Riechers Taktik-Analyse. Stopps könnten weniger kosten als erwartet

West is Best

"Estrella Damm" ist so gerade noch durch die Doldrums gerutscht und wird die Führung übernehmen, wenn die ersten beiden Boote nach Brasilien abdrehen © FNOB

Der alte Offshore-Haudegen Jean Le Cam hat mal gesagt „Wenn Du keine Ahnung hast, wo Du hinfahren sollst, fahr einfach nach Westen“. An der Aussage ist etwas dran! Schließlich hat Nico Troussel damit sein erstes Figaro gewonnen und diese Taktik hat mich beim Mini Fastnet 2010 vor einer großen Blamage gerettet. Da wusste ich auch nicht weiter, habe mich für Westen entschieden und wurde am Ende fünfter – statt 15.

Nun scheint sich diese Binsenweisheit, die eigentlich nur für die Nordhalbkugel gilt, auch beim Barcelona World Race zu bewahrheiten. Denn das St. Helena Hoch versperrt für einen Großteil der nächsten Woche den Weg in die Roaring Fourties – dem Highspeed-Highway der Südhalbkugel. Der einzig sichere Weg nach Süden führt über einen recht westlichen Kurs – westlich 32° westlicher Länge. Weiter östlich läuft man Gefahr, im St. Helena Hoch stecken zu bleiben.

Dieses Wetter liegt auf dem Kurs Richtung Südafrika vor der Flotte. Ein westlicher Bogen verspricht den größten Erfolg

Diese Entwicklung wird die Teams von „Foncia“ und „Virbac-Paprec“ freuen. Durch ihre Reparaturstopps sind sie sogar gezwungen, einen westlichen Kurs zu nehmen und Recife anzulaufen. So haben sie alle Chancen, zum Hauptfeld wieder aufzuschließen. Denn das wird Zeit auf dem taktisch schwierigen und nicht sehr schnellen Weg gen Süden verlieren. So werden sich wohl beide eine Chance auf den Sieg in dieser Regatta wahren können.

Stark profitieren von der Wetterentwicklung werden „Estrella Damm“ und „Mapfre“. Beide haben die Doldrums mittlerweile verlassen und sind weit westlich positioniert, perfekt für die Wetterentwicklung der kommenden Woche. Die beiden werden sich auch von ihren direkten Verfolgern „Groupe Bel“ und „Mirabaud“ distanzieren können. Ich gehe davon aus, dass „Estrella Damm“ sich einen Vorsprung von über 200 Meilen auf „Groupe Bel“ und Co bis zum Ende des Wochenende ersegeln wird.

Kompliziert wird die Situation für Boris Herrmann, er ist mit seinem Co Skipper Ryan Breymeier als erster Richtung Südosten „abgebogen“ – etwas verfrüht, wie ich denke. Sie waren so eben aus den Doldrum heraus, als sie sich nach Südosten orientierten. Jedoch sind die Doldrums teilweise sehr mobil und verschieben sich gerne mal rasch südlich. So wurden sie wieder eingefangen. Hätten sie sich nach Süden – beziehungsweise leicht südwestlich orientiert, wären sie womöglich noch entkommen.

Dieser kleine Fehler ist ärgerlich. Eigentlich lagen sie super im Rennen. Jetzt aber haben sie 70 Meilen auf Groupe Bel verloren und von hinten kommen „Renault“ und „Gaes“ angestürmt.

"Mare.de" Skipper Jörg Riechers. © J. Riechers

Zum Autor: Der Hamburger Einhand-Offshore-Segler Jörg Riechers hat zuletzt bei seiner Class40 Premiere mit “Mare.de” einehervorragende Leistung mit Platz sechs bei der Route du Rhum abgeliefert. Davor segelte er in der Mini-Klasse sensationell stark. Mit Platz zwei beim Einhand-Rennen Les Sables – Azoren – Les Sables bestätigte er seine internationale Spitzenposition in dieser Klasse.

Spenden
https://northsails.com/sailing/de/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *