Olympiaklassen: Offshore-Kielboot nimmt letzte Hürde – Protest der Finnklasse

Eine Ära ist beendet

Die Disziplin Mixed Offshore Keelboat ist bei der abschließenden World-Sailing-Versammlung AGM offiziell als zehnte Medaillen-Möglichkeit bestätigt worden. Damit ist die olympische Finn-Dinghy-Geschichte vorerst beendet.

Finn Dinghy Kenterung

Finn-Dinghy in Nöten.

Die Finn Dinghy-Klasse hatte am Ende noch einmal ihre Lobbyisten Vollgas geben lassen. Sie sahen eine kleine Chance, den drohenden Rauswurf  abzuwenden. Wenn am Schluss der World Sailing Annual Conference jeweils die Delegierten aller Mitgliedsländer beim finalen Zusammentreffen in Sarasota noch einmal je eine Stimme abgeben dürfen, hätten sie die zuvor erarbeiteten Beschlüsse kippen können. So ist es schon öfter passiert bei Olympia-Klassen-Beschlüssen.

Paul Elvström im Finn Dinghy. Nun hat es auch die älteste Olympia-Klasse erwischt

Dabei war schon sicher, dass die Ü-90 Kilo Einhandsegler nicht ihren gewohnten Platz mit einer eigenen Medaille behaupten könnten. Es bestand nur die Hoffnung, als Boot für die im Mai beschlossene neue Olympia-Disziplin 2024 Mixed One Person Dinghy ausgewählt zur werden – eine andere Klasse wäre für die Frauen benannt worden. Damit hatten sich die Finn-Recken abgefunden.

Doch die Stimmung beim Jahres-Meeting in Sarasota (Florida) war gekippt, seit das World Sailing Führungsgremium in letzter Minute den Vorschlag eingereicht hatte, die Mixed One Person Dinghy Disziplin gegen Mixed Keelboat Offshore zu tauschen.

Alarmglocken

Als dieser Vorstoß große Unterstützung bei den Delegierten fand, gingen bei den Finn-Dinghy-Vertretern die Alarmglocken an. Sie aktivierten ihr Medien-Netzwerk und feuerten Statements und offene Briefe ab, um noch einmal im letzten Moment Stimmung für die eigene Sache zu machen.

Nicht nur “die letzte Bastion der ‘großen’ olympischen Klassen” werde fallen, sondern der Olympia-Familie gehe auch “eine der beliebtesten, raffiniertesten und anspruchsvollsten Jollenklassen der Welt”, verloren.

Finn Dinghy

Finn mit Foils? Erstaunlich, wie agil die älteste olympische Bootsklasse sein kann. Trotzdem ist der Olympia-Rauswurf beschlossen. © Robert Deaves

“Die Finnklasse ist seit 1952 Teil der Olympischen Spiele. Sie ist ein unbestreitbarer und integraler Bestandteil der Geschichte und Kultur der Spiele und hat der Segelwelt mehr Star-Segler gegeben, als jede andere Klasse”, schrieben sie.

“Wir sind sehr enttäuscht über die getroffenen Entscheidungen und die Art und Weise, wie die Vorlage 37 eingeführt und mit Dampf durchgedrückt wurde. Die Klasse ist nicht nur sehr bestürzt über den gesamten Prozess des letzten Jahres, sondern auch darüber, dass sich die Entscheidungen der Olympischen Klassen in eine kontraproduktive Richtung bewegen.”

Segelfans in der ganzen Welt seien schockiert. “In Paris 2024 wird es unter dem aktuell vorgeschlagenen Plan nur fünf Jollenklassen geben… Abgesehen von den massiven Veränderungen und Ausgaben für Segler und die nationalen Verbände wächst die Entfernung vom Kern des Sports.”

Klares Votum für die Offshore-Disziplin

Aber von einem Schock unter den Delegierten in Florida kann offenbar nicht die Rede sein. Bei der abschließenden Versammlung AGM bestätigen die Delegierten die Entscheidungen der Gremien zuvor mit einem klaren Votum von 43:26.

Wolfgang Schäfer, Farr 40-Weltmeister und Obmann des DSV-Ausschusses Seeregatten war als Offshore Racing Congress (ORC) Vizepräsident in Sarasota und hat den Kielboot-Vorschlag mit vorbereitet. Er berichtet gegenüber SegelReporter von harten Diskussionen vor Ort, und freut sich über die Entscheidung, die einem Trend zum Doublehanded-Boom auch in Deutschland entspricht. 2019 wird in Travemünde erstmals eine Zweihand-Meisterschaft ausgetragen. 

