höhe in einer extremen Drucksituation die Spur halten.

Die Spanierinnen dagegen bleiben plötzlich stehen. Sie verlieren das Amwind-Duell und müssen wegwenden. Als auch die in der Gesamtwertung führenden Holländerinnen auf der linken Seite die Nerven verlieren und ihre starke Position mit einer Wende hinter drei Booten aufgeben, sind die deutschen Frauen im Vorteil.

Bange Momente auf dem Vorwindkurs

Erneut behaupten sie eine schwierige Position in Luv von NED, passieren knapp hinter Brasilien, die mit einem Extremschlag nach rechts alles auf eine Karte gesetzt haben, beißen sich hinter den Titelverteidigerinnen auf einer knappen Anliegelinie zur Luvtonne fest und runden auf Rang vier.

Es wäre die Bronzemedaille hinter BRA und NED die nur einen Platz hinter den Deutschen liegen. Spanien auf Platz sieben muss nun schon zehn Punkte Rückstand aufholen.

Aber genau das gelingt ihnen in wenigen Minuten auf dem ersten Vorwindkurs. Während sich GER und NED links belauern schiebt sich ESP auf der rechten Seite von sieben auf drei vor. Es sieht so aus, als könnten sie vor der DSV-Crew passieren. Kurzzeitig ist Edelmetall für Lutz/Beucke außer Sicht. Denn der Vorsprung zu NED reicht nicht aus.

Tina Lutz krümmt sich im Trapez, um sich nicht im spanischen Spi zu verfangen. Es gibt dennoch eine Berühung. Spanien muss einen Strafkreis drehen.

Doch Tina Lutz und Susann Beucke kommen mit Wegerecht auf ihre spanischen Gegnerinnen zu und machen Druck. Echegoyen bemisst das Ausweichmanöver zu knapp, touchiert leicht die deutsche im Trapez stehende Steuerfrau mit dem Gennaker und hört den Pfiff der Schiedsrichter. Die fällige Strafe steht auße Frage.

Ein unnötiger Penalty für die Spanier. Er bringt die Vorentscheidung. ESP berappelt sich zwar noch einmal, segelt von Rang neun auf sechs vor und zwingt ihrerseits die Deutschen kurz vor dem Ziel zu einem knappen Ausweichmanöver. Eine Regelverletzung gegen die Match-Race-Spezialistin Echegoyen könnte GER noch die Medaille kosten. Aber auch in dieser Situation behält die ehemalige Optimist-Weltmeisterin am deutschen Skiff-Steuer  die Nerven und sichert Rang fünf.

Der knappe Zieleinlauf zwischen GER und ESP

Die Niederländerinnen verbschiden sich schon vorher nach eine taktisch schwachen Leetonnenrundung in der Außenkurve aus dem Silber-Duell. Sie müssen mehreren Booten ausweichen und liegen plötzlich auf dem letzten Platz. Zwei Boote holen sie noch ein und retten Bronze.

Was für ein Erfolg für Tina Lutz und Susann Beucke!!!

Tracker-Link zum 49erFX Medalrace

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Olympia: Wie Tina Lutz und Susann Beucke historisches Segel-Silber in Japan gewinnen“

  1. avatar Christian sagt:

    Glückwünsche an alle 3 Teams. Sensationell. Megaspannend war es. Danke!

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