+++ Präsidenten-Interview: Die Herausforderungen für ISAF-Chef Carlo Croce +++

”Wir werden ein professioneller Sport”

Der Italiener Carlo Croce geht in das zweite Jahr seiner ISAF-Präsidentschaft an. Welche Änderungen soll es geben, welche Richtung will er mit dem Segelsport einschlagen? Øyvind Bordal hat ihn für SR befragt.

Carlo Croce

Der neue ISAF Präsident Carlo Croce aus Italien. © FIV

Auf der ISAF-Konferenz wimmelt es nur so von älteren Männern in Blazern, die einander die Hände schütteln und sich gemeinsam an die letzte Begegnung erinnern. Es kann schwierig sein, sie auseinander zu halten. Aber ich erkenne leicht den Italiener mit dem ich verabredet bin. Sein mildes Gesicht ging auf den Bildern der Segelsportpresse um die Welt, als er 2012 zum neuen ISAF-Präsidenten gewählt wurde.

Carlo Croce dreht sich um – ein älterer, lächelnder Herr im Anzug nicht besonders groß. Die Stimme ist dunkel und rau, und er spricht langsam mit einem Akzent wie direkt aus einem Mafiafilm. Er will gerne reden.

Was sind die größten Herausforderungen in den kommenden Jahren für die ISAF?

”Ich glaube unser große Thema ist es, den Segelsport zu einem wirklich professionellen Sport zu verändern. Die Segler sollen damit ihren Lebensunterhalt verdienen können”, sagt er. ”Und eine der wichtigsten Voraussetzungen ist ein bedeutender Sailing World Cup. Den müssen wir bis zu einem Punkt weiterentwickeln, wo die großen Fernsehveranstalter von den Segel-Finalen senden wollen. Wenn wir dieses Niveau erreichen, werden größere Sponsoren zum Sport kommen. Sie wollen gerne dort sein, wo das Fernsehen ist.

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Sollte das gelingen, müssen wir auch ein Format haben, dass leicht zu verstehen ist. Ich glaube, wir werden etwas entwickeln, das einem Tennisturnier gleicht: Du fängst mit vielen Teilnehmern an, und im Ablauf des Turniers, verbleiben immer weniger Teilnehmer. So spitzt sich alles auf ein Finale zu, wo nur die wirklichen Helden dabei sind.

Beim Tennissport sind vielen Menschen die Top Ten der Weltrangliste bekannt, oder sie erkennen zumindest den oder anderen Namen wieder. Wir behalten nicht wer zum Beispiel die Nummer 55 ist, aber wir kennen die Besten. Das ist genau das, was ich mit unserem Sport erreichen möchte.

World Cup als Elite-Event

Momentan können Sie und ich uns einfach bei einem World Cup im Segelsport anmelden und dann sind wir dabei. Aber wenn wir uns für Wimbledon anmelden würden, dann würden sie uns als Teilnehmer nicht akzeptieren. Dort stellen sie hohe Anforderungen!

Und so sollte es auch sein in einem Sailing World Cup. Es sollte von hoher Qualität sein, ein richtiges Elite-Event. Die Leute würden verstehen, dass das nichts ist, woran jeder teilnehmen könnte. Das würde auch den Teilnehmern in ihrem Sport helfen. Unter anderem würde es für sie bedeuten, dass es viel leichter wäre, Sponsoren zu beschaffen.

Ich erwidere, dass hier ein Widerspruch vorliegt, der große Kompromisse fordert. Auf der einen Seite besteht das Bedürfnis, ein einfaches Format zu haben, das die Medien und Zuschauer anlockt. Auf der anderen Seite gibt es ein Befdürfnis dem Sport Fairness zu sichern und Zufälle durch extreme Winddreher zu minimieren. Die entstehen aber, wenn man Segel Wettbewerbe sehr dicht unter Land abhält.

