Offshore Team Germany holt Sieg auf der letzten Etappe des Ocean Race Europe

„Einstein“ im Flautenpoker überragend

Am Ende wieder im Schneckentempo, aber mit stundenlangem Vorsprung gewann das Offshore Team Germany das dritte und letzte Teilstück der Europaregatta. Nun winkt im Finale sogar der Gesamtsieg.

Die Crew der “Einstein” feiert den Etappensieg bei der Ankunft in Genua. Foto: Sailing Energy /The Ocean Race

Der letzte Hauch an Brise schien nach und nach komplett einzuschlafen. Die Ziellinie war schon zum Greifen nahe, die Kommentatoren des internationalen Livestreams überschlugen sich vor Lob und Begeisterung für die außerordentliche Leistung. Weniger Meter vor der Erlösung mit nur noch 1,8 Knoten Bootsspeed dann stiegen der Berliner Skipper Robert Stanjek, Phillip Kasüske, Annie Lush und Benjamin Dutreaux mit einer Deutschland-Flagge jubelnd auf den Großbaum und feierten überschwänglich.

Nach tagelanger Solofahrt im Mittelmeer, nach zähem Ringen um jeden Meter und erfolgreicher Verteidigung eines zwischenzeitlich riesigen Vorsprungs erreichte die Crew der „Einstein“ um 11.36 Uhr und genau zwei Sekunden als erster IMOCA des The Ocean Race Europe das Ziel vor Genua. Nach dem sensationellen Gewinn des ersten Küstenrennens gelang auf dem 600-Seemeilen-Stück von Alicante/Spanien an die italienische Küste nun auch ein überraschender Etappensieg.

Die andauernde Flaute machte die Etappe zur besonderen Strapaze für die Nerven der Segler. Foto: Sailing Energy / The Ocean Race

In der Gesamtwertung hat das OTG dadurch die alleinige Führung übernommen. Die besten Chancen auf Platz zwei hatten mehr als 20 Seemeilen zurück „LinkedOut“ (Frankreich) vor „11th Hour Racing“ (USA) – genau die beiden Teams, die vor der Etappe mit den Deutschen punktgleich an der Spitze lagen. Damit kommt es im finalen Küstenrennen am 19. Juni zum Showdown um den Gesamtsieg. Fährt der Zweitplatzierte dort erneut aufs Podium, muss OTG auch im allerletzten Ziel vor ihm liegen, um die TORE-Trophäe in den Händen zu halten. Gleichwohl darf sich die Mannschaft schon jetzt über einen Podiumsplatz bei der Premiere dieser Regatta freuen, wenn die abschließende Siegerehrung in Genua gefeiert wird.

Die Abschlussetappe des erstmals ausgesegelten The Ocean Race Europe öffnete die Tür weit für einen Erfolg des einzigen Nicht-Foilers im Feld der IMOCAs. Die ausgeprägten Hochdruckwetterlagen im Mittelmeer auf der gesamten Strecke von Alicante nach Genua mit leichten Winden machten den vermeintlichen Vorteil der hochmodernen Foiler der Konkurrenz um „LinkedOut“, „11th Hour Racing“ sowie „Corum L’Épargne“ und „Bureau Vallée“ (beide Frankreich) zunichte. Damit war das Spiel offen, abhängig vom Wetterrouting und den richtigen Karten im Windpoker.

Mit etwas mehr als 30 Seemeilen Abstand zum Zweiten, lief “Einstein” vor Genua ins Ziel. Foto: Sailing Energy / The Ocean Race.

Das Routing von OTG-Navigator Benjamin Dutreux (Frankreich) sah eine Routenführung im Norden der Balearen vor. Und so setzte die Mannschaft der deutschen „Einstein“ sofort nach der Passage der Wegmarke vor Alicante eine Wende und zog in Richtung Küste. Zunächst wählte auch „Corum L’Épargne“ den Weg dicht unter der Küste, entschied sich dann aber, den anderen auf das offene Mittelmeer zu folgen. Damit öffnete sich bereits kurz nach dem Start eine breite Schere zwischen dem OTG und dem Rest der Flotte.

Es war eine bewusste Wahl der zuvor ausgeklügelten Route, keine gewollte Entscheidung für den Split. Dennoch war die „Einstein“ damit auf sich allein gestellt, fand aber im Norden der Balearen den besseren Wind. Während die konkurrierende Flotte zunächst südlich von Mallorca und dann noch mal zwischen Mallorca und Menorca hängen blieb, konnte das OTG-Team den Vorsprung bis zum Mittwochmorgen auf rund 100 Seemeilen ausbauen.

Der Abstand bot indes keine Sicherheit. Und so pushte die Mannschaft ihre Yacht, sofern es der flaue Wind zuließ. Insbesondere die Britin Annie Lush ist eine akribische Arbeiterin am Trimm und forderte ihre Mannschaftskollegen mit Grinder Phillip Kasüske zur ständigen Korrektur der Segel. Kein Meter sollte verloren gehen, die Konzentration niemals schwinden – trotz drückender und teilweise stehender Hitze auf dem Boot. Doch der Vorsprung verdunstete am Mittwoch wie Wasser im Mittelmeer.

Der wohlverdiente Schluck nach einem nervenaufreibenden Flautenkrimi. Foto: Sailing Energy / The Ocean Race

Mit mehr Druck kamen die Verfolger auf, aus 100 Seemeilen wurden etwas mehr als 30 Seemeilen Abstand, als die „Einstein“ im Laufe des Mittwochs dicht unter der französischen Festlandsküste kreuzte. Doch in der Nacht wurden auch „11th Hour Racing“ und „LinkedOut“, die mit dem OTG am Sonnabend um den Gesamtsieg kämpfen, ausgebremst. So war es vor dem finalen Schlag in Richtung Genua am heutigen Morgen ein 40-Seemeilen-Polster, das Robert Stanjek und Crew bei der Peilung auf Genua mitnahmen. Das war für die Konkurrenz nicht mehr aufzuholen.

Das entscheidende Coastal-Race wird für die IMOCAs um 12.15 Uhr gestartet. Der Sieger erhält hier drei Punkte für das Ranking, die beiden Verfolger zwei und einen Punkt. In der Gesamtwertung führt das OTG das Klassement mit 14 Zählern und damit einem Punkt Vorsprung an. Bei Punktgleichheit entscheidet jedoch das letzte Rennen.

3 Kommentare zu „Offshore Team Germany holt Sieg auf der letzten Etappe des Ocean Race Europe“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Herzlichen Glückwunsch! Sehr guter Erfolg! Das OTG so stark auftrumpft hätte ich vor dem TORE nicht geglaubt.
    Kann Philipp gut verstehen, das muss für die fünf eine echte Nervenschlacht gewesen sein.

  2. avatar ds sagt:

    Glückwunsch an das Team. Benjamin ist eine tolle Ergänzung. Und viel Erfolg für das coastal race. 12.15 Uhr schön und gut, aber welcher Tag?

  3. avatar Ulrich Jäger sagt:

    Herzlichen Glückwunsch, ich bin tief beeindruckt und gerührt. Was für ein Jahr für den Segelsport in Deutschland. Erst Die Vendee Globe mit Boris, und nun das Offshore Team Germany. Best Performance seit Illbruck. Ihr seid der Hammer !

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