Solitaire du Figaro

So kann eine Szene der neuen Olympia-Disziplin aussehen. © Courcoux

Wie es olympisch funktionieren soll, ist noch nicht klar. Format und Klasse stehen längst nicht fest. Aber es gilt als sicher, dass die potenziellen Mixed-Crews nicht nur den einen speziellen Bootstyp beherrschen müssen, der dann 2024 in Frankreich gesegelt wird. Sondern die Qualifikation für Olympia soll offenbar mit unterschiedlichen bestehenden Flotten stattfinden. Schwierig wird es laut Schäfer allerdings, die absolute Gleicheit des Materials bei bereitgestellten Schiffen zu gewährleisten.

Schwierig und teuer

Bei zur Verfügung gestellten Flotten wie im Match-Race oder der Bundesliga kommen Unterschiede nicht so zum Tragen, weil die Rennen kurz sind, und die Boote oft gewechselt werden. Wenn man dagegen mehrere Tage auf einer Langstrecke unterwegs ist, bleibt kein Spielraum für Material-Unterschiede. Wie schwierig und teuer das ist, mussten zuletzt die Volvo Ocean Race Organisatoren feststellen.

Ob die Delegierten das alles so bedacht haben?

Noch nie gab es eine Langstrecken-Disziplin. Aber die World-Sailing-Verterer haben weniger für das Offshore-Event als gegen das Mixed One Person Dinghy gestimmt. Damit wusste man offenbar nicht viel anzufangen. Das Format war völlig offen. Und die Befürchtung wurde größer, dass man den Ansprüchen des Internationalen Olympischen Komittees nicht gerecht werden würde.

Die Olympischen Karten werden jedenfalls neu gemischt. Und schon gibt es Bewegung. Olympia-Bronze-Medaillen-Gewinner Roland Gäbler (54) hat mit seiner Frau Nahid prompt per Pressemitteilung seinen Hut in den Ring geworfen:

“Das Thema Olympia hatten wir eigentlich schon abgehakt. Als nächstes wollten wir ins Offshore Segeln einsteigen. Einfach um noch mal etwas neues anzupacken. Das dies jetzt eine olympische Disziplin wird, passt perfekt in unsere Planung. Das Mixed Yachting mit zwei Personen an Bord soll mit Etappenrennen in Küstennähe ausgetragen werden. Diese werden via Livestream übertragen. Es soll 2019 schon eine Weltmeisterschaft im Mixed Yachting geben. Da wollen wir an den Start.”

Erklärung, warum es Probleme mit dem Mixed One Person Dinghy Event gab:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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8 Kommentare zu „Olympiaklassen: Offshore-Kielboot nimmt letzte Hürde – Protest der Finnklasse“

  1. avatar jollysegler sagt:

    Und wieder einmal Kommerz vor Sport, die olympischen Athleten ziehen den kürzeren.

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  2. avatar Fastnetwinner sagt:

    Das Finn ist eine Legende. Etwas für Hengste, Könner und Tiere. Aber Legende alleine reicht nicht. Es ist auf der Nachteilsseite nämlich maßlos überteuert (!) und insbesondere im Pump-Modus vorm Wind tatsächlich albern. So gesehen ist das Ende schmerzhaft aber logisch. Stattdessen z.B. Pogo 3 zu segeln ist aber m.E.n. viel zu teuer für Olympia. Irgendwie scheint sich die verfasste Funktionärs-Schar da auch vom Grundgefühl vieler Aktiver wegzuentwickeln. Wir wäre es mit:

    Laser Std für die Jungs
    Laser Rad für die Mädels
    49er für die Jungs
    49FX für die Mädels
    2.4 für beide (ggf. mit Ausgleichsblei)
    Eine foilendes Surfbrett für Jungs
    Das gleiche Brett für Mädchen

    Was ist mit dem Star?

    Raus gehört der 470er
    Katamarane (gehören an den Strand)
    Zu teueres Material

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    • avatar Patrese sagt:

      Wie wäre es denn mit einer ferngesteuerten Bootsklasse als Mixed …

      Da können dann die Mädchen gegen die Jungs Segeln und das Material wird auch billig sofern One Design.
      Befriedigt alle Randbedingungen und die Zuschauer können auf den Tribünen um das Olympische Freiluftschwimmbecken Platz nehmen mit Onboardkameras auch voll Internet Tauglich.

      Wenn die Jungs den Mädels dann aber immer noch davon segeln haben einige Zweibeiner aber ein Argumentationsproblem…..

      Und die Stunden im Gym können wir uns auch sparen…..

      Oder wollen wir doch RICHTIGEN SPORT treiben????

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 11

    • avatar Lars Hückstädt sagt:

      Nur eine Stunde Laser für die Jungs? Wieso nicht mehr?