Wenn einige wenige und kurze Segel Wettbewerbe am Ende des Turniers eine entscheidende Rolle kann das Leistungsbild schief werden. Momentan weiß ich, daß viele Segler dagegen sind, noch mehr vom sportlichen Aspekt auf dem Medien-Altar zu opfern. Wie denkt Croce darüber, wie die zwei widersprüchlichen Bedürfnisse sich die Waage halten?

Seele nicht ans Fernsehen verkaufen

Croce nickt: ”Sie haben recht, die Dinge müssen sich die Waage halten. Und wir dürfen unsere Seele nicht an das Fernsehen verkaufen. Im Gegenteil. Wir wünschen uns, so weit möglich die traditionellen Formate zu behalten. Wenn wir uns zum Beispiel die Olympischen Spiele in Weymouth anschauen, dann waren die Medal Races, also die Finalwettbewerbe, ein großer Erfolg in medialer Hinsicht.

Aber einige davon beinhalteten zu viele Glücksspiel-Faktoren. Die Sportler haben vier Jahre lang sehr hart gearbeitet, einen großen Einsatz geleistet … und dann riskieren sie es, im Finalwettbewerb zu enden, der ein Scherz ist! Das darf nicht geschehen. Wir müssen auf der technischen Seite sehr vorsichtig sein.

Man kann auch Vieles in der Vermittlung tun, um es spannender und verständlicher zu machen. In San Francisco habe ich das System verfolgt, das sie beim Americas Cup benutzen: Eine Linie horizontal über der Bahn, die es unmittelbar verdeutlicht, wer in Führung liegt, und wie weit es bis zu der Konkurrenz ist. Der Mann hinter diesem System hat uns angeboten, kostenlos mit uns zu arbeiten, und darauf freuen wir uns.”

Konservativ, aber nicht dumm

Aber ist die ISAF im Stande die notwendigen Veränderungen durchzuführen, um diese Zielsetzung zu erreichen? Die ISAF ist ja dafür bekannt, eine sehr konservative Organisation zu sein. Croce nimmt die Frage erhobenen Hauptes:

”Wir können ruhig konservativ sagen, aber ich würde nicht dumm sagen”, sagt er. ”Wir haben viele fähige Leute, und wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo alle verstehen, dass wir handeln müssen. Das bedeutet auch, dass wir etwas dagegen vornehmen müssen, wie die Organisation eingerichtet ist. Unser System ist sehr kompliziert. Es garantiert 100-prozentige Demokratie, und das ist etwas, was wir behalten wollen, es ist gut.

Aber es entstehen garantiert auch einige Probleme, wie es die Geschichte gezeigt hat. Zum Beispiel dieses Hin und Zurück zwischen Kite- und Windsurfing als olympische Sportart und wie auch andere Entscheidungen. Gerade dieses Beispiel zeigt mit aller Deutlichkeit, wie ein extremes Gleichgewicht zwischen Machtfaktoren ein Durcheinander und Chaos hervorbringen kann.”

Peinliches, altmodisches System

Also, wie sollen die Entscheidungsprozesse verändert werden, damit ein solches Durcheinander verhindert wird?

Wir müssen mehr beweglicher werden, um schneller reagieren zu können”, sagt Croce und erzählt, dass er gerade an einer Sitzung mit sämtlichen Sommersportarten teilgenommen hat – 24 Sportarten waren repräsentiert.

”Jeder einzelne von uns wurde gefragt, wie unsere Regierungsformen fungierten” sagt er, ”und ich weiß noch als wir an die Reihe kamen und es wirklich peinlich wurde! Wir hatten bei Weitem das rückständigste System und eine veraltete Regierungsform, die man sich vorstellen kann –  es wurde mir wirklich klar welch ein schwieriges und altmodisches System wir haben!

Es gibt zum Beispiel die Jahreskonferenz und das AGM, also die Generalversammlung. Niemand anders hat so etwas! In anderen Verbänden sind die Jahreskonferenz und die Generalversammlung ein und dasselbe und man trifft  sich einmal jährlich. Dann werden die meisten Entscheidungen getroffen. Es ist sehr kompliziert unser System zu ändern, aber jetzt wissen wir zumindest welchen Weg wir gehen wollen…”

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