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  3. avatar jorgo sagt:

    Folkeboot Mixed. Damit könnte man alle Fliegen mit nur einer Patsche erschlagen:
    Offshore- und Inshore-tauglich und preiswert. Die Aktiven könnten/müssten an Bord (zusammen) schlafen. Mit Onboard Kamera sehr medienwirksam! Für Nachwuchs wäre gesorgt und Spaß macht das natürlich auch noch.
    Preiswert: Das olympische Komitee kauft einfach über Ebay genug “Kerteminde”-Schüsseln …. und ab geht die gelbe Post!
    Ausserdem hätten die Traditionalisten einfach aber auch sowas von gar keinem Grund mehr zu meckern!

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  4. avatar Ballbreaker sagt:

    Finn raus, naja, kann man irgendwie nach der Entwicklung in den letzten Jahren (z.B..Starboot-Aus) nachvollziehen. Aber jetzt Offshoresegeln???

    Ich hab nix gegen Offshoresegeln aber das hat bei Olympia in etwa soviel verloren wie Bergsteigen mit Reinhold Messner, ADAC-24h-Rennen oder Pferderennen aus Ascot…..

    Das IOC hat Segeln schon lange auf dem Kieker. Zu teuer, unattraktiv, zu weit weg vom eigentlichen Olympiaort und und und

    Solche “geistreichen” Entscheidungen mögen die Lobbyisten, die sich durchgesetzt haben freuen, für das olympische Segeln insgesamt kann sowas der Sargnagel werden……

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    • avatar Ballbreaker sagt:

      Für alle die sich fragen, wie man ünerhaupt auf so Ideen kommen kann, empfehle ich das von Carsten verlinkte 8h Video der Konferenz.

      Einfach irgendwo hin vorspulen und ihr habt keine Fragen mehr!

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  5. avatar Niels sagt:

    Verwunderlich. Einfach verwunderlich.

    Aber wohl auch hier das Problem, dass eben alles sich ums Geld dreht.

    Alle vier Jahre wird zu Olympia viel Geld in die Kassen der IYRU (achja World Sailing. Völlig bescheuerter Name.) gespült und davon kann man die nächsten drei Jahre zu Kongressen fahren und so.

    Kein Wunder, dass man sich dann an das IOC klammert und bloß versucht, etwas Medienfreundlches zu gestalten.

    Ungeachtet des Materials ist nun mal Segeln der wahrscheinlichst komplexeste Sport, den es gibt und das sieht eben so aus, dass über fünf Tage auf der Bahn alles abgefragt wird und der Beste die wenigsten Punkte hat. Oder es eben im letzten Race ausgebattelt wird.
    So sieht das eben aus und da muss man auch nicht versuchen, ständig neue Boote und neue Formate zu erfinden.
    Und wenn das Joe aus Alabama nicht kapiert, dann braucht man eben eine bessere Vermittlung in der Übertragung. Da hat sich doch die letzten Jahre richtig viel getan.

    Verwunderlich ist auch, dass es mal Damen-Matchrace gab, das Finale damals Spanien gegen Neuseeland unglaublich spannend war und es dann auf einmal nicht mehr im Programm war. Die Teilnehmerinnen von damals haben sich gefühlt in alle Winde zerstreut.
    Beständigkeit und strategische Entwicklung tut dem Segelsport eben gut.
    Was macht denn ISAF (achja, World Sailing. Völlig bescheuerter Name.), damit es gesunde Strukturen überall auf der Welt gibt?

    Für die Offshore-Segler ist die Anerkennung natürlich erfreutlich. Nur damit es richtig in Fähigkeiten wie Wetternavigation und Schlafmanagement geht, muss man eben auch länger als 24h fahren. Was dann wieder langweilig für den Zuschauer werden kann.

    Finn ist tatsächlich ein vorsintflutliches Boot, dass eben so lange Olympische Klasse war, weil sich die Lobbyisten aus der Klasse geschickt positioniert haben. Bzw. es eben vor 20 Jahren auch nur wenig Alternativen gab.
    Dennoch anerkennenswert, dass da lange toller Sport geboten wurde und die Klasse nach wie vor sehr aktiv ist.
    Wäre schön, wenn sich der RS Aero mal anständig entwickelt, weil wirklich ein ausgezeichnetes Schiffchen.
    Und eine gewisse Modernisierung hin zu foilenden Booten ist doch wünschenswert. Aber nicht um jeden Preis.

    Für einige Ausnahmesegler wie Burling oder Ashby scheint der Untersatz relativ egal zu sein. Aber für viele andere wird es schwierig mit der Aufbauarbeit aus, wenn alle vier Jahre alles durcheinander gewirbelt wird.

    Trotzdem bleibt Offshore-Segeln im Olympischen Rahmen irgendwie sehr gewöhnungsbedürtig. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Vielleicht befeuert es doch ein paar Entwicklungen.

    Und welche Schlüsse zieht unser DSV daraus? Sich in German Sailing unbenennen?